Ausgegraben

Blog "Ausgegraben" Die traurige Geschichte von Burial 519

Burial 519: Ältestes Beispiel für Kindesmisshandlung entdeckt Fotos
Sandra Wheeler

In einer ägyptischen Oase sind Archäologen vermutlich auf einen Fall von schwerer Kindesmisshandlung gestoßen. Die Knochen erzählen von einem Leben in ständiger Gewalt.

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Die Ägypter liebten ihre Kinder. Sie sahen in ihnen ein wertvolles Gut, das sie schützten und gelegentlich ganz schön verwöhnten. Auch die Römer liebten ihre Kinder - allerdings auf andere Art. Sie sahen es als ihre Pflicht an, die Kinder vorzubereiten auf das Erwachsenendasein, sie ab zu härten für das Leben. Körperliche Schwäche galt als seelische Schwäche, und so banden römische Eltern ihre neugeborenen Kinder schon mal auf Holzbrettern fest und badeten sie in eiskaltem Wasser.

Als im 1. Jahrhundert vor Christus Ägypten römisch wurde, trafen zwei Glaubenswelten der Kindererziehung aufeinander. Mitten in dieser ägyptisch-römischen Welt lebte in der Oase Dachla ein zwei- bis dreijähriges Kind, das in seinem kurzen Leben unglaublich viel Härte ertragen musste. "Dieser Fall ist das älteste Beispiel für wahrscheinliche Kindesmisshandlung in der Archäologie", beschreibt die Anthropologin Sandra Wheeler von der University of Central Florida den Fund.

Ihr Team fand das Skelett des Kindes auf dem Friedhof der Oase. Zwischen den Jahren 50 und 450 nach Christus wurden hier an die 4000 Tote begraben. Über 700 davon haben die Archäologen bereits ausgegraben, mindestens 158 von ihnen waren Kinder unter 15 Jahren. Doch keines von ihnen hatte so schwere Verletzungen wie Burial 519. Und sie stammten nicht von einem einzigen schweren Fall oder Sturz. Die meisten der Knochenbrüche sind verheilt - in unterschiedlichen Stadien. Das bedeutet: Im Laufe seines Lebens wurde diesem Kind immer wieder solche Gewalt zugefügt, dass seine kleinen Knochen brachen.

Um einem Kind diese Knochen zu brechen, braucht es bedeutende Kraft

Auch die Art der Brüche spricht Bände. In einem Artikel, der in Kürze im International Journal of Paleopathology erscheinen wird, beschreiben Wheeler und ihre Kollegen ausführlich die alptraumhaft Liste der Verletzungen. Die Oberarme sind arg lädiert. Ein Oberarmknochen war gebrochen und eine Neubildung von Knochengewebe spricht dafür, dass an einer Stelle auch die Knochenhaut verletzt war. Besonders letzteres Muster entsteht, wenn ein Arm mit brutaler Kraft gepackt und gezerrt wird.

Dazu passt auch ein Bruch des Schlüsselbeins. Ein solcher Bruch kann zwar auch bei einem Sturz entstehen, bei dem der Arm an den Körper gepresst wird - das ist aber meist nur bei älteren Kindern der Fall. Bei kleinen Kindern bricht das Schlüsselbein, wenn heftig am Arm gezogen oder geschüttelt wird. Hinzu kommen weitere Brüche an den Rippen - ebenfalls eine bei kleinen Kindern sehr selten durch normale Stürzen oder Unfällen verursachte Verletzung.

Heutzutage sehen Ärzte sie höchstens einmal, wenn bei einem Autounfall der Sicherheitsgurt dem Kind die Rippen angeknackst hat - für das römische Ägypten eher unwahrscheinlich. In der Regel brechen die Rippen bei Kleinkindern nur, wenn man sie sehr kräftig boxt oder tritt. Schließlich weisen auch noch das Becken und die Hüften des Kindes Brüche auf, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden. Um einem Kind diese Knochen zu brechen, braucht es bedeutende Kraft. Und auch das Schambein hat etwas abbekommen. "In klinischen Untersuchungen können Frakturen des Schambeins auf sexuelle Misshandlungen hinweisen", schließen die Forscher ihre Beobachtungen.

Zu dem Gesamtbild passt die Isotopenanalyse aus den Haaren, der Haut, den Nägeln und den Knochen des Kindes. Verarbeitet der Körper schwere Verletzungen, ändert sich der Stickstoffhaushalt. Die Werte des Kindes erzählen von mehreren schwerwiegenden Veränderungen im Stickstoffhaushalt, eine davon etwa vier bis fünf Monate vor seinem Tod. Dazu kommen noch generelle Anzeichen für eine konstante Unterernährung.

Zwar gibt es auch Krankheiten, bei denen die Knochen besonders anfällig für Brüche werden: Osteopenie etwa, Osteoporose, Morbus Caffey, Hypophosphatasie oder auch ein Kupfermangel, Leukämie oder Skorbut. Doch die Art der Brüche und die Isotopenanalyse sprechen gegen eine dieser Erklärungen. Was übrig bleibt, ist am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit ein schwerer Fall von Kindesmisshandlung.

Zum Glück ist Burial 519 bislang ein Einzelfall in der Oase. Zwar haben mehrere Kinder zu Lebzeiten Knochenbrüche erlitten, doch die waren jener Natur, wie sie beim normalen Spielen schon einmal vorkommen können. Lediglich ein weiteres Kind hatte multiple Knochenbrüche der schwersten Art. Die waren jedoch alle zum selben Zeitpunkt entstanden - und zwar unmittelbar um seinen Tod herum. Wahrscheinlich war dieses andere Kind aus großer Höhe gestürzt und dabei ums Leben gekommen.

"Ich denke, das Besondere an diesem Fall ist seine Einzigartigkeit - nicht nur als Beispiel für die Misshandlung eines kleinen Kindes, sondern dass es auch als einziges Individuum unter allen Kindern, die auf diesem Friedhof ausgegraben wurden, ein solches Muster an Verletzungen zeigt", sagt Wheeler SPIEGEL ONLINE.

Trotzdem bleibt sie vorsichtig, und will den Erziehungsberechtigten des Kindes nicht vorschnell schwere Misshandlung unterstellen. Letzten Endes gibt es nicht viele Vergleichsbeispiele in der Archäologie. Kinderknochen waren in der Vergangenheit für Ausgräber oft nicht so interessant wie die der Erwachsenen - oder auch einfach nicht so gut erhalten. "Wir haben uns entschieden, diesen Fall mit einer Vielzahl von Methoden noch weiter zu untersuchen. Nur so können wir sicherstellen, dass wir über verschiedenen Beweislinien die Misshandlung dieses Kindes belegen können."

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11 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
thanks-top-info 02.06.2013
snickerman 02.06.2013
diedeutschesteuerzahlerin 02.06.2013
fehlerteufel666 02.06.2013
Koda 03.06.2013
lapislaz 03.06.2013
wassolldas1 11.06.2013
charietto 16.08.2013
charietto 16.08.2013
Maria-Galeria 16.08.2013
chalchiuhtlicue 16.08.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.