Ausgegraben

100 Jahre alte Flaschenpost "Having a great time at Tashmoo!"

Jahhundertfund: Flaschenpost aus Tashmoo Park Fotos
Bernard Licata/ Harsens Island St. Clair Flats Historical Society

Beinahe hundert Jahre ist es her, dass zwei junge Frauen eine Flaschenpost in den St. Claire River bei Detroit warfen. Nun entdeckte ein Taucher die Botschaft. Mit den Enkeln will er die Grüße aus der Vergangenheit rekonstruieren.

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Es war der 30. Juni 1915 - ein schöner Sommertag. An Bord des Dampfschiffes Tashmoo waren die 17-jährige Selina Pramstaller und die 21-jährige Tillie Esper auf dem Weg zum Tashmoo Park. Das Gelände in Algonac, Michigan, war im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel für die Detroiter, wenn sie der Hitze und dem Lärm der Großstadt entfliehen wollten. Im St. Claire River konnte man schwimmen, die Kinder konnten auf einem Baseball-Feld spielen, schaukeln oder Karussel fahren. Aber auch Erwachsene hatten hier ihren Spaß, wenn sie ihr Glück im Kasino suchten oder sich im Tanzpavillion vergnügten, wo die Band in jenem Sommer Hello, Hawaii, How Are You? von Billy Murray oder Memories von Gustave Kahn und Egbert Van Alstyne spielte.

An diesem Nachmittag kamen Selina und Esper auf eine Idee. Sie nahmen das Fährticket und schrieben mit Bleistift ihre Namen und Adressen auf die Rückseite. Dazu setzten sie die einfache Botschaft: "Having a great time at Tashmoo!" Den Zettel stopften sie in ein kleines Fläschchen, drückten den Korken fest in die Öffnung - und warfen ihre Flaschenpost in die Wellen des St. Claire River.

Tillie heiratete, sie hat 32 Enkelkinder

Der Sommer ging vorbei, drei Jahre später auch der "Große Krieg". Es kam ein zweiter Weltkrieg, und Tashmoo Park wurde 1951 geschlossen. Menschen landeten auf dem Mond, Detroit wurde erst für Autos berühmt, dann für Armut und für Musik. Währenddessen lernte Tillie Esper den Saloon-Betreiber John Schaefer kennen, die beiden heirateten im August 1917 und bekamen neun Kinder: drei Jungs, sechs Mädchen. Tillie arbeitete als Hutmacherin. Und irgendwann folgten die Enkelkinder, 32 insgesamt. All die Jahre lag die Flasche mit der Botschaft auf dem Grund des St. Claire River.

Bis vor etwa einem Jahr der Tauchlehrer Dave Leander vom Great Lakes Dive Center mit ein paar Freunden an der Stelle tauchte. "Wir finden hier oft Müll aus vergangenen Zeiten- und manchmal ist auch etwas Schönes dabei", schreibt mir Leander. "Einmal habe ich dort eine Perlenkette gefunden. Auf die hat meine Frau aber gleich Besitzansprüche erhoben." Im Sand auf dem Flussboden habe er beim jüngsten Tauchgang etwas aufblitzen gesehen - ein Stück Glas. Leander fächelte den Sand beiseite und fand die Flasche, so unversehrt, dass er sogar durch das Glas ein paar Zeilen lesen konnte.

Leander nahm die Flasche mit und zeigte sie zunächst nur befreundeten Tauchern. Die Nachricht von dem Fund machte die Runde, und so hörte auch Bernard Licata, Präsident der Harsens Island St. Clair Flats Historical Society, von der 97 Jahre alten Post.

Die Geschichte eines Sommertags

Licata beschloss, herauszufinden, wer die beiden jungen Damen waren. Als einziger Anhaltspunkt dienten ihm zunächst nur die Namen und ihre Adressen: Wabash Street und Maybury Grand Street in Detroit. Seine Helfer: das Internet und die Tageszeitungen Detroit News und Detroit Free Press. "Am 17. Juni brachte die Detroit News die Geschichte", rekapituliert Licata die Suche. "Und am nächsten Morgen meldeten sich schon ein Enkel und eine Enkelin von Tillie Esper." Einige Tage später klingelte erneut das Telefon: Es war Patricia, Tillies mittlere Tochter. Mittlerweile sind es über ein Dutzend Leute, darunter auch Nachfahren von Selina Pramstellar, die dem Historiker helfen, die Geschichte der Flaschenpost und jenes Sommertages in Tashmoo Park zusammenzutragen.

Eine der ersten, die sich bei Licata meldeten, ist Janet Baccanari - Tillies 31. Enkelkind. An ihre Großmutter kann sie sich noch gut erinnern. Sie war eine liebevolle Frau, die oft im Sommerhaus der Familie in Hartland für alle kochte. Sie trank gerne grünen Tee und aß am liebsten Fisch, und an Sonntagen oder Feiertagen kam sie oft ihre Kinder und Enkel besuchen. Gerade vor etwa drei Monaten hatte Janet Baccanari einen Brief von Oma Tillie gefunden. In einer Kiste auf dem Dachboden lag eine Geburtstagskarte, die sie ihrer Enkelin zum achten oder neunten Geburtstag geschrieben hatte - in derselben schwungvollen Handschrift, mit der sie auch ihre Adresse auf der Rückseite des Fährtickets notiert hatte.

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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