Ausgegraben

Ausgegraben Die vergessene Kirche von Harsefeld

Kreisarchäologie Stade

Wie treibt man den Heiden am besten ihre unchristlichen Bräuche aus? Man setzt ihnen eine Kirche direkt vor die Nase. Am besten eine, deren Schutzheiliger ungefähr ihren eigenen Göttern entspricht. In Harsefeld war das der Heilige Gangolf, dessen Kapelle als Ersatz für ein Pferdeheiligtum einstehen musste.

Denn die alten Sachsen hatten mit dem Christentum nicht viel am Hut. Statt den Herrn am Kreuz zu verehren, hielten sie dickköpfig an den Kulten um Bäume, Pferde und Quellen fest. Als im Jahr 969 Heinrich I. aus dem Geschlecht der Udonen ins Sachsenland zog, um dort sein neu erhaltenes Grafenrecht auszuüben, fand der christliche Heinrich sich auf seinem neuen Sitz in Harsefeld - am Ufer des kleinen Flüßchens Aue, unweit des heutigen Stade - inmitten heidnischen Treibens wieder.

Doch der neue Graf fackelte nicht lange. Die Harsefelder Chronik berichtet, dass er "seinen Kelch über dem Sitz des Ungeheuers (also des Heidentums) ausgegossen habe, allen beweisend, dass dessen Herrschaft finster sei, indem er mit seinen Söhnen angefangen habe, zu Harsefeld eine Kirche zu bauen...".

Die Kirche, in deren Nachfolgebau die Harsefelder noch heute vor den Traualtar treten, ihre Kinder taufen und ihre Toten verabschieden, trägt den Namen St. Marien und Bartholomäus.

Der Stader Kreisarchäologe Daniel Nösler drückt die Türklinke herunter und öffnet die Tür zu dem sauberen kleinen Kirchenbau. Es riecht nach frischer Farbe, der Innenraum ist in einem gepflegtem Zustand. "Maria war eine besonders starke Heilige", erzählt er. "Eine ihr geweihte Kirche hat man oft genau dorthin gesetzt, wo der Widerstand gegen das Christentum besonders heftig war."

Eine Kirche neben der Kirche

Die schnieke St. Marien und Bartholomäus-Kirche steht noch heute mehr oder weniger an dem Ort, an dem Heinrich mit seinen Söhnen den Vorgängerbau vor weit über einem Jahrtausend hinstellte. Doch im vergangenen Jahr fanden die Archäologen mit dem Bodenradar gleich daneben, unter einem Rasenstück im Süden der St. Marien und Bartholomäus-Kirche, die Grundrisse eines zweiten Kirchenbaus wieder: die Gangolfskirche.

Aus der Harsefelder Chronik hatten die Wissenschaftler bereits gewusst, wonach sie suchen mussten: "Deren Kirchen sind zwo, welche nur zwanzig Schritte von einander liegen, [...] Die große wird die königl. Kirche geheißen, [...]. Die kleine Kirche nennt man die Pfarrkirche, [...] Bey den Kirchen findet sich das Kloster Harsefeldt, liegt also, daß die Kirche dem Kloster gegen Süden stehet." Doch warum brauchte der Ort zwei Kirchen so dicht nebeneinander? Und warum ausgerechnet eine zweite, die dem Heiligen Gangolf geweiht war? Diese Fragen beschäftigen Nösler derzeit.

Fest steht, dass Gangolf im 10. Jahrhundert als Heiliger in Mode war. Seine Geschichte wurde oft und gern am Hof der Ottonen erzählt - und mit denen waren die Udonen, zu denen Heinrich gehörte, eng verwandt. Wahrscheinlich traf die Lebensgeschichte des Gangolf den Humor jener Zeit - auch wenn es uns heute etwas pubertär erscheinen mag. Gangolf war ein guter Mann, der allerdings von seiner Frau verspottet wurde. Als Gangolf sie beim Ehebruch mit einem Priester erwischte, ließ er Gnade vor Recht walten: Zwar verbannte er sie aus seinem Haus, trat ihr aber die Hälfte seiner Güter ab.

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Doch das reichte der Frau nicht: Die Ehebrecherin und ihr Geliebter brachten Gangolf um. Seine Untertanen trauerten um ihn - sie pilgerten an sein Grab und berichteten bald von Wundern, die sich dort zutrugen. Eine Magd erzählte Gangolfs Frau davon. Da soll diese ausgerufen haben: "Gangolf vollbringt ebenso Wunder wie mein Hintern!" Das hätte sie lieber bleiben lassen sollen. Denn kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, entfuhr ihrem Hinterteil "ein unanderständiger Ton". Und so sollte es für den Rest ihres Lebens bleiben: Sobald ein Wort ihren Mund verließ, wurde es mit einem Furz aus ihrem Hintern quittiert.

Ein Heiliger für Quellen, Brunnen und Pferde

Diese Anekdote wird allerdings kaum ausschlaggebend für die Kirchengründung in Harsefeld gewesen sein. "Gangolf wurde nach seinem Tod zum Heiligen für Quellen und Brunnen - und für Pferde", erläutert Nösler. "Damit passt er natürlich hervorragend zur Gründungslegende des Ortes." Der Name geht auf das altsächsische horsa zurück - das wir im englischen noch heute als horse kennen.

Harsefeld bedeutet wahrscheinlich Feld der Pferde. Der Legende nach ließen die ersten Siedler auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ihre Neugründung ein blindes Pferd laufen. Als es stehenblieb, um besonders saftiges Gras zu fressen, hatten sie die geeignete Stelle gefunden. "Es ist gut möglich, dass unter der Gangolf-Kirche ein sächsisches Pferdeheiligtum liegt", vermutet Nösler. Maria reichte also nicht aus, um die Heiden zu überzeugen. "Da Gangolf als Pferdeheiliger verehrt wurde, sollte er vermutlich den sächsischen Pferdekult auffangen und christlich überprägen."

Noch vor 1010 verließen die Udonen Harsefeld, um nach Stade zu ziehen. Nur ihre Toten nahmen sie nicht mit, die Familiengrabstätte sollte auch weiterhin bei der Burgkapelle bleiben. Also wandelten sie das Gotteshaus in eine Stiftskirche um, deren vornehmliche Aufgabe fortan darin bestand, ewige Ruhestätte für die Adligen zu sein. Für das einfache Volk war die Stiftskirche damit tabu. Wenig später zogen die Benediktinermönche in die Kirche ein - und auch sie teilten nicht mit den Harsefeldern. Doch das gemeine Harsefelder Volk brauchte ja auch einen Ort für den Gottesdienst. "Um die Ur-Harsefelder zu gläubigen Christen zu erziehen, war also schon sehr früh eine eigene Gemeindekirche notwendig", überlegt Nösler. "Und da passte der Pferdeheilige Gangolf eben gut nach Harsefeld."



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