Ausgegraben

Ausgegraben Gold aus dem Stader Schlick

Stadtarchäologie Stade

Im Alten Hafen von Stade ging in den vergangenen 1200 Jahren so einiges unter. Archäologen freuen sich über jede Scherbe, die sie im Schlick finden. Vergangene Woche aber sind sie erstmals auf einen echten Schatz gestoßen: eine Goldmünze.

"Zuerst dachte ich, da liegt ein Kronenkorken", erzählt die Finderin, die namentlich nicht genannt werden möchte, im Gespräch mit Spiegel Online. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen der Arbeitsgemeinschaft Archäologie Stade schlämmt sie seit Oktober die Berge von Hafenschlick, die bei den derzeitigen Bauarbeiten an der Hudebrücke vom Grund des Hafenbeckens geborgen wurden.

"Aber dann sah ich das Glänzen - und so glänzt nur Gold!" Ein bisschen Wasser, ein weiches Tuch und die über 450 Jahre alte Münze hatte schnell keinerlei Ähnlichkeiten mit einem Kronenkorken mehr. "Die sah aus wie frisch aus der Schublade geholt."

Es ist ein Cruzado, eine portugiesische Münze, wie sie zwischen 1521 und 1557 von König Johann III. ausgegeben wurde. "Das war die Hochzeit des portugiesischen Reiches", erklärt der Stader Stadtarchäologe Andreas Schäfer. Portugal war in jenen Jahren das, was man heute einen Global Player nennt: Unter Johanns Herrschaft wurde der portugiesische Anspruch auf Brasilien anerkannt. Aus der Neuen Welt brachten die Eroberer Gold nach Europa. "Es ist durchaus möglich, dass unser Cruzado mit Gold geprägt wurde, das die Eroberer aus Südamerika mitgebracht hatten", sagt Schäfer.

Das blühende Portugal trieb regen Handel mit den europäischen Hafenstädten - und so auch mit Stade. "Wir haben viele portugiesische Fayencen gefunden", berichtet Schäfer. Als Emanuel I., der Vater Johanns, im Jahr 1496 die Juden aus Portugal vertrieb, ließen viele von ihnen sich in den Seehandelsstädten Norddeutschlands nieder. So entstanden die Handelsbande zwischen dem Königreich und dem Hafen an der Schwinge. Bei einem dieser Handelsabschlüsse zwischen portugiesischen Händlern und Stader Kaufleuten muss der Cruzado ins Hafenbecken gerollt sein.

Die Münzfunde aus dem Schlick sind ein Abbild des Treibens in der ehemaligen Hansestadt. Denn der Alte Hafen in Stade - das Herzstück der mittelalterlichen Stadt - wurde nie ausgebaggert und ist daher in Nordeuropa einzigartig. Denare, Kreuzer, Dukaten, Gulden, Heller, Pfennige, Pennies, Taler - kaum eine europäische Währung, die nicht den Händlern aus den Taschen ins Hafenwasser gefallen wäre.

Geld aus Bremen, Hamburg und Lübeck

"Die älteste Münze ist ein Denar von Bernhard I., die zwischen 973 und 1011 in Bardowiek geschlagen wurde", führt Hans-Peter Simmert aus, der ebenfalls ehrenamtlich die zahlreichen Geldstücke identifiziert und katalogisiert. Der alte Denar ist allerdings nur halb. "Die haben damals die Münzen in zwei geteilt, wenn sie kleinere Beträge brauchten", erklärt Simmert.

Den weitesten Weg hat eine Münze aus Nordafrika zurückgelegt - sie kommt aus Tunesien. Der größte Teil der mittelalterlichen Zahlungsmittel aber stammt aus Bremen, auch Hamburg und Lübeck sind reichlich vertreten. Noch lange nicht ist der ganze Aushub von der Grabung an der Hudebrücke geschlämmt.

Anders als der goldene Cruzado, dessen Edelmetall sich nicht mit anderen chemischen Elementen aus dem Hafenschlick verbunden hatte, sind die meisten Münzen zunächst unansehnliche, korrodierte Klumpen. Der schlammige Aushub wird Eimer für Eimer auf große Siebe gekippt. Dann spülen die Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Archäologie mit dem Wasserschlauch den feinen Dreck weg. Zurück bleiben die Stücke, die nicht durch die Siebmaschen passen - Münzen, Knochen, Scherben, Schrott.

Das ist keine angenehme Arbeit: "Das Wasser stinkt, der Dreck spritzt auf die Kleidung, in die Augen, man hat ihn auf den Lippen", beschreibt die Finderin der Goldmünze den Job. Trotzdem kommen sie und ihre Mitstreiter der Arbeitsgemeinschaft immer wieder. Denn der Lohn sind die Momente, wenn unter dem Wasserstrahl wieder ein ganz besonderer Fund auftaucht.

Viele Pilgerzeichen sind darunter, die Reisende von Wallfahrtsorten wie Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostela mitbrachten, manchmal auch ein Schmuckstück, das einer Frau beim Spaziergang am Hafen verlorenging. "In den Funden steckt so viel gelebtes Leben", erklärt die Ehrenamtliche ihre Begeisterung für die dreckige Arbeit. "Und die Suche danach ist wie ein stetes, leichtes Fieber."

Auch Spielzeug fiel immer wieder ins Wasser des Hafens: Zinnsoldaten, Puppen, Tierfiguren, Murmeln - ein Querschnitt durch die Stader Kinderzimmer aller Zeiten. Einer der jüngeren Funde ist eine hellblaue Play-Big-Figur. Sie lässt sich ziemlich genau datieren, denn die einstigen Playmobil-Konkurrenten wurden nur zwischen 1975 und 1979 produziert. Anders als die etwas kleineren Playmobil-Männchen konnten die Figuren von Play-Big ihre Beine und Füße separat bewegen - was aber nicht ausreichte, um sich auf dem Markt durchzusetzen. Als sie einem Kind in den siebziger Jahren am Hafen abhanden kam, dachte es wahrscheinlich, die Figur sei für immer verloren. Doch weit gefehlt - jetzt erzählt sie Geschichte.

Viele der Funde aus der Hafengrabung sind im neu gestalteten Museum Schwedenspeicher direkt an der Grabungsstelle zu sehen.

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