Ausgegraben - Neues aus der Archäologie Mit Bodenradar unters Polizeiquartier

3. Teil: +++ Alte Karthager brachten doch keine Babyopfer +++


Lager der Karthager auf Sizilien, 264 - 241 vor Christus (Zeichnung)
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Lager der Karthager auf Sizilien, 264 - 241 vor Christus (Zeichnung)

In der neuen Ausgabe der britischen Zeitschrift "Antiquity" sprechen die Forscher um Jeffrey Schwartz von der University of Pittsburgh die alten Karthager doch wieder von einer schrecklichen Schuld frei. Sie hätten, so Schwartz und seine Kollegen, keine Neugeborenen und Kinder geopfert. Diese bösen Gerüchte kursieren bereits seit der Antike: die römischen Schriftsteller Diodorus, Kleitarchos, Plutarch und Tertullian berichten darüber.

Tatsächlich gibt es in Karthago einen Friedhof, auf dem ausschließlich Neugeborene und Kleinkinder sowie junge Ziegen und Lämmer bestattet sind. Er wurde zwischen 700 und 300 v. Chr. genutzt - die Gräber liegen hier in bis zu neun Schichten übereinander auf einem Gelände in der Größe eines Fußballfelds. Schwartz und seine Kollegen hatten die erhaltenen Zähne und Knochen akribisch untersucht und festgestellt, dass ein großer Teil der Kinder Totgeburten waren - und so niemals geopfert werden konnten. Seiner These nach wurden auf diesem Friedhof lediglich die jungen Karthager begraben, die bei der Geburt oder so kurz danach starben, dass sie noch nicht Teil der karthagischen Gesellschaft waren. Die blutigen Geschichten über die Kinderopfer, argumentiert er, müsse man mit äußerster Vorsicht genießen - schließlich stammen sie von Schreibern, die den Karthagern nicht gerade freundlich gegenüberstanden.

Im vergangenen Jahr zweifelte dann Patricia Smith, eine Anthropologin von der Hebrew University in Jerusalem die Ergebnisse an. Sie habe auch Zähne von diesem Friedhof untersucht, schrieb sie ebenfalls in "Antiquity", und die große Mehrheit der Kinder wäre zum Todeszeitpunkt zwischen einem und anderthalb Monaten alt gewesen - also durchaus opferfähig. Schwartz habe falsch gerechnet und nicht in Betracht gezogen, dass die Hitze bei einer Feuerbestattung - wie sie dort üblich war - die Zähne maßgeblich verändern kann. Doch in seinem neuen Aufsatz legt Schwartz nun dar, dass er mögliche Veränderungen durch Hitzeeinwirkung sehr wohl bedacht hat - und seine Ergebnisse immer noch stimmig seien. Im Gegenzug kritisiert er jedoch an seiner Kollegin, dass sie nicht öffentlich darlegt, woher die von ihr untersuchten Proben eigentlich stammen.

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spon-facebook-10000363349 18.10.2012

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