Ausgegraben

Ausgegraben Brennende Ferkel lüften Friedhofsrätsel

Jonas Holm Jæger

Warum sind Brandbestattungen von Babys und Kleinkindern auf prähistorischen Friedhöfen Skandinaviens so selten? Um das herauszufinden, legten Archäologen Ferkel ins Feuer.

Ob die prähistorischen Skandinavier an ein Leben nach dem Tod glaubten, wissen wir nicht. Fest steht, dass sie ihre Toten in den meisten Fällen dem Feuer übergaben. Wenn der Scheiterhaufen niedergebrannt war, sammelten sie die Knochen aus der Asche und begruben diese sorgsam in Urnen.

Doch auf diesen Urnenfeldern fehlt ein großer Teil der Bevölkerung fast vollständig: die Babys und Kleinkinder. Wurden sie vielleicht an anderen Orten bestattet als die Erwachsenen? Oder blieb von ihnen schlichtweg bei einer Brandbestattung weniger übrig, weil die Knochen noch nicht ausgehärtet waren?

Ferkelforschung mit akkuratem Ergebnis

Diese Fragen lassen sich nur schwer pietätvoll beantworten. Doch wenn Forensiker die Vergänglichkeit von menschlichem Gewebe untersuchen wollen, hilft oft zum Vergleich eine andere Spezies: das Hausschwein. Denn sowohl die Größe als auch die Anatomie von Sus scrofa domestica ähneln den unseren. Mit anderen Worten: So wie ein Schwein vergeht, vergehen auch wir.

Also baten die Archäologen Jonas Holm Jæger und Veronica Liv Johansen einen Bauern um Ferkel, die einer natürlichen Todesursache erlegen waren. "Die Tiere waren auf natürlichem Weg im Stall gestorben und sind keinesfalls für unser Experiment getötet worden", sagt Jæger. "Und der Bauer war froh, dass wir sie ihm abgenommen haben - sonst hätte er für ihre kommerzielle Entsorgung zahlen müssen."

Um zu einem möglichst akkuraten Ergebnis zu kommen, entschieden sich die Forscher für Ferkel unterschiedlichen Gewichts, und zwar zwischen 2000 Gramm und 6000 Gramm. "So konnten wir sicherstellen, dass die Ferkel sowohl den unteren als auch den oberen Bereich an Gewicht abdecken, den wir von einem menschlichen Kind unter einem Jahr erwarten würden", schreiben die Forscher in ihrem Aufsatz in der Zeitschrift "Grupo de Estudos em Evoluçao Humana".

Für ihr Experiment fuhren die Archäologen in das "Land of Legends", ein archäologisches Freilichtmuseum westlich der Stadt Roskilde. Dort bauten sie drei Scheiterhaufen - für jedes der drei unterschiedlich großen Ferkel einen. "Bei der Konstruktion der Scheiterhaufen haben wir uns an historischen Bildern von Verbrennungen am Ganges in Indien und an früheren Experimenten von Mogens Bo Henriksen im Museum von Odense orientiert", berichtet Jæger. Das Holz dafür spendete das "Land of Legends".

Ferkelknochen überstanden das Feuer

Am Tag des Experiments spielte das Wetter gut mit: "Wir hatten während der ersten Stunde einen steten Wind, der uns half, das Feuer anzufachen", erzählt Jæger. Erst gegen Ende des Tages frischte der Wind auf, und Böen ließen die Temperaturen im dritten Scheiterhaufen - dem mit dem größten Ferkel - stark schwanken.

Auch die Museumsbesucher zeigten sich freundlich und interessiert an der Experimentalforensik. "Die Leute fanden unser Experiment - na ja, vielleicht ein bisschen merkwürdig, aber sehr interessant. Und einige der Kinder die dabei waren haben wirklich tolle Fragen gestellt."

Nach rund einer Stunde hatten die Flammen bei allen drei Ferkeln das Fleisch von den Knochen gebrannt, lediglich bei dem größten Tier haftete noch eine verkohlte Kruste an den Rippen. Am nächsten Morgen, als die Asche abgekühlt war, sammelten die Forscher ein, was übrig geblieben war: 46 Gramm Knochen vom kleinsten Ferkel, 89 Gramm vom mittleren und 186 Gramm vom größten. Das entspricht zwischen 2,18 Prozent und 3,28 Prozent des ursprünglichen Gewichts.

Damit liegen die Ergebnisse von den Freiluft-Scheiterhaufen erstaunlich nah an dem, was von einer Verbrennung in einem kommerziellen Krematorium bleibt. Dort sind nach höheren und konstanteren Temperaturen am Ende noch 3,5 Prozent vom Gewicht eines Erwachsenen, 2,5 Prozent eines Kindes und ein Prozent eines Kleinkindes übrig.

Woran kann dann die seltsame Abwesenheit der Baby- und Kleinkinderknochen auf skandinavischen Urnenfeldern liegen? Sind die Knochen nach dem Brand vielleicht so fragil, dass sie schnell zerfallen und im Boden spurlos verschwinden? Aber auch das konnten die Forscher nicht bestätigen. Die Ferkelknochen überstanden das Feuer, ohne brüchig zu werden.

"Vielleicht sollten wir die weitgehende Abwesenheit der Baby- und Kleinkinderknochen eher in einem sozio-anthropologischen Licht betrachten", bleibt Jæger und Johansen als Schlussfolgerung. Die Menschen, so die Forscher, hätten sich kulturell bedingt bewusst dagegen entschieden, toten Kleinkindern die selbe Behandlung wie toten Erwachsenen zu gewähren. "Oder", schließen sie ihre Überlegungen, "es könnte auch einfach nur bedeuten, dass wir bisher noch nicht am richtigen Ort nach ihnen gesucht haben."



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20 Leserkommentare
Mario V. 15.04.2014
wupdidu 15.04.2014
Thunder79 15.04.2014
zvonimir 15.04.2014
Lutz123 15.04.2014
mcvitus 15.04.2014
wupdidu 15.04.2014
schnabelnase 15.04.2014
oui 15.04.2014
der:thomas 15.04.2014
der:thomas 15.04.2014
wupdidu 15.04.2014
Mario V. 15.04.2014
hydrocotyle 15.04.2014
joachim_m. 16.04.2014
flyhi172 16.04.2014
freier.maurer 16.04.2014
joachim_m. 16.04.2014
Sitiveni 16.04.2014
entdoc2236 18.04.2014

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