Ausgegraben

Isle of Thanet Ein Friedhof für die Ewigkeit

Ausgegraben: Der Friedhof am Ende Englands Fotos
Wessex Archaeology

Vor dem Bau einiger Häuser auf der britischen Isle of Thanet entdeckten Archäologen ein ungewöhnliches Gräberfeld. Die Begräbnisrituale und die Herkunft der Toten stellen sie vor ein Rätsel.

Ganz im Südosten Englands liegt die Isle of Thanet - so nah an Frankreich, dass man an klaren Tagen die Küste sehen kann. Deshalb wählte Julius Cäsar auch diesen Zipfel Britanniens als ersten Anlaufpunkt für seine Invasion im Jahr 55 vor Christus. Doch schon lange bevor die Römer kamen, war Thanet ein Anziehungspunkt für ein internationales Publikum - und ein Ort, an den die Menschen viele Jahrhunderte lang ihre Toten brachten. Die überraschenden Ergebnisse einer Ausgrabung in der Pegwell Bay wurden am Donnerstag von Wessex Archaeology in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift British Archaeology vorgestellt.

Die Ausgrabungen waren zunächst nur eine routinemäßige Untersuchung vor dem Bau einiger neuer Häuser. Womit niemand gerechnet hatte: Die Archäologen stießen auf ein Gräberfeld. Und zwar auf ein äußerst ungewöhnliches. Komplette Körpergräber, einzelne Knochen, manipulierte und bearbeitete Knochen, Menschen, Tiere - hier schien es alles zu geben. Die ältesten Toten stammten aus der Frühen Bronzezeit (2200-1500 v. Chr.). Und immer wieder - wenn auch manchmal mit langen Pausen dazwischen - brachten die Menschen ihre Toten her. Weit über 2000 Jahre später, noch im späten siebenten Jahrhundert nach Christus, legten die Angelsachsen hier ihre Toten nieder. Das ist eine unvorstellbar lange Zeit: Im heutigen Europa wird man kaum einen Friedhof finden, der schon seit Christi Geburt genutzt wird.

Als besonders interessant erwies sich dabei das Areal Nummer 2018. Es bestand aus einer Vielzahl sich überschneidender kleiner Gruben, mindestens 36 davon. Dreimal in der Geschichte von Thanet hatten die Menschen beschlossen, ausgerechnet hier ihre Toten niederzulegen. Zum ersten Mal kamen sie in der Späten Bronzezeit (1100 bis 800 v. Chr.). Dann herrschte 300 Jahre lang Pause, bis in der Frühen Eisenzeit (500 - 400 v. Chr.) der Friedhof weitergeführt wurde. Eine dritte Gruppe von Skelettresten datiert schließlich noch in die Mittlere Eisenzeit (400 - 200 v. Chr.). Doch was passierte hier? Welche seltsamen Rituale zelebrierten die Menschen auf diesem Friedhof?

Diese Fragen warf vor allem die Grube Nummer 3666 auf, die in der Bronzezeit angelegt wurde. Ungewöhnlich ist zunächst einmal schon, dass die Archäologen des Teams um Jacqueline McKinley darin überhaupt komplette Skelette fanden. Da in der Bronzezeit die Toten meist verbrannt wurden, sind Körperbestattungen selten. In der Grube lag eine Frau, die im Alter von etwa 50 Jahren gestorben war. Der Grund für ihren Tod war leicht ersichtlich: Auf dem Hinterkopf klafften die Spalten, die eine scharfe Waffe geschlagen hatte - wahrscheinlich ein Schwert. Spuren einer Gegenwehr fehlen.

Die Ausgräber spekulieren deshalb sogar, dass sie freiwillig starb - als Menschenopfer. Wer sie bestattete, hatte der Frau ein Stück Kreide in die linke Hand gedrückt und diese vor ihrem Gesicht platziert. Ihre rechte Hand deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger der Mitte der Grube zu. Man bettete ihren Körper auf zwei gleich nach der Geburt geschlachtete Lämmer. Doch nicht etwa auf deren weiches Fell - denn das war da lange schon nicht mehr vorhanden. Eine C14-Datierung ergab, dass die Lämmer, als die Frau auf sie gelegt wurde, bereits mindestens ein Jahr lang tot waren. In ihren Schoß bekam sie zwei weitere Lämmer gelegt.

