Ausgegraben

Ausgegraben Mumien auswickeln wie die Profis

Mumien auswickeln: Schicht für Schicht Fotos
Interactive Institute Swedish ICT

Wer schon immer mal eine alte Mumie auswickeln wollte, sollte für nächstes Jahr einen Besuch in Stockholm planen. Im dortigen Mittelmeermuseum dürfen Besucher bald fünf Einbalsamierte von Kopf bis Fuß untersuchen. Und das, ganz ohne sich die Finger staubig zu machen.

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Ihre Einbalsamierer haben Isisirdis gut vor den Blicken der Sterblichen geschützt. Insgesamt drei Sarkophage umhüllen seit ihrem Tod im 7. Jahrhundert vor Christus die sterblichen Überreste der Tochter eines Bierbrauers. Doch mit der Ruhe wird es demnächst vorbei sein. Denn Isisirdis liegt im Mittelmeermuseum in Stockholm. Und dort darf ab Februar nächsten Jahres jeder Besucher ganz ungeniert die Sarkophage öffnen und die Mumie auswickeln.

Selbst in das Innere von Isisirdis Körper wird der Besucher schauen können: Wie sieht es in ihrem Schädel aus? Wurde ihr Gehirn entfernt, der Hohlraum mit Harz gefüllt? Und legten die Einbalsamierer die konservierten Organe auch wieder zurück an Ort und Stelle?

Glücklicherweise wird Isisirdis nichts davon mitbekommen: Die Museumsbesucher können in dem 2700 Jahre alten Leichnam rumprökeln, ohne sich die Finger staubig zu machen. Sie müssen lediglich mit den Fingern über einen Touchscreen fahren. Schicht für Schicht lässt sich die Mumie auf dem Bildschirm auspacken. Der neugierige Besucher kann an Details heranzoomen und sie genauer studieren – genau so, wie es die Wissenschaftler nur wenige Monate zuvor im Labor getan haben.

Näher dran als je zuvor

Dafür wurden Isisirdis und vier weitere Mumien des Museums zunächst genau von Außen erfasst – mit Hilfe von Photogrammetrie und dem 3-D-Laserscan-Verfahren Reality Capture. Um die enorme Datenmenge verarbeiten zu können, setzten die Wissenschaftler eine spezielle Software ein. Sie vereinfacht den Prozess, indem sie sogenannte Punktewolken erzeugt. Das sind digitale 3-D-Daten, mit denen sich reale Objekte und ihre Umgebung virtuell darstellen lassen. Anschließend wurde das Innenleben der Mumien mit Hilfe eines Computertomografen erfasst. Zum Schluss wurden die Daten vom Äußeren und Inneren der Mumien kombiniert. Das Ergebnis: eine faszinierend realitätsgetreue digitale Darstellung mit unglaublicher Detailtiefe. So nah konnten Museumsbesucher einer Mumie tatsächlich noch nie kommen.

Zu entdecken gibt es viel an den fünf Toten. Neben Isisirdis darf auch Neswaiu ausgewickelt werden. Er starb im 3. Jahrhundert vor Christus in Theben und kam – wie auch Isisirdis – im 19. Jahrhundert als ein Geschenk des Generalkonsuls Giovanni Anastasi nach Schweden. In seine Mumie bandagierten die Einbalsamierer eine Vielzahl von Amuletten mit hinein. Sie alle lassen sich auf dem Bildschirm finden. "Keines der Amulette liegt zufällig so, alle wurden sorgfältig nach strikten Regeln platziert, um dem Körper die Wiedergeburt und ewiges Leben zu garantieren", erklärt Sofia Häggman, Ägyptologin des Mittelmeermuseums, in einer E-mail an SPIEGEL ONLINE. Erklärende Texte helfen dem Besucher zu verstehen, was er sieht. "Ein Zwei-Finger-Amulett liegt beispielsweise auf der Stelle, an der die Einbalsamierer den Schnitt ansetzten, um die inneren Organe zu entfernen", beschreibt Häggman.

Doch ein Junge

Für die Technik der Ausstellung haben sich verschiedene Software-Experten zusammengetan: der CAD-Spezialist Autodesk, das Messtechnik-Unternehmen FARO, das Interactive Institute Swedish ICT, das Norrköping Visualization Center sowie das Center for Medical Imaging and Visualization (CMIV). Für die Software-Ingenieure war die Beschäftigung mit der Vergangenheit eine willkommene Abwechslung: "Diese Ausstellung ist ein neues spannendes Anwendungsgebiet für die Reality-Capture-Technologie, weil eine unglaubliche Datenqualität nötig ist, um die interaktiven Inhalte zu erstellen", sagt Tatjana Dzambazova, Senior Product Manager Reality Capture bei Autodesk.

Neben den Archäologen des Mittelmeermuseums liefern auch Mediziner der Universitätsklinik Linköping erklärende Inhalte für die Besucher. Zurzeit untersuchen sie noch die Scans. "Wir hoffen, ihre neuen Erkenntnisse zur Gesundheit der Toten in die Ausstellung mit aufnehmen zu können", sagt Häggman. "Wie haben sie gelebt? Waren sie krank oder hatten sie Schmerzen? Wie lange lebten sie?"

Doch nicht alles, was die Scans preisgeben, ist erfreulich. So mussten die Forscher zunächst feststellen, dass zwei der insgesamt acht Mumien des Museums gar nicht echt sind. Sie entpuppten sich als moderne Fälschungen aus dem 18. Jahrhundert. Dafür können sie die Geschichte der verbleibenden Mumien immer genauer nachvollziehen. Eine lange Zeit als Mädchen ausgestellte Mumie wurde nach der eingehenden Untersuchung nun doch zum Jungen. Außerdem wird deutlich, dass die ägyptischen Einbalsamierer bei ihrer Arbeit wohl nicht immer ganz sanft zu Werke gingen. Von einem jungen Mann aus dem ersten Jahrhundert glaubten die Forscher, er sei an dem Bruch seines Rückgrats gestorben. Doch die neuen Aufnahmen zeigen: Die Verletzung wurde ihm erst nach seinem Ableben zugefügt.

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Layer_8 08.07.2013
ae1 08.07.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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