Ausgegraben

Ausgegraben Englische Siedler aßen Monsterstöre und ein Mädchen

Jamestown: Von Fisch-Gourmets zu Kannibalen Fotos
Preservation Virginia

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Als die ersten englischen Siedler in der Neuen Welt die Kolonie Jamestown gründeten, fischten sie gigantische Störe aus dem James River. Doch dann blieben die Fische aus - und die Siedler wurden zu Kannibalen.

"Wir haben mehr Stör, als Hund und Mensch verzehren können", schrieb John Smith zu Beginn des Jahres 1609. Der Mitbegründer von Jamestown, der ersten dauerhaften englischen Siedlung in Nordamerika, hat offenbar nicht übertrieben: Den Nachweis des exzessiven Stör-Verzehrs fanden Archäologen nun in einem Küchenkeller der Siedlung.

Störe sind Knochenfische: urtümliche Wesen, deren Körper nicht mit Schuppen, sondern mit buckeligen Knochenplatten geschützt sind. Heute gehört der Stör im James River, an dem die Siedler sich damals niederließen, zu den gefährdeten Arten. Die letzten Exemplare sind vergleichsweise zierlich: Sie bringen im Schnitt etwa 150 Kilogramm auf die Waage. Dagegen waren die Störe des beginnenden 17. Jahrhunderts wahre Giganten. Bis zu 400 Kilogramm schwer müssen die Riesenfische angesichts der Größe ihrer Knochen gewesen sein.

Matt Balazik von der Virginia Commonwealth University studiert die Störe des James River schon seit zehn Jahren. Doch was er jetzt in den Küchenabfällen der Siedlung gefunden hat, übersteigt alles, was ihm je untergekommen ist: "So etwas habe ich noch nie gesehen." Eine Knochenplatte aus der jüngsten Grabung bezeichnete er in einem Artikel in der Lokalzeitung "Daily Press" als "freakhaft groß". Die Störe von Jamestown könnten weit über drei Meter lang gewesen sein, vermutet Balazik.

Störfleisch mit ins Brot

Die Küchengrube, in der die Störknochen gefunden wurden, nutzen die Siedler in den Jahren 1609 und 1610. Der L-förmige Raum war etwa eineinhalb Meter tief in die Erde eingegraben und lag in rund 20 Meter Entfernung vom Ufer des James River. Es muss eine gehörige Anstrengung gewesen sein, die Monsterfische aus den Netzen zu nehmen und dort hineinzuwuchten. Irgendwann war der gesamte Boden der Küche mit Störknochen bedeckt. "Wir haben hier praktisch eine ganze Schicht, die nur aus den Überresten von Stören besteht", erklärte Ausgräber Daniel Schmidt in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. "Dazwischen lagen noch rund ein halbes Dutzend Schildkrötenpanzer. Wir gehen davon aus, dass die Schildkröten auch gegessen wurden."

Zu der Küche gehörten zwei kuppelförmige Öfen, wie sie typischerweise zum Brotbacken genutzt wurden. Aus dem Stör "machen die Fleißigen durch Trocknen und Mahlen, durch Mischen mit Kaviar, Sauerampfer und anderen guten Kräutern Brot und gutes Fleisch", schrieb John Smith in seinen Aufzeichnungen über den Fischreichtum. "Das Tolle an diesem Zitat ist, dass Smith beschreibt, wie die Siedler Störfleisch mit ins Brot mischten", erklärt Schmidt. "Die Störreste lagen in einer Ascheschicht, die genau zu eben diesen Brotöfen gehört."

Den Siedlern muss der Störreichtum paradiesisch vorgekommen sein. In ihrer alten Heimat England waren diese Fische wesentlich kleiner - und so rar, dass sie nur bei Hofe verzehrt wurden. Jeden Tag Stör auf dem Tisch - da müssen die Siedler sich wie Könige gefühlt haben.

Dann begann die große Hungersnot

Umso härter traf die Siedler, was im Winter 1609 geschah. Als der Schnee kam, ging der Stör. Die Fische verlassen nur im Frühjahr und im Herbst den Ozean, um in den Flüssen zu laichen. Außerdem waren die 14 Netze der Siedler zu dem Zeitpunkt bereits verrottet. Keiner von ihnen war vor seiner Ankunft in der Neuen Welt Fischer gewesen - niemand wusste, dass man Netze trocknen und flicken muss, um sie zu erhalten.

Schmidt vermutet, dass der jetzt ausgegrabene Stör im Herbst 1609 gefangen wurde. Danach begann die große Hungersnot. Vorräte gab es keine. Feindseligkeiten der Powhatan-Indianer machten es den Siedlern fast unmöglich, in der Umgebung nach Nahrungsmitteln zu suchen. Von 214 Männern sollten nur 60 den Winter überleben.

In ihrer Not schlachteten sie schließlich ein etwa 14-jähriges Mädchen. Im Frühjahr dieses Jahres hatten die Archäologen ihre Knochen gefunden - mit eindeutigen Spuren an ihrem Schädel und am Schienbein. Mit scharfen Werkzeugen hatte man ihr das Fleisch von den Knochen geschabt. Die Reste des Kindes warfen die Siedler in dieselbe Kellergrube, in der sie im Jahr zuvor die Störe geschlachtet hatten. Als Küche wurde sie zu dem Zeitpunkt bereits nicht mehr genutzt.

"Wir haben Anzeichen dafür gefunden, dass die Wände einbrachen und dabei mindestens einer der Öfen beschädigt wurde", erklärte Smith. Wahrscheinlich lag es an Schäden am Dach, die nicht fachgerecht repariert wurden. "Also beschlossen die Siedler, die Grube einfach mit Abfall zu füllen."

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zephyroz 26.07.2013
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raber 26.07.2013
spon-4bq-bici 26.07.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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