Mit in dem Grab lagen außerdem zwei Kinder, ein Mädchen im Teenageralter und ein erwachsener Mann, für den es allerdings nicht das erste Grab war. Sein Leichnam hatte wahrscheinlich einige Zeit gefesselt oder in einem Sack verschnürt überdauert, bevor er in Grube 3666 gelangte. Auch die Schädel der Kinder hatten sich die Bestatter noch einmal vorgenommen, als sie schon zum Teil verwest waren. Und der Teenager ruhte über dem Kopf einer Kuh. In den Erdschichten über diesen fünf Toten steckten noch weitere einzelne menschliche Knochen. Doch mysteriöserweise waren sie nicht etwa jüngeren Datums, wie zu vermuten gewesen wäre. Sie stammten von noch älteren Toten, die man wieder ausgegraben hatte. Diese seltsamen Riten - das Begraben, wieder Ausgraben und Umarrangieren der Knochen - sollte nach dieser Bestattung noch fünf oder sechs Jahrhunderte weitergehen. Aber Grube 3666 blieb der komplexeste Fund.

So weit, so gut. Doch die größte Überraschung kam erst noch, als Andrew Millard von der Durham University die Ergebnisse seiner Sauerstoff- und Strontiumisotopenanalyse der Zähne schickte. Die Toten stammten gar nicht alle aus Britannien. Zu allen Zeiten waren offenbar auch Menschen aus anderen Regionen Europas hierher gekommen. Genauer gesagt von zwei Orten: aus Skandinavien sowie aus dem westlichen Mittelmeerraum. Einige der Neuankömmling hatten diese weite Strecke in sehr jungen Jahren zurückgelegt, sie kamen nach Britannien, als sie erst zwischen drei und zwölf Jahren als waren. Insgesamt konnte Millard Zähne von 25 Individuen untersuchen. Neun davon waren Briten - fünf aus der späten Bronzezeit, drei aus der frühen und einer aus der mittleren Eisenzeit. Acht waren Skandinavier, vermutlich kamen sie aus dem südlichen Norwegen oder Schweden - zwei davon stammten aus der Bronzezeit, sechs aus der Eisenzeit. Die übrigen sechs waren aus der westlichen Mittelmeerregion nach Thanet gekommen - vier davon in der Bronzezeit, einer in der mittleren Eisenzeit.

Auch danach blieb dieser Zipfel Südostenglands ein Ort für Einwanderer. Im fünften Jahrhundert nahm mit den beiden Kriegerfürsten Hengest und Horsa die angelsächsische Invasion von hier aus ihren Anfang. Die beiden sollen angeblich von Wenningstedt auf der Insel Sylt losgesegelt sein. Denkbar, dass auch Horsa - der angeblich im Osten Kents begraben ist - auf Thanet seine letzte Ruhestätte fand. "Vor zwei bis drei Jahrtausenden, also Jahrhunderte vor dem Beginn der Geschichtsschreibung, war dieser Teil Britanniens eindeutig Teil der großen europäischen Szenerie", schließen die Forscher ihren Bericht.

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Koda 07.06.2013
arcimboldo313 07.06.2013
Stelzi 07.06.2013
A:S: 07.06.2013
realhirsch 07.06.2013
realhirsch 07.06.2013
naseweis007 07.06.2013
wirklick 07.06.2013
crigs 08.06.2013
Ich_sag_mal 09.06.2013
pfaffae 09.06.2013
SuperWario 09.06.2013
krausi-z 09.06.2013
crigs 09.06.2013
crigs 09.06.2013
crigs 10.06.2013
spon-facebook-10000363349 12.06.2013
crigs 20.06.2013
terraner63 28.06.2013
pfaffae 15.07.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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Radiokarbondatierung
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Lumineszenzdatierung
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Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.