Ausgegraben

Ausgegraben Fromme Selfies aus dem Hafenbecken

Stadtarchäologie Stade

Im Mittelalter gab es keine Selfies - dafür aber Pilgerabzeichen. Die kleinen Plaketten am Mantel dienten als Andenken und Reisebeleg zugleich. Im Hafenbecken von Stade haben Forscher eine große Menge solcher Plaketten entdeckt. Wie gelangten sie dorthin?

Der Grund eines Hafenbeckens gleicht einem Sammelsurium. Dort landet alles, was Menschen im Laufe der Jahrhunderte so aus den Taschen fällt oder was sie als Müll achtlos hineinwerfen: Münzen, alte Flaschen, abgebrochene Pfeifenstiele und gelegentlich auch mal eine Glasmurmel oder ein Puppenbein. Doch im Hafenbecken von Stade häufen sich Funde ganz besonderer Art. Im Schlick des Hansehafens, der seit 1300 weder in seiner Lage verändert noch ausgebaggert wurde, liegen ungewöhnlich viele kleine Bildchen aus einer Blei-Zinn-Legierung. Es sind Pilgerzeichen: Souvenirs absolvierter Wallfahrten. Und zwar die größte Ansammlung, die jemals in Norddeutschland, wahrscheinlich sogar in Nordeuropa gefunden wurde. Doch wie gelangten sie ausgerechnet in das Hafenbecken der mittelalterlichen Handelsstadt?

"Es gibt im Grunde genommen nur vier Möglichen", erklärt Stadtarchäologe Andreas Schäfer und betrachtet nachdenklich das aus drei Hostien zusammengesetzte Gebilde auf seinem Handteller. "Entweder fielen sie den Leuten zufällig aus der Tasche oder sie wurden als Abfall dort mit dem Hausrat entsorgt." Sie könnten auch von Pilgern aus der Fremde nach Stade gebracht worden sein. Oder aber Stader selbst brachten sie von ihren Pilgerfahrten mit und warfen sie, wieder zu Hause angekommen, in das Hafenbecken.

Der Verkauf der kleinen Abzeichen war im Mittelalter ein bedeutendes Geschäft. Die Pilger erwarben sie am Ziel ihrer Reise - als Andenken, aber auch als Beleg, dass sie den Wallfahrtsort tatsächlich erreicht hatten. "Heute würde dies sicher mit einem Selfie verewigt, aber glücklicherweise stand den Pilgern dieses Mittel noch nicht zur Verfügung", meint Schäfer.

Erinnerungen aus allen großen Pilgerorten

Auf der Rückreise nähten sie die Abzeichen an ihre Kleidung. So konnte jeder gleich sehen, wo der Reisende herkam und dass er ein gottesfürchtiger Mensch war, dem man gerne Unterkunft gewährte und ein warmes Essen anbot. In Mode kamen die Pilgerzeichen ab dem 12. Jahrhundert - und sie blieben populär bis um 1530, als die Reformation dem Ablasshandel und den Pilgerreisen ein Ende setzte.

Im Hafen finden sich Pilgerzeichen aller bedeutenden Wallfahrtsstätten des Mittelalters: Von Rom bis Santiago de Compostela ist alles dabei. "Insgesamt sind es bis jetzt fast 200 Zeichen, davon mehr als zehn aus Bad Wilsnack, oder Exemplare aus Köln, Königslutter, Aachen, Thann in Frankreich, Görlitz, Werben in Sachsen-Anhalt, Stromberg oder Creuzberg in Thüringen", zählt Schäfer auf.

Fast jede Woche kommen neue hinzu, denn der Schlick aus der letzten Ausgrabung im Hafen ist noch lange nicht vollständig untersucht. Die Freiwilligen der Stader Archäologie AG lassen ihn Eimer für Eimer durch Siebe laufen - Ansporn für diese nasse und dreckige Arbeit ist das Jagdfieber nach Kleinfunden. Erst jüngst blieb ein Pilgerzeichen aus Einsiedeln in der Schweiz im Sieb hängen.

Jede heilige Stätte gab ihr ganz eigenes Zeichen an die Frommen aus. Am bekanntesten ist heute noch die Jakobsmuschel von Santiago de Compostela. Wer dagegen nach Rom pilgerte, durfte sich anschließend ein Pilgerzeichen mit Petrus und Paulus darauf ans Gewand nähen. Die Heiligen drei Könige gab es für die Reise nach Köln, wer sich nach Aachen aufmachte, bekam dafür Maria auf dem Thron. Auch das Abzeichen in Schäfers Hand ist ganz charakteristisch: "Das sind die drei Hostien aus Bad Wilsnack. Hier, auf dieser ist die Kreuzigung zu sehen", sagt er und zeigt auf den linken oberen Kreis. "Rechts oben ist die Auferstehung und auf der unteren Hostie Jesus an der Geißelsäule."

Bad Wilsnack galt im Mittelalter als "Santiago des Nordens" - immerhin avancierte es zum fünftbedeutendsten Ort des christlichen Abendlandes. Auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg gelegen und über die Elbe gut erreichbar, zog der Ort nicht nur Pilger aus Norddeutschland, sondern auch aus Skandinavien, Frankreich und England an.

Seinen Aufstieg verdankte der Wallfahrtsort im Grunde einer Schandtat: Der Ritter Heinrich von Bülow setzte am 16. August 1383 die Sankt-Nikolai-Kirche in Brand. Als am nächsten Tag der Priester Johannes Cabbuz in das Gotteshaus zurückkehrte, fand er in den rauchenden Trümmern ein Wunder: drei Hostien, die in den Flammen unversehrt geblieben waren. Die drei Wunderhostien wurden zum Symbol der Wallfahrtsstätte - und damit auch das Pilgerzeichen. "Als 1396 die Kirche wieder aufgebaut war, begann im benachbarten Havelberg auch die Produktion der Plaketten für den Verkauf", weiß Schäfer.

Was aber sollten die Pilgerzeichen im Hafenbecken? "Es scheint tatsächlich einen Brauch gegeben zu haben, sie ins Wasser zu werfen", überlegt Schäfer. Immerhin war der Hafen das erste, was Pilger am Ende ihrer erfolgreichen Reise von der Heimat wiedersahen. Von hier aus waren sie aufgebrochen, hier schloss sich der Kreis. "Vielleicht rissen sie sich dann das Pilgerzeichen vom Mantel und warfen es im hohen Bogen über Bord", malt der Archäologe sich aus. "Sozusagen als Zeichen: Ich habe es geschafft!"



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5 Leserkommentare
felisconcolor 24.12.2014
mchunter 24.12.2014
soeinschwachsinn 25.12.2014
Martin A. 26.12.2014
Diskotier 26.12.2014

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