Ausgegraben

Blog "Ausgegraben" Steinzeitliches Konfliktmanagement

Als die Menschen beschlossen, sesshaft zu werden, brauchten sie neue Regeln für ihr Zusammenleben. Eine mögliche Lösung fanden Forscher in der jordanischen Stadt Basta.

9000 Jahre alter Kiefer mit Zähnen: Man blieb offenbar unter sich
SIGN-Project/ J. Kranzbühler

9000 Jahre alter Kiefer mit Zähnen: Man blieb offenbar unter sich


Als Jäger und Sammler hat man viel Platz. Alles ist ständig in Bewegung, und auf der Jagd ist man aufeinander angewiesen. Alle Beteiligten müssen funktionieren und zusammenarbeiten - sonst bleibt am Ende die Beute am Leben und die Gruppe hungrig. Ganz anders ist dagegen das Leben in einer Siedlung. Es ist eng, und je nach Jahreszeit gibt es mal viel, aber auch mal weniger zu tun. Welche Regeln stellten die Menschen sich auf, als sie im Nahen Osten vor rund 10.000 Jahren begannen, Dörfer zu bauen?

Wie organisierten sie das Zusammenleben in Städten mit mehr als tausend Menschen auf engstem Raum, die sich plötzlich nicht mehr durch die Landschaft bewegten, sondern an einem Ort aufeinanderhockten? Diese Fragen stellte sich ein internationales Forscherteam der Universitäten Freiburg, Mainz, London, Göttingen und Berlin sowie des Naturhistorischen Museums Wien. Sie untersuchten dazu das Leben in Basta im Süden Jordaniens, etwa 20 Kilometer südöstlich von Petra.

"Früher standen uns hauptsächlich die Ruinen der Häuser und Bestattungen zur Verfügung, um die soziale Organisation zu rekonstruieren", sagt Marion Benz vom Institut für Vorderasiatische Archäologie Freiburg in einer Presseerklärung. Doch das Team konzentrierte sich nun vor allem auf die Zähne und Kiefer. Bei den Ausgrabungen in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatten Archäologen der Freien Universität Berlin und der jordanischen Yarmouk-Universität unter den Fußböden der Häuser die Überreste von mehr als 50 Verstorbenen entdeckt.

Ergebnisse der neuen anthropologischen Untersuchungen haben die Forscher nun in der Zeitschrift "PLoS One" veröffentlicht. Was als Erstes in Auge fiel: Man blieb vor 9000 Jahren in Basta offenbar unter sich. Wer einen Partner suchte, ließ den Blick nicht weit schweifen. "Unsere Ergebnisse zeigen eindeutig, dass die Menschen damals fast nur Beziehungen innerhalb der Verwandtschaftsgruppe eingegangen sein müssen", erklärt der Anthropologe Kurt W. Alt von der Universität Mainz.

"Bei einem Drittel der Untersuchten fehlten die seitlichen oberen Schneidezähne, ein Merkmal, das heutzutage nur bei etwa ein bis zwei Prozent der Menschen weltweit vorkommt." Eine solche ungewöhnliche Häufung ergibt sich nur, wenn die Menschen endogam leben, also ihre Partner innerhalb einer relativ kleinen Gruppe wählen.

Ruinen von Basta: 50 Skelette bei Rettungsgrabungen gefunden
M. Benz

Ruinen von Basta: 50 Skelette bei Rettungsgrabungen gefunden

Auch die Ergebnisse der Strontium-Isotopenanalyse an der Royal Holloway University of London passen in dieses Bild. Die Partikel lagern sich während des Wachstums in den Zähnen ab. Da das Verhältnis der Strontiumisotope für jedes Gestein ein bestimmtes Signal zeigt, lässt sich an den Messungen ablesen, wo ein Mensch seine Kindheit verbrachte.

Für die Bewohner von Basta war das Ergebnis eindeutig: Die meisten von ihnen waren hier geboren, aufgewachsen, hatten geheiratet, Kinder gekriegt, waren gestorben und am Ende unter ihren Häusern begraben worden. Alles auf engstem Raum.

Trotzdem waren sie nicht weltfremd. Davon zeugen die archäologischen Funde: Türkise von der Sinai-Halbinsel oder Korallen aus dem Roten Meer belegen, dass die Bewohner von Basta durchaus Kontakt zu Händlern oder Menschen aus anderen Regionen des Nahen Ostens hatten. "Basta war keine abgeschottete Enklave", sagt Grabungsleiter Hans-Georg Gebel vom Institut für Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität Berlin.

Kein Wunder, denn der Ort war schließlich keine Insel oder abgelegenes Bergdorf, sondern mit seiner Lage an einer Quelle ein attraktiver Zwischenstopp auf dem Weg durch die Steppe. Also, folgern die Forscher, haben die Bewohner diese Organisationsform ihres Zusammenlebens freiwillig gewählt. "Verwandtschaftliche Bande zu festigen, war vielleicht ein Mittel steinzeitlichen Konfliktmanagements, um den Zusammenhalt der Gruppe zu stärken", spekulieren sie.



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9 Leserkommentare
acyonyx 13.06.2013
crigs 13.06.2013
emporda 13.06.2013
Schmidtchen Schleicher 13.06.2013
felisconcolor 13.06.2013
Miere 14.06.2013
thanks-top-info 14.06.2013
spmc-125801416146984 01.07.2013
spmc-125801416146984 03.07.2013

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