Ausgegraben

Sachsen-Anhalt Pökelfleischfabrik aus der Bronzezeit entdeckt

Klaus Bentele/ LDA Sachsen-Anhalt

Nahe der Stadt Köthen im Landkreis Anhalt-Bitterfeld stießen Archäologen auf seltsame Grubenkomplexe. In einigen wurde wohl mit Salz gearbeitet. Scherben seltener Keramiken brachten die Erkenntnis: Die Forscher hatten eine Pökelfleischfabrik aus der Bronzezeit entdeckt.

In der Bronzezeit war viel los in der Nähe der heutigen Stadt Köthen im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Im Vorfeld des Baus der Bundesstraße B6n vor einigen Jahren stießen Archäologen auf die Spuren regen Treibens. "Da haben wir alles gefunden: Siedlungen, Gräber - und zwar alles ganz dicht beieinander", sagt Susanne Friederich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. "Offenbar war damals in dieser Region sogar mehr los als heute!" So erstaunte es die Archäologen auch nicht, als sie nun in Wörbzig, nur fünf Kilometer entfernt, bei Untersuchungen vor dem Neubau einer 37 km langen Flüssiggasleitung zwischen Peißen und Bobbau schon wieder auf archäologische Funde stießen.

Doch diesmal waren es vor allem seltsame Grubenkomplexe, die das Interesse der Archäologen weckten. In einigen davon wurde offenbar mit Salz hantiert, andere zeigten eindeutige Spuren von starker Hitzeeinwirkung: "Wir haben hier eine Pökelfleischfabrik", erklärt Friederich. Auf die Spur gebracht haben die Ausgräberin Scherben von so genannter Briquetage-Keramik, die typischerweise für das Salzsieden verwendet wurde. "Die Frage ist jetzt nur, ob das Salz auch hier austrat oder von anderswo hergebracht wurde", überlegt sie.

Gepökelt und geräuchert

Für die Region um Halle und Bernburg kann nachgewiesen werden, dass die Menschen bereits seit der frühen Bronzezeit Salz aus Soleaustritten gewannen - es trug maßgeblich zum Reichtum der Region bei. "Noch haben wir in Wörbzig keine Soleaustritte entdecken können", sagt Friederich. Aber vielleicht wurde das kostbare Gut auch nur aus Bernburg als Sole angeliefert und dann hier weiterverarbeitet. Zum Sieden nämlich braucht man Feuer - also Holz. "Und Holz wurde schnell knapp in unmittelbarer Nähe der Soldeaustritte." Denkbar also, das die Bernburger die Weiterverarbeitung der Sole an die Wörbziger outsourcten.

Besonders interessant war auch eine Gruppe von etwa 20 Herdgruben, die alle von West nach Ost ausgerichtet lagen. Die rechteckigen Gruben messen zweimal einen Meter und sind mit dicken Steinpackungen ausgelegt, die deutliche Spuren großer Hitzeauswirkung zeigen. "Hier wurde wahrscheinlich geräuchert," sagt Friederich. In dem Grubenkomplex fanden sich zahlreiche Schweineknochen. "Es ist gut möglich, dass hier das Fleisch auf zwei verschiedene Arten haltbar gemacht wurde: durch Pökeln und durch Räuchern."

Es wäre nicht das erste Mal, dass Archäologen eine Pökelfleischfabrik gefunden hätten. Vergleichsbefunde aus der Zeit um 1000 v. Chr., teilweise sogar noch größer als die von Wörbzig, sind von verschiedenen Orten bekannt. Oft sind die Anlagen so groß, dass viel mehr Fleisch verarbeitet wurde, als Hunger in der unmittelbaren Umgebung bestanden haben kann - es wurde also nicht nur für den Eigenbedarf gepökelt, sondern ganz klar auch für den Export. Das Pökelfleisch aus Wörbzig wurde vermutlich ebenso auf den Märkten entlang der bronzezeitlichen Handelsstraßen feilgeboten, wie das Salz aus Bernburg oder Halle.

Transport durch ein Loch im Kiefer

Noch sind die Untersuchungen der Knochen nicht abgeschlossen. Aber mit etwas Glück wird Friederich ähnliche Spuren finden, wie sie aus den Pökelfleisch-Produktionsstätten in Hallstatt bekannt sind. "Dort gibt es durchbohrte Schweineunterkiefer", berichtet die Archäologin. "Durch das Loch wurde vermutlich ein Strick gezogen - an dem das Schwein dann transportiert werden konnte." Und noch einen Trick hatten die Hallstätter sich ausgedacht. "Sie legten Kupfer mit in die Pökelgruben", erklärt Friederich, "denn das Kupfer stoppte die Verwesungsprozesse."

Salz war jedenfalls in der Bronzezeit bereits ein begehrtes Handelsgut. Und auch mit Pökelfleisch konnte man allem Anschein nach ein Vermögen verdienen. In unmittelbarer Nähe der Pökel- und Räuchergruben fanden die Ausgräber nämlich auch noch einen Graben mit einer vorgelagerten Bastion: Etwas war an genau dieser Stelle so wertvoll, dass es unbedingt geschützt werden musste. "Möglicherweise steht diese Schutzanlage in direkter Verbindung mit den Gruben - und sollte zur Absicherung der Produktionsstätte dienen."



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10 Leserkommentare
Layer_8 14.09.2014
sok1950 14.09.2014
wauz 14.09.2014
Tiananmen 14.09.2014
wauz 14.09.2014
Oberleerer 14.09.2014
fritzderhase 14.09.2014
spiritof81 14.09.2014
minsch 14.09.2014
Miere 15.09.2014

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