Ausgegraben

Neandertaler-Schmuck Das Mysterium des versteinerten Schneckenhauses

Uralter Schmuck: Das Schneckenhaus des Neandertalers Fotos
2013 Peresani et al.

 |

In einer italienischen Höhle haben Archäologen ein Millionen Jahre altes Schneckenhaus gefunden, das aus einer völlig anderen Zeit stammt als die Höhle selbst. Hightech-Untersuchungen haben enthüllt, wer das Fossil vor mehr als 45.000 Jahren dort hinterlassen hat - und wozu es diente.

Neandertaler waren in einer Hinsicht gar nicht so anders als wir: Sie hatten einen Hang zu schönen Dingen. Sie mochten Kristalle und Fossilien, sie trugen durchbohrte und mit Ocker gefärbte Muscheln, sie schmückten sich mit Federn und Krallen von großen Greifvögeln - das ist von Fundstätten in Italien, Frankreich und auf der Iberischen Halbinsel bekannt. Jetzt haben Archäologen in der norditalienischen Fumane-Höhle ein weiteres Neandertaler-Schmuckstück entdeckt: ein Schneckenhaus, das einst leuchtend rot gefärbt und wahrscheinlich an einer Sehne aufgefädelt war.

Den Ausgräbern um Marco Peresani von der Universität von Ferrara fiel das Schneckenhaus auf, weil es nicht ins gewohnte Bild passte. Das Haus der kleinen Aspa marginata ist ein Fossil aus dem Miozän oder Pliozän: Es ist zweieinhalb bis 23 Millionen Jahre alt. Die Gesteinsformation, in der die Fumane-Höhle liegt, entstand aber bereits im frühen Jura und ist somit grob gerechnet 200 Millionen Jahre älter.

Nicht einmal in der Nähe der Höhle können die Neandertaler das Fossil gefunden haben, schreiben Peresani und seine Kollegen im Online-Fachmagazin "PLoS One". Die nächsten Vorkommen von Aspa marginata aus dem Miozän oder Pliozän liegen über hundert Kilometer weit entfernt: eines südlich des Po-Tals und ein anderes in den Voralpen der Lombardei.

Die Schicht, in der das Schneckenhaus lag, war vor etwa 47.600 bis 45.000 Jahren der Boden der Fumane-Höhle. Damit stammen alle Funde dieser Schicht aus einer Epoche namens Moustérien - dem Zeitalter der Neandertaler. Der moderne Mensch war damals noch gar nicht im heutigen Norditalien angekommen. Es muss also ein Neandertaler gewesen sein, dem dieses Schneckenhaus einst so viel bedeutete, dass er es über hundert Kilometer weit mit sich trug.

Farbe mit Gewalt in die Poren gerieben

Unter dem Mikroskop wurde das Schneckenhaus dann richtig interessant. Besonders eine Stelle am inneren Rand ließ die Wissenschaftler aufmerken. Sie fanden feine Linien, zwischen einem und zehn Mikrometern breit, die senkrecht zur Hauptachse des Gehäuses liegen. Natürlich gewachsen sein können sie also nicht. Die Spuren, schreiben die Forscher, "stimmen mit einer andauernden Reibung überein, wie sie von einem Band mit vielen Abriebspartikeln - wie zum Beispiel einer Tiersehne - verursacht wird."

Auch auf der Außenseite des Gehäuses entdeckten die Forscher etwas, was dort natürlicherweise nicht hingehört: rote Farbe. Sie klebte noch in winzig kleinen Poren und Rillen des Schneckengehäuses. Allerdings war es nicht gleichmäßig gefärbt. Einige Stellen der Oberfläche scheinen leicht poliert zu sein - hier fanden die Wissenschaftler weniger Farbe. Und im Inneren des Gehäuses kam sie gar nicht vor.

Unter dem Elektronenmikroskop wurde es noch deutlicher. An den Rändern der Poren lagen zerbrochene Kristallstrukturen, die eine Röntgenspektroskopie als Kalziumkarbonat entlarvte - Teile der Schale. "Dieses Muster lässt vermuten, dass die Füllung gewaltsam in die Poren eingebracht wurde und dabei die Kalziumkarbonatkristalle an den Rändern abbrach", schreiben die Forscher. Jemand rieb die Farbe offenbar vehement über die Oberfläche des Schneckenhauses. Bei den Farbpigmenten, das ergab die Untersuchung, handelte es sich um Eisenoxid. Eine Raman-Spektroskopie erlaubte die noch genauere Bestimmung: Hämatit, auch Blutstein oder Rötel genannt.

Was ist also die Geschichte des Schneckenhauses? Zunächst sammelte ein Neandertaler sie in über hundert Kilometern Entfernung der Höhle auf. "Dann wurde das Gehäuse mit reinem, fein gemahlenem Hämatitpuder eingerieben, das vermutlich mit einer Flüssigkeit vermischt war", so die Wissenschaftler. "Es wurde wahrscheinlich durchbohrt und als persönlicher Schmuck getragen, bevor jemand es vor 47.600 bis 45.000 Jahren in der Höhle wegwarf, verlor oder absichtlich niederlegte."

Die Entdeckung sei damit ein weiterer Beleg dafür, dass die Neandertaler symbolische Gegenstände als Bestandteil ihrer Kultur nutzten: "Zukünftige Funde werden nur noch weiter bestätigen, dass die Neandertaler vieles mit uns gemeinsam hatten."

Diesen Artikel...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Ausgegraben
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

Buchtipp