Ausgegraben Rätsel der kopflosen Fischesser

Diesen Wikingerschädel fanden Archäologen in einem der Doppelgräber
Elise Naumann

Diesen Wikingerschädel fanden Archäologen in einem der Doppelgräber


Auf einem norwegischen Wikingerfriedhof stießen Archäologen auf ein morbides Rätsel. Wer sich zu Lebzeiten von Fleisch ernährte, wurde mit Kopf bestattet - wer dagegen Fisch aß, kam ohne ins Grab. Ihre Vermutung: Hinter beidem könnte die soziale Rangfolge stehen.

Warum begruben die Wikinger einige der ihren mit und andere ohne Kopf? Das fragten sich die Archäologen, die den kleinen Friedhof in der Gemeinde Flakstad auf den norwegischen Lofoten untersuchten. Zehn Tote aus den Jahren zwischen 550 und 1030 nach Christus fand ein Bauer hier Anfang der achtziger Jahre. Drei von ihnen lagen in Einzelgräbern, vier jeweils zu zweit in Doppelgräbern, und drei teilten sich ein weiteres Grab. Das Besondere: Pro Grab gab es scheinbar nur einen Kopf. In den Doppelgräbern hatten die Wikinger jeweils einen, in dem Tripelgrab zwei Tote ohne den Schädel bestattet.

Flakstad auf den Lofoten (Norwegen)
Elise Naumann

Flakstad auf den Lofoten (Norwegen)

Dreißig Jahre später ist eine Gruppe von Forschern um Elise Naumann von der Universität Oslo der Lösung des Rätsels ein Stück näher gekommen, wie sie im Fachmagazin "Journal of Archaeological Science" berichtet. Die Ausgangslage war schwierig: Da die Skelette von einem Bauern ausgegraben worden waren und nicht von Archäologen, war nicht ganz klar, ob die Mehrfachbestattungen Absicht oder Zufall waren. "Aber nachdem wir die Laborergebnisse zurückbekommen haben, können wir in der Tat sagen, dass es sich um bewusste Mehrfachbestattungen handelt - und dass auch die fehlenden Schädel kein Zufall sind", sagt Naumann.

Mit Hilfe von DNA- und Isotopenanalysen verfolgten die Wissenschaftler im Wesentlichen zwei Fragen: Waren die Toten verwandt? Und wovon ernährten sie sich zu Lebzeiten?

Um die erste Frage zu klären, untersuchten Naumann und ihr Team die mitochondriale DNA; also jenes Erbgut, das jeweils von der Mutter an das Kind weitergegeben wird. Dabei stellten sie fest, dass die Toten zumindest mütterlicherseits vermutlich keine sehr engen Familienbande hatten.

Isotope verraten Ernährungsgewohnheiten

In Flakstad lag die Wahrscheinlichkeit, zwei Einwohner mit ähnlicher mitochondrialer DNA zu finden, sogar ein wenig höher als bei Wikingern aus Dänemark, England oder Island sowie bei modernen Norwegern. Denn hier lebten die Menschen schließlich in einer relativ abgeschiedenen Insellage, wo es nur natürlich ist, dass die Genvariationen sich in Grenzen halten. Deshalb kamen die Forscher zu dem Schluss: Die Toten lagen nicht gemeinsam in Gräbern, weil sie verwandt waren.

Und wie sieht es mit der Ernährung aus? Dafür schauten Naumann und ihre Kollegen sich die Stickstoff- und Kohlenstoffisotope in Knochen und - wo vorhanden - Zähnen an. Je höher der C-13-Wert - also je mehr Kohlenstoffatome mit 13 statt mit 12 Nukleonen vorhanden sind - desto mehr Fleisch konsumierte das Lebewesen zu Lebzeiten. Und je höher der N-15-Wert - also je mehr Stickstoffatome mit 15 statt mit 14 Nukleonen vorhanden sind - desto mehr Fisch kam auf den Teller.

Das Ergebnis war verblüffend: Sieben der zehn aßen offenbar viel Fisch. Von den übrigen drei ernährten zwei sich vornehmlich von Fleisch, der dritte hatte ebenfalls zu Beginn seines Lebens viel Fleisch konsumiert, in den letzten Jahren dann aber seinen Speiseplan auch häufiger durch Fisch ergänzt. Im Backenzahn, der in der Jugend wächst und dann unverändert bleibt, lag der C-13-Wert dieses Toten höher und der N-15-Wert niedriger als in seinen Knochen, die ein ganzes Leben lang neues Zellmaterial nachbilden. Die Überraschung: Die drei Fleischesser lagen jeweils in den Mehrfachgräbern - und zwar mit Kopf.

Fleisch nur für höhergestellte Wikinger

Mehrfachgräber waren bei den Wikingern durchaus üblich. Und gelegentlich ist einer der Toten reich mit Beigaben bedacht, während andere leer ausgehen. "Es gibt einige Begräbnisse in Schweden und Dänemark mit ungleicher Beigabenverteilung, bei denen der Körper des Individuums ohne Beigaben misshandelt wurde", erläutert Naumann. "Diese gelten in der Regel als Sklave."

So besteht schon lange der Verdacht, dass die Wikinger ein grausiges Ritual praktizierten: Starb ein Herr, mussten seine Sklaven mit ihm sterben. Setzt man die Puzzlesteine von Flakstad vor diesem Hintergrund zusammen, ergibt sich folgendes Bild: Wer sozial höhergestellt war, aß mehr Fleisch von Landtieren. Fisch war ein Essen für arme Leute und Sklaven. Starb einer der bessergestellten Wikinger, mussten seine Sklaven ihm in den Tod folgen - ohne Kopf, während er seinen behielt. Wer im Leben arm gewesen war (und dementsprechend viel Fisch konsumiert hatte), aber in niemandes Diensten stand, ging zwar allein ins Grab, dafür aber mit Kopf.

Könnte Fisch nicht auch Feinkost für die Reichen gewesen sein? Dagegen spricht, dass ein Hund, dessen Knochen die Archäologen ebenfalls in einem der Gräber fanden, auch mit viel Fisch gefüttert wurde. "Die drei Toten mit Kopf aßen ja allerdings ebenfalls Fisch, wenn auch in geringeren Mengen", sagt Naumann. "Und die Isotopenanalyse unterscheidet nicht zwischen unterschiedlichen Fischarten. Vielleicht galten gewisse Arten von Fisch doch als Delikatesse." Der Hund ist übrigens die einzige Ausnahme auf dem Friedhof von Flakstad. Zwar musste er seinem Herrchen ins Grab folgen - den Kopf aber durfte er behalten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels waren Stickstoff- und Kohlenstoffisotope falsch erklärt. Wir haben dies korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.



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10 Leserkommentare
wdiwdi 29.09.2013
Kauzboi 29.09.2013
drhibbert 30.09.2013
insprinc 30.09.2013
Miere 30.09.2013
suedleser 30.09.2013
birdie 30.09.2013
fromspace123 30.09.2013
_meinemeinung 30.09.2013
galens 02.10.2013

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