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Ausgegraben

Dürre offenbart Standorte fehlender Stonehenge-Steine

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Mike Pitts

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Bildeten die Steinsäulen von Stonehenge einst einen vollständigen Kreis? Der trockene Sommer scheint den alten Archäologen-Streit entschieden zu haben - ein fehlender Gartenschlauch ermöglichte die Entdeckung.

Wenn wir an Stonehenge denken, sehen wir vor Augen einen Steinkreis. Schön ordentlich im Rund aufgestellte Steine, von allen Seiten gleich anzuschauen. In Wahrheit aber ist Stonehenge alles andere als rund, sondern hat eher die Form eines angeknabberten Kekses.

Nähert man sich dem Monument von Nordosten her, sieht man die heile Seite - die Postkartenansicht. Doch kommt man vom Südwesten auf Stonehenge zu, wirkt das ganze schon krümeliger. Große Lücken klaffen da im Ring, die größte von ihnen ist so breit, dass vier weitere Steine darin Platz hätten.

War es nur der Zahn der Zeit, der sich einen großen Biss aus dem Stonehenge-Keks genommen hat? Oder ist die offene Anordnung vielleicht sogar die volle Absicht der Erbauer gewesen? Diese Frage ist nicht neu, sie wird bereits seit dem 18. Jahrhundert diskutiert. In der neuen Ausgabe der Zeitschrift "British Archaeology" liefert Herausgeber Mike Pitts nun einen neuen Beitrag zu der Diskussion: "Neue Hinweise, die das heiße, trockene Wetter verursacht hat, scheinen den Fall nun zugunsten des kompletten Kreises entschieden zu haben," schreibt er.

Umrisse werden sichtbar

Manchmal kann Archäologie so einfach sein. Der heiße, trockene Sommer diesen Jahres dörrte das Gras Südenglands mächtig aus. Auf Flächen, die sonst mit dichter Vegetation bedeckt sind, traten dadurch Abdrücke archäologischer Spuren zu Tage. Ein Boden, der von schweren Steinen oder Mauern über einen langen Zeitraum zusammengedrückt wurde, kann weniger Wasser speichern als die Umgebung - die Umrisse der Bebauung werden durch die besonders verdorrten Pflanzen als braune Flecken sichtbar.

Stonehenge: Weiße Flecken zeigen fehlende Steine Zur Großansicht
Mike Pitts

Stonehenge: Weiße Flecken zeigen fehlende Steine

In diesem Jahr mussten die Archäologen sich also nur in Flugzeuge setzen, um zahlreiche neue archäologische Stätten entdecken zu können. In Wales beispielsweise fand der Luftbildarchäologe Toby Driver von der Royal Commission on the Ancient and Historical Monuments of Wales (RCAHMW) während der vergangenen Wochen ein neues römisches Fort, ein weiteres römisches Camp sowie zahlreiche eisenzeitliche Höfe und Befestigungen.

In Stonehenge war es nicht allein die Dürre, sondern auch die Geldknappheit von English Heritage, die zu den Neuentdeckungen führte. Denn wie Pitts berichtet, war der Gartenschlauch, den die Denkmalpflegeorganisation den Angestellten zum Bewässern der Rasenfläche zur Verfügung stellte, zu kurz. Der Sprenkler reichte nicht bin in die Südwestecke des Monuments, das Gras dort musste ohne zusätzliches Wasser auskommen.

Ring-Gläubige und Ring-Ungläubige

Als die Halme dann zu dörren begannen, entdeckte der Stonehenge-Kenner und Autor mehrerer Broschüren zu dem Monument Tim Daw braune Flecken. Zunächst fielen sie ihm nur an den Stellen der Gruben - der so genannten Y- und Z-Löcher - auf. Dann aber entdeckte Daw die braunen Flecken auch auf der Südwestseite des Ringes aus Sarsensteinen. Auch in der riesigen Lücke von Position 17 bis 20.

Die Idee, dass der Ring niemals komplett hatte sein sollen, brachte 1747 als erster der Architekt John Wood ins Spiel. "The whole Work was never compleat" schrieb er in seiner Veröffentlichung der zentimetergenauen Vermessung des Monuments und säte damit den Keim des Zweifels, der bis heute nicht ausgerottet werden konnte. Noch 1995 fand eine geophysische Bodenuntersuchung keine Spur von Steinen in den Lücken der Südwestseite. Und ein 3D-Laserscan der Sarsen im vergangenen Jahr zeigte, dass die Blickrichtung auf das Monument tatsächlich diejenige aus Nordosten war.

Denn während die Steine auf dieser Seite größer und besser bearbeitet waren, wurde auf die Steine am Südwestende des Monuments weniger Mühe verwendet. Allerdings zeigten die Scans auch, wie arg die Steine im Laufe der Jahrtausende gelitten hatten. Die Schadspuren machten es wiederum wahrscheinlich, dass andere Steine die massiven Angriffe mit Werkzeugen oder gar Stürze nicht überstanden haben.

Vielleicht, schließt Pitts seinen Bericht, können sich nun Ring-Gläubige und Ring-Ungläubige auf einen Kompromiss einigen: Der Kreis war "komplett, aber ein wenig rau an der Rückseite."

42 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Maulwürfin 19.08.2013
Layer_8 19.08.2013
Oberleerer 19.08.2013
Cleo96 19.08.2013
r@zzi0n@l 19.08.2013
capote 19.08.2013
schriftsetzer 19.08.2013
DieAntwort 19.08.2013
IrgendeinNickname 19.08.2013
algoviano 19.08.2013
quadratkopf 19.08.2013
Paul Panda 19.08.2013
a.led. 19.08.2013
r@zzi0n@l 19.08.2013
trafozsatsfm 19.08.2013
grandpa_wolf 20.08.2013
lemmuh 20.08.2013
grandpa_wolf 20.08.2013
waelder 20.08.2013
plagiatejäger 20.08.2013
oldsaxon 20.08.2013
Maulwürfin 20.08.2013
mittelerdling 20.08.2013
forenaccount 20.08.2013
Irek 20.08.2013
arago 20.08.2013
veermaster 20.08.2013
mobil724 20.08.2013
Layer_8 20.08.2013
rogerwilco 20.08.2013
S.K.Paden 20.08.2013
mobil724 20.08.2013
Ursula W. Koehler 20.08.2013
capote 20.08.2013
r@zzi0n@l 20.08.2013
mobil724 20.08.2013
a.led. 21.08.2013
mobil724 22.08.2013
a.led. 22.08.2013
Kommentatoriker 26.08.2013
spon-facebook-10000048443 03.10.2013
Julika77 07.03.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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