Ausgegraben Die Harnröhrenspritze des Piraten Blackbeard

N.C. Department of Cultural Resources

Das Freibeuterleben barg allerhand Risiken: Verletzungen aus dem Nahkampf, Durchfall durch fauliges Wasser und nicht zuletzt die sexuell übertragbaren Krankheiten der Hafenhuren. Der berühmte Pirat Blackbeard wusste sich zu helfen.

Piratenschiffe gab es viele - Ärzte und Chirurgen aber waren höchst selten mit an Bord. Das wissen Historiker schon lange. Kein Wunder, dass der berüchtigte Pirat Blackbeard selbst unter seinen Feinden nach Medizinern fahndete, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein.

Im November 1717 erbeutete er das französische Sklavenschiff "La Concorde" und machte es zu seinem neuen Flaggschiff "Queen Anne's Revenge". Die drei Chirurgen an Bord und deren Gehilfen entsorgte er jedoch nicht wie den Rest der Mannschaft, sondern beanspruchte ihre Dienste fortan für sich.

Welche Krankheiten die Ärzte an Bord der "Queen Anne's Revenge" unter welchen Umständen behandeln mussten, erforscht Linda Carnes-McNaughton, Archäologin und Kuratorin in Diensten des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums. An dem Piratenschiff-Projekt arbeitet sie allerdings in ihrer Freizeit als Freiwillige. Auf dem Jahrestreffen der Society for Historical Archaeology präsentierte sie in einem Vortrag nun erste Forschungsergebnisse.

Blutsperre aus Messingschrauben

Vor allem zwei Quellen erweisen sich für Carnes-McNaughton dabei als hilfreich. Zum einen vermerken historische Mannschaftslisten akribisch, wer im Jahr 1717 an Bord der "La Concord" welche Aufgaben zu erledigen hatte - und wie viel er dafür bezahlt bekam. Demnach erhielt der Meisterchirurg Jean Dubou (oder Dubois) 50 Livres, der Zweite Chirurg Marc Bourgneuf 30 Livre, Claude Deshayes, seines Zeichens Dritter Chirurg, 22 Livre und der Assistent Nicholas Gautrain noch 12 Livre.

Viel war das nicht: Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts wird die Kaufkraft eines französischen Livre auf etwa fünf bis fünfzehn heutige Euro geschätzt. Dafür kamen die Männer aber wenigstens mit dem Leben davon. Nach der Havarie der "Queen Anne's Revenge" am 10. Juni 1718 in den Untiefen des Beaufort Channel vor der Küste von North Carolina kehrten alle vier nach Frankreich zurück und wurden für ihre Dienste unter Blackbeard nicht verurteilt, weil sie von den Piraten gezwungen worden waren, an Bord zu bleiben.

Was die Mediziner an Bord genau machten, verraten die Listen allerdings nicht. Doch Carnes-McNaughton fand es trotzdem heraus. Denn seit der Entdeckung des Wracks im November 1996 haben Taucher zahlreiche Gegenstände bergen können, die zum Handwerkszeug eines Chirurgen zählen.

Quecksilber gegen Syphilis

Dazu zählen zum Beispiel zwei Paar Messingschrauben, die zu einer Blutsperre gehört haben könnten. Diese Apparatur hatte erst kurz zuvor der französische Arzt Jean Louis Petit entwickelt, um bei Amputationen die Blutung zu stoppen. Auch ein Mörser und ein Satz Gewichte waren Teil ihrer Ausrüstung: Mit ihnen konnten die Ärzte Salben und Säfte herstellen. Eine knapp 14 Zentimeter lange Silbernadel diente wahrscheinlich dazu, große Schnittwunden zuzunähen.

Gruseliger wird es bei weiteren Apparaturen, die im 18. Jahrhundert ebenfalls zur Grundausstattung eines jeden Bordarztes gehörten. Aus dem Heck der "Queen Anne's Revenge" bargen die Taucher zwei Klistierspritzen aus Zinn. "Der Einlauf mit der Klistierspritze war lange Zeit die gängige Behandlung bei Durchfall, Infekten, Syphilis und Verdauungsstörungen", erklärte Carnes-McNaughton in ihrem Vortrag. Die Exemplare von Blackbeards Schiff sind zylindrisch mit einer sich verengenden Spitze zum Einführen und einem Pumpgriff am hinteren Ende.

Zur Behandlung von Syphilis diente mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein weiteres Instrument aus dem Wrack: die Harnröhrenspritze. Eine chemische Untersuchung an ihren Innenwänden brachte den Nachweis, dass mit ihr Quecksilber verabreicht wurde - damals die gängige Behandlung, um damit durch Syphilis verursachte Steine und Verunreinigungen aus dem Harntrakt zu spülen.

Interessanterweise tragen viele der medizinischen Geräte Stempel französischer Manufakturen aus dem späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Diese Markierungen kennzeichnen sie als Besitz der französischen Chirurgen, deren Dienste Blackbeard bei der Übernahme des Schiffes für sich beanspruchte. Das stimmt mit den Regeln aus dem Seefahrtshandbuch "Vade Mecum" des Jahres 1707 überein, nach denen die Chirurgen verpflichtet waren, ihre eigenen Gerätschaften mit an Bord zu bringen.

Die Instrumente gehören also nachweislich nicht zum Inhalt jener berühmten Kiste, die der Pirat bei der Belagerung der Stadt Charleston 1718 als Lösegeld für eine Gruppe englischer Politiker forderte. Damals verlangte Blackbeard eine Truhe - gefüllt mit medizinischem Bedarf. Als er bekam, was er wollte, ließ er die Geiseln anstandslos frei. Nur ohne Klamotten: Die hohen Herren mussten völlig nackt an Land gehen.



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