Ausgegraben

Heiliger Lucius Dänen verehrten jahrhundertelang falschen Schädel

Roberto Fortuna

Jahrhundertelang verehrten die Katholiken im dänischen Roskilde den Schädel des Heiligen Lucius. Doch jetzt steht fest: Der Kopf kann dem Heiligen gar nicht gehört haben. Wer aber liegt dann in dem Reliquienschrein?

Als in den 1100er Jahren die letzten Steine in den Dom zu Roskilde - den Vorgängerbau des heutigen romanisch-gotischen Backsteindoms - gesetzt wurden, fehlte den Bewohnern der dänischen Stadt nur noch eines: ein Schutzheiliger. Also schickten sie zwei Stiftsherren auf den Weg nach Rom, sie sollten dort nach geeigneten Reliquien suchen.

Als die beiden Kanoniker Rom erreicht hatten, so die Legende, erschien einem von ihnen des Nachts der Heilige Lucius im Traum. Er wolle Schutzpatron Roskildes sein bis ans Ende der Zeit, ließ er den frommen Mann wissen. Am nächsten Tag gingen die beiden mit der Erlaubnis des Papstes zur Kirche Santa Cecilia in Trastevere. Dort ruhten auch die Knochen des 254 verstorbenen Papst Lucius. Ihn zu finden, war nicht schwer: Hell leuchtete ihnen der Schädel entgegen, verheißungsvoll in das durch die Kirchenfenster einfallende Sonnenlicht getaucht.

"Die Geschichte der zwei Stiftsherren steht so im Necrologium Roskildense, das 1517 gedruckt wurde", erklärt Per Kristian Madsen, Direktor des dänischen Nationalmuseums. Heute befindet sich der Schädel in Madsens Obhut - auch wenn ihn seit 1908 die dänischen Katholiken in ihrem Dom zu Kopenhagen aufbewahren dürfen. Nur: Es ist nicht der Schädel des Heiligen Lucius. Moderne Untersuchungen haben jetzt gezeigt, dass die beiden Kirchenmänner den falschen Kopf von ihrem Rom-Besuch mitbrachten.

Zwei Schädel, eine Inventarnummer

Die Studie sollte vor allem klären, ob es sich bei dem Schädel vielleicht um den des norwegischen Königs Sigurd Jorsalfarer handelt, der 1130 starb. Dessen angebliches Haupt wird heute in der Köningsgruft der norwegischen Könige auf der Festung Akershus in Oslo aufbewahrt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lag auch dieser Kopf - wie der Lucius-Schädel - im dänischen Nationalmuseum. Unglücklicherweise tragen beide dieselbe Inventarnummer. "Der Grund dafür dürfte ein Fehler bei einer Neuordnung der Sammlung gewesen sein", vermutet Madsen.

Der Physiker Jan Heinemeier von der Universität Aarhus führte eine Datierung mit Hilfe der Kohlenstoff-14-Methode durch. Das Ergebnis: Der Schädel stammt aus Jahren 340 bis 431. Damit kann er nicht Sigurd Jorsalfarer gehört haben, sondern höchstens einem weit entfernten Urahn des norwegischen Königs.

Auf wessen Körper aber saß der Kopf einst? Um das herauszufinden, führte die Archäogeologin Karin Frei eine Strontiumisotopen-Analyse durch. Das Verhältnis der Strontiumisotopen zueinander ist - zumindest theoretisch - an jedem Ort dieser Erde anders.

Mit dem Wasser, das durch Gestein fließt, nehmen Pflanzen und damit auch die Tiere diese spezifische Isotopensignatur in sich auf - und am Ende der Nahrungskette auch der Mensch. Das Isotopenverhältnis in seinen Knochen gibt also Auskunft darüber, welches Wasser er trank und wo die Pflanzen und Tiere herkamen, von denen er sich ernährte. Freis Ergebnis: Der Besitzer des Schädels könnte wie Lucius durchaus in Rom und Umgebung gelebt haben. Oder aber auch in Dänemark, denn die Strontiumisotopen-Verhältnisse beider Orte sind sich erstaunlich ähnlich.

Skelett ohne Kopf?

Nun ist es eher unwahrscheinlich, dass die beiden Kirchenmänner in den 1100er Jahren aus Rom einen Schädel von jemandem mitbrachten, der sieben Jahrhunderte zuvor dänisches Wasser getrunken hatte. Die Katakomben der Stadt aber waren voller Knochen von Römern vergangener Jahrhunderte - ausreichend Material, um damit sämtliche Kirchen der Christenheit mit Reliquien auszustatten.

Madsen und seine Kollegin Jette Arneborg würden nun gerne nach Rom fahren und einen Blick in den Sarkophag des Heiligen Lucius werfen, der noch heute in besagter Kirche in Trastevere steht. "Seine Knochen lagen - wie auch die von Cecilia und ihrem Gatten, dem Heiligen Valerius - ursprünglich in den Katakomben des Calixtus", erklärt der Museumsdirektor. Sollte Lucius der Kopf fehlen, wäre zumindest ein Teil des Rätsels gelöst und der Bericht der beiden Kanoniker bestätigt.

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