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Ausgegraben

Hormonspiegel Feminin bringt Fortschritt

Schädelvergleich: Die Überaugenwülste gingen im Laufe der Zeit zurück Zur Großansicht
David Brill/ Bob Cieri

Schädelvergleich: Die Überaugenwülste gingen im Laufe der Zeit zurück

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Am Ende der Altsteinzeit lernten die Menschen das Feuer zu beherrschen, perfektionierten den Werkzeuggebrauch und die Jagd. Gleichzeitig fiel ihr Testosteronspiegel, berichten Forscher. Brachte das den Fortschritt?

Es gab schon viele Theorien, warum Homo sapiens irgendwann gegen Ende der Altsteinzeit einen gewaltigen Sprung in seiner Entwicklung machte. Nachdem die Menschheit seit ihrer Entstehung auf recht konstantem Niveau vor sich hingelebt hatte, ging es plötzlich los: Im späten Mittelpaläolithikum und Jungpaläolithikum jagte quasi eine Erfindung die nächste. Die Menschen lernten, das Feuer zu beherrschen. Sie perfektionierten die Bearbeitung von Stein, Knochen und Geweih, um immer speziellere Werkzeuge herzustellen. Sie bauten sich komplexe Gerätschaften für die Jagd nach Fischen und Vögeln. Doch was löste diesen Entwicklungsschub aus? Eine Veränderung des Gehirns, meinen die einen. Gekochte Nahrung, die dem Körper weniger Energie zum Verdauen abzieht, glauben die nächsten. Wieder andere vermuten die Sprache als Katalysator.

In der Zeitschrift "Current Anthropology" stellt der Doktorand Robert Cieri von der University of Utah nun eine weitere Möglichkeit vor: Auslöser für den kulturellen Sprint könnte eine Veränderung im Hormonhaushalt gewesen sein. Bei der Untersuchung von 1400 alten und modernen Schädeln konnte er nachweisen, dass etwa zu jener Zeit, als wir uns zu kulturellen Höhenflügen aufschwangen, der Testosteronspiegel fiel. Ein hoher Testosterongehalt macht aggressiv. Niedrige Testosteronwerte machen dagegen friedlich und kooperativ - und schaffen so beste Voraussetzungen für Teamwork und einen regen Austausch von Ideen.

Zahme Silberfüchse

"Die Vermutung kam uns, als wir die Verhaltensänderungen von Silberfüchsen studierten", erzählt Cieri. Damals war der Biologe noch Student an der Duke University. Sein Betreuer Steven Churchill brachte ihn auf das Langzeitexeriment, das bereits seit 1959 in Nowosibirsk mit sibirischen Silberfüchsen läuft. Für die Zucht wurden jeweils die zahmsten Tiere ausgewählt, die das größte Interesse an Menschen und die geringste Angst vor ihnen zeigten. Schnell benahmen die Tiere dieser Zucht sich grundlegend anders als ihre Artgenossen: Sie sind kaum aggressiv, haben eine ausgeprägte Fähigkeit, auf menschliche Signale zu reagieren, spielen auch als ausgewachsene Tiere noch gerne mit Menschen und kommunizieren auch ausgewachsen noch mit Signalen, die eigentlich nur Jungtiere verwenden.

Doch nicht nur das: Auch ihr Hormonhaushalt änderte sich binnen 20 bis 40 Generationen signifikant. Und das wiederum hatte Auswirkungen auf die Anatomie. Die Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen waren nicht mehr so ausgeprägt. Besonders auffällig war die veränderte Schädelform: Die Schnauzen wurden, wie sonst eher bei den Weibchen üblich, kürzer, die Schädel wurden breiter. Das ist im übrigen nicht nur bei Silberfüchsen so. Auch der Hund hat im Vergleich zum Wolf eine kürzere Schnauze und einen kleineren, breiteren Schädel. "Wir waren erstaunt, wie schnell sich Skelett, Hormone und Verhalten bei dem Silberfuchs-Experiment geändert hatten," erinnert sich Cieri.

Testosteronwert als Verhaltensbarometer

Für seine Studie vermaß er 13 Schädel von Homo sapiens, die älter als 80.000 Jahre waren, 41 Schädel aus der Zeit zwischen 38.000 und 10.000 Jahren sowie 1367 Schädel aus dem 20. Jahrhundert, die 30 unterschiedlichen Ethnien zugeordnet werden konnten. Das Ergebnis war eindeutig. Die Überaugenwülste waren im Laufe der Zeit deutlich zurückgegangen, die obere Gesichtshälfte kürzer geworden. Beides sind deutliche Hinweise auf niedrigere Testosteronwerte: Die Gesichter waren mit den Jahrtausenden weiblicher geworden.

Den Zusammenhang zwischen Gesichtsform und Verhalten bestätigen auch Cieris Co-Autoren Brian Hare und Jingzhi Tan mit ihren Beobachtungen bei Menschenaffen. Schimpansen haben hohe Testosteronwerte und kein ausgeprägt soziales Verhalten. Dafür sind prominente Überaugenwülste typisch für ihre Physiognomie. Bonobos dagegen produzieren auch unter Stress nicht mehr Testosteron - und sind extrem soziale, friedliche Wesen. Was sich eben auch in ihren Gesichtern spiegelt: "Man wird kaum einen Bonobo mit Überaugenwülsten finden", bestätigt Hare. "Als die Menschen begannen, enger zusammenzuleben und neue Technologien auszutauschen, mussten sie lernen, tolerant zu sein", sagt Cieri. "Der Schlüssel zum Erfolg ist die Fähigkeit zur Kooperation - miteinander auskommen und voneinander lernen." Und wie geht es weiter? "Es ist schwierig, darüber zu spekulieren, ob sich dieser Trend in der Zukunft fortsetzen wird", gibt Cieri zu. "Möglicherweise hat die Bevölkerungsdichte vor Jahrtausenden bereits eine Schwelle erreicht, über der sich der Testosteronspiegel nicht weiter reduziert. Andererseits könnte es auch sein, dass die Testosteronwerte noch weiter fallen werden - gerade im Angesicht der zunehmenden weltweiten Verbundenheit immer größer werdender Bevölkerungsdichten."

16 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
NewHuman 20.08.2014
peter_gurt 20.08.2014
nonamebrand 20.08.2014
bbr1960 20.08.2014
phboerker 20.08.2014
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mxdoc 20.08.2014
roklu 20.08.2014
roklu 20.08.2014
kaifroehlich236 21.08.2014
Tevje 22.08.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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