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Ausgegraben

Steingewinnung Werkzeuge bauen wie die Steinzeitler

Steinwerkzeuge: Feuer bricht Fels Fotos
Per Storemyr

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Wer glaubt, in der Steinzeit hätten die Menschen einfach den nächstbesten Stein vom Boden aufgesammelt und mit ihm ziellos auf einen anderen Stein eingeschlagen, irrt. Denn den richtigen Stein fürs Herstellen eines Werkzeugs zu finden, ist gar nicht so einfach. Er darf nicht bröckeln oder springen. Er darf nicht zu hart sein, aber auch nicht zu weich. Er muss sich leicht bearbeiten lassen, aber auch belastbar sein. Schon mal versucht, auch nur für eine Woche den gut bestückten Handwerkskasten durch Steine aus dem Garten zu ersetzen? Plötzlich wird einem bewusst, wie radikal unterschiedlich Steine sein können - und danach wird kein Stein mehr einfach nur ein Stein sein.

Wie aber kommt man an die besten Exemplare? Um Antworten zu finden, gingen 16 Archäologen vom Melsvik Archaeological Project in Steinbrüche von Melsvik, hoch im Norden Norwegens. Dort zeugen zahlreiche Steinabfälle davon, dass die Stelle im Mesolithikum - etwa zwischen 9500 und 5000 vor Christus - für die Gewinnung des sogenannten Chert beliebt war.

Chert ist wie Feuerstein - beide sind extrem feinkörnige Kieselgesteine, bei deren Bruch scharfe Kanten entstehen. Die mesolithischen Messer, Pfeilspitzen oder Schaber aus der Region sind meist aus dem Chert von Melsvik gefertigt. Doch der Fels gibt den Chert nicht freiwillig her. Mit Steinhämmern und Knochenhebeln ist er nicht loszubekommen, erklärte der Geoarchäologe Per Storemyr SPIEGEL ONLINE. "Alles, was wir mit Steinhämmern aller Arten - die wir ausgiebig getestet haben - bekamen, war pulverisierter Stein und das eine oder andere winzige Stückchen, das zur Werkzeugherstellung völlig ungeeignet war", schreibt Storemyr in seinem Blog über das Experiment.

Durch Feuer zum Stein

Es musste also einen anderen Weg geben. Den Archäologen unter Leitung von Anja Roth Niemi vom Museum der Universität Tromsø waren überall in dem Steinbruch runde Felsmulden mit einem Durchmesser von etwa einem halben bis einem Meter aufgefallen. Neben und unter diesen Mulden lagen jeweils besonders viele Chert-Stücke. Viele davon waren nicht dunkel und glänzend, sondern weiß und stumpf - ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier Feuer im Spiel gewesen war. "Chert verfärbt sich stumpfweiß, wenn er Temperaturen von etwa 300 bis 400 Grad ausgesetzt wird", schreibt Storemyr. "Das haben wir im Lagerfeuer getestet."

Dass die Menschen in der Steinzeit Feuer zur Steingewinnung nutzten, ist bekannt. Wie genau, ist allerdings weniger sicher. Wie heiß muss so ein Feuer sein? Wie muss es aufgebaut sein? Die Experimentalarchäologen begannen damit, dass sie Birkenholz in verschiedenen Anordnungen aufschichteten und kleine Feuer etwa in der Größe der Mulden entzündeten.

Dann hieß es: Deckung! Schon nach fünf bis zehn Minuten ging es los. "Wir konnten quasi hören, wie der Stein lebendig wurde", so Storemyr. "Wenn die Oberfläche springt, klingt es wie Popcorn - dabei fliegen kleine Chertsplitter bis zu zwei Meter in die Höhe." Nach 45 Minuten bis einer Stunde hatte die Hitze dann auch die tiefen Schichten erreicht und trieb lange, tiefe Risse ins Gestein: "Der Bildung dieser tiefen Risse folgte ein langes 'krrrrks', wenn die Spannung im Stein nachließ."

Keine rohe Gewalt

Große, lodernde Feuer waren dazu gar nicht nötig. Im Gegenteil: Zu viel Hitze ließ das Gestein porös werden. Direkt unter dem Zentrum des Feuers betrug die Temperatur nach 20 bis 30 Minuten etwa 400 bis 500 Grad Celsius - und hinterließ nur unbrauchbares Geröll. In 15 bis 20 Zentimeter Tiefe aber herrschten nur etwa 40 bis 60 Grad Celsius. Durch die großen Temperaturunterschiede lösten sich dann schöne Placken von drei bis fünf Zentimetern Stärke und sogar größere Blöcke - perfekt zur Weiterverarbeitung.

"Die konnten wir dann gut mit Stein-, Knochen- oder Geweihwerkzeugen entfernen, es hat wunderbar geklappt", schreibt Storemyr. "Ein kleiner Schlag hier und dort half schon, den gesprungenen Stein zu befreien. Und wo das nicht ausreichte, erledigte der Einschlag von einfachen Keilen den Job." Zumindest optisch ist die Steinausbeute ein voller Erfolg. "Aber ob das Rohmaterial auch etwas taugt, können wir erst sagen, wenn wir es getestet haben. Wir planen als nächstes, mit dem Stein auch tatsächlich Werkzeuge herzustellen."

Auch die neuen Spuren im Felsen glichen haargenau den Spuren aus der Steinzeit: flache Gruben mit Steinmüll drumherum. "Unser Abfall - scharfkantige Fragmente in allen Größen, zum Teil mehrere Kilo schwer - sah genau so aus wie die alten Müllhaufen", meint Storemyr. "Steinzeitmenschen nutzten ihr Gehirn, um Stein zu gewinnen - und nicht rohe Gewalt!"

3 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
IchDenkeEherNichtDass 13.09.2013
mideal 13.09.2013
Miere 14.09.2013

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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