Ausgegraben

Behinderung Steinzeitkind überlebte schwere Schädelverletzung

Der Schädel von Skelett Qafzeh 11: Auf der rechten Seite ist die verheilte Bruchstelle zu sehen (siehe Pfeil).
PLOS/ Coqueugniot et al.

Der Schädel von Skelett Qafzeh 11: Auf der rechten Seite ist die verheilte Bruchstelle zu sehen (siehe Pfeil).


Knochen aus der Altsteinzeit zeigen schwere Verletzungen am Kopf eines Kindes. Vermutlich hatte ein Unfall ihm Koordinationsfähigkeit und Sprache geraubt. Trotzdem war es fester Bestandteil der Gemeinschaft - noch über seinen Tod hinaus.

Ein schwerer Schlag auf den Kopf eines Kindes, etwa durch einen herabfallenden Felsbrocken, kann schon mal das Leben kosten. Vor allem, wenn das Opfer in der Altsteinzeit - vor rund 90.000 bis 100.000 Jahren - lebte, als die medizinische Versorgung noch einiges zu wünschen übrig ließ. Doch ein Kind, dem im heutigen Galiläa, am südlichen Rand der Stadt Nazaret, damals ein Schlag den Schädelknochen eindrückte, überlebte die schwere Verletzung.

Sechs oder sieben weitere Jahre blieb es ein Teil der Gemeinschaft - auch wenn das Trauma vermutlich schwere psychische und Entwicklungsschäden hinterließ. Die Ergebnisse der Untersuchung des schon länger ausgegrabenen kleinen Schädels hat eine französisch-deutsche Forschergruppe um Hélène Coqueugniot von der Universität Bordeaux nun in der Zeitschrift "PLoS ONE" vorgestellt.

Um besser zu verstehen, was dem Kind damals zustieß, fertigten die Anthropologen mit Hilfe von CT Scans ein dreidimensionales Modell des Schädels an. Damit, schreiben die Forscher, ließen sich die inneren und äußeren Oberflächen der Schädelhöhle genau abbilden, sowie die Schäden, die am Gehirn entstanden, besser untersuchen.

Wachstumsstörung im Gehirn

Zunächst einmal fiel auf, dass das Schädelvolumen für das Alter des Kindes im Grunde zu klein war. Zum Vergleich vermaßen die Forscher einen weiteren Kinderschädel, der ebenfalls aus der Qafzeh-Höhle im Süden Nazarets stammte. Dieses andere Kind war nur sechs Jahre alt geworden - und doch war sein Schädelvolumen größer. Das Alter der beiden Kinder konnten Coqueugniot und Kollegen über die erhaltenen Zähne bestimmen.

Während das Schädelvolumen des jüngeren Kindes mit 86 bis 88 Prozent des Erwachsenenvolumens im Mittel der heutigen Bevölkerung liegt, brachte es das ältere Kind nur auf 81 bis 86 Prozent - und blieb damit deutlich unter der Norm. "Daraus können wir auf eine Wachstumsverzögerung im Schädelbereich schließen", folgern die Forscher.

Den möglichen Grund dafür konnten sie im 3D-Modell deutlich erkennen: ein rechteckiges Stück Schädelknochen war eingedrückt, von der verletzten Stelle ginge sternförmig Bruchlinien aus. Doch die Brüche waren zum Todeszeitpunkt schon lange nicht mehr frisch. Um sie herum hatte sich längst neues Knochengewebe gebildet.

Liebevolles Begräbnis

Doch die Delle im Schädel hat mit großer Wahrscheinlichkeit jene Areale des Gehirns geschädigt, die direkt darunter lagen. Und die sind beim Menschen verantwortlich für die Psychomotorik, die willkürlichen Bewegungen. Weiterhin scheint das frontale Augenfeld betroffen gewesen zu sein. Ist es geschädigt, sind keine bewussten Augenbewegungen mehr möglich.

Und letztlich liegt an der Stelle der Verletzung auch noch das Broca-Areal, in dem wir unter anderem die grammatikalischen Aspekte von Sprache verarbeiten. Seit seinem sechsten Lebensjahr konnte das Kind sich also wahrscheinlich nicht mehr vollständig kontrolliert bewegen, den Blick nicht mehr fokussieren und keine zusammenhängenden Sätze mehr sprechen.

Was dem Kind geschehen war, wird sich nicht mehr feststellen lassen. Üblicherweise entstehen derartige Verletzungen durch einen kräftigen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand. Coqueugniot und Kollegen recherchierten bei Kinderärzten: Tatsächlich können Traumata dieser Form auch unbeabsichtigt entstehen. Denkbar wäre zum Beispiel, dass das Kind gestürzt ist.

Schließlich war noch ein weiterer Umstand bemerkenswert: Das kleine Wesen wurde mit großer Sorgfalt bestattet. Sein Grab lag direkt vor dem Eingang der Höhle. Es muss auf jeden Fall so tief gewesen sein, dass keine Tiere an den Knochen nagten. Über dem oberen Teil der Brust lagen zwei Geweihe, und zwar so dicht bei den Handknochen, dass vermutlich jemand die kleinen Hände bei der Beerdigung darumgelegt hatte. Kein anderes Begräbnis im Bereich der Höhle, schreiben die Forscher, lasse eine derartige Sorgfalt erkennen.



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9 Leserkommentare
Senf-Dazugeberin 06.08.2014
phboerker 06.08.2014
sbi 06.08.2014
stefankronberg 06.08.2014
wonder2009 06.08.2014
stefankronberg 06.08.2014
Enkidu 11.08.2014
Enkidu 11.08.2014
hermannheester 11.08.2014

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