Ausgestorbene Sprache: Forscher beleben Babylonisch
Babylonisch ist tot, seit rund 2000 Jahren ist die Sprache nicht mehr zu hören. Das will ein britischer Wissenschaftler jetzt ändern: Auf seinem Web-Portal lesen Liebhaber Gedichte, Gesetzestexte und Zaubersprüche vor - eine faszinierende Reise in die Vergangenheit.
Es gibt Fähigkeiten, die kann man nicht jeden Tag gebrauchen. Martin Worthington von der University of London verfügt über so ein Talent. Er spricht fließend Babylonisch. "Schreiben Sie das lieber nicht", bittet er - und schränkt ein: "Ich könnte mich auf Babylonisch nur über bestimmte Themen unterhalten, zu denen die Vokabeln bekannt sind." Außerdem gibt es noch ein weiteres Problem. "Ich kann es natürlich nur tun, wenn ich einen geeigneten Gesprächspartner dafür habe."
Die Suche danach könnte bei lediglich rund 50 bis 100 Leuten weltweit, die des Babylonischen mächtig sind, schwierig werden. Trotzdem kann man diesem kleinen Kreis zuhören, wenn sie jene Sprache sprechen, die von der Mittleren Bronzezeit bis zum Ende der Eisenzeit auf den Straßen Babylons zu hören war. Denn Worthington hat das Babylonian and Assyrian Poetry and Literature Project ins Leben gerufen, eine Web-Seite, auf der Sprecher des Babylonischen Texte aus der reichen Literatur des Reichs vortragen.
Die Babylonier schrieben so ziemlich alles auf, was ihnen unter den Griffel kam. Mit diesem drückten sie ihre Schriftzeichen in weiche Tontafeln. Ein überaus haltbares Medium: Die ältesten Funde sind rund 5000 Jahre alt - das muss ein moderner Datenträger erst mal nachmachen.
Das Repertoire babylonischer Texte ist riesig. Allein auf der Web-Seite des Projekts sind neben verschiedenen Versionen des berühmten Gilgamesch-Epos eine Hymne an die Liebesgöttin Ishtar, Gesetzestexte des Codex Hammurabi - eine Rechtssammlung König Hammurapis von Babylon - oder eine Zauberformel zum Schutz vor Hundebissen zu hören. In Babylonien war das Schreiben keine Geheimlehre, sondern weit verbreitet. Fast alle taten es, Männer wie Frauen.
Wie hört sich Babylonisch an?
Das Wissen um Worthigtons Web-Seite mit ihren Texten hat sich mittlerweile weit verbreitet. "Sogar auf Facebook und Twitter hat sie es geschafft", sagt er. Sein Projekt scheint beliebt zu sein. Positive Reaktionen bekam er aus der ganzen Welt. "Ein hoher US-Offizier, der sich in seiner Freizeit mit babylonischer Lyrik beschäftigt, hat in seinem Blog auf meine Web-Seite verwiesen", erzählt Worthington. Und auch eine Priesterin der Ishtar aus dem US-Bundesstaat Georgia meldete sich bei ihm, um zu erzählen, wie toll sie die Sprechproben findet.
Auf die Idee zu dem Projekt kam der Forscher, weil die Leute ihm immer wieder die gleichen Fragen stellten, wenn er erzählte, er studiere das Babylonische. "Tatsächlich?", ist stets die erste Reaktion. Nach einer Pause folgt meist: "Wie hört sich das denn an? Und woher will man das eigentlich wissen?" Die Antwort auf die erste Frage lässt sich grob beantworten mit "wie eine Mischung aus Italienisch und Arabisch". Dazu kommt noch der eigene Akzent des jeweiligen Sprechers. Da die Vorleser der Textproben ganz unterschiedliche Muttersprachen haben, klingt auch ihr Babylonisch von Fall zu Fall verschieden. So gibt es Babylonisch mit niederländischem Einschlag, amerikanisch gefärbt oder französisch-nasal.
Die zweite Frage ist komplizierter. Die letzten Muttersprachler des Babylonischen starben um 500 vor Christus. Danach diente die Sprache zwar noch bis ins erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung für liturgische Zwecke in religiösen Kulten, aber spätestens dann geriet sie vollends in Vergessenheit. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts machten sich europäische Gelehrte daran, das Babylonische wiederzuentdecken. Ausgangspunkt waren - wie bei der Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen - dreisprachige Inschriften. In diesem Fall waren es Texte auf Altpersisch, Elamitisch und Babylonisch.
Komplizierte Entzifferung
Altpersisch hat einen noch recht engen Bezug zu jüngeren persischen Dialekten. Das erleichterte das Verstehen dieser Sprache. Das Babylonische wiederum hat Spuren in seinen späteren semitischen Cousins Hebräisch und Arabisch hinterlassen. Hinweise zur Aussprache fanden die Forscher schließlich auch in Texten, die Jahrhunderte später von Griechen oder Aramäern verfasst wurden. Mitunter verwendeten die Schreiber ein babylonisches Wort, benutzten aber die griechische oder aramäische Schrift dafür. Aus den bekannten Lauten dieser Sprachen lässt sich dann schließen, wie das babylonische Wort geklungen haben muss.
Trotzdem waren die Gelehrten sich einige Jahre lang nicht einig, ob das Babylonische tatsächlich hinreichend entziffert sei - oder ob nur jeder Forscher sein eigenes Übersetzungssüppchen kochte. Also beschloss die Royal Asiatic Society im Jahr 1857, ein Experiment durchzuführen. Sie verschickte einen babylonischen Text an vier verschiedene Gelehrte und bat sie um eine Übersetzung. Bedingung: Sie durften sich nicht untereinander beraten. Am Ende legten alle vier zufriedenstellend übereinstimmende Übersetzungen vor. Das galt als Beweis - der Babylon-Code war geknackt.
Zumindest in seinen Grundzügen. Denn noch heute ändert sich das Wissen um die babylonische Sprache mit fast jedem neuen Textfund und fast jeder neuen Übersetzung. Ein 20 Jahre altes Lehrbuch darf heute nur noch mit Vorsicht genossen werden, so rasant wandelt sich das tiefere Verständnis für das Babylonische. Außerdem ist es schwierig, eine Sprache allein aufgrund geschriebener Texte zu verstehen. Simple Elemente der Alltagsunterhaltung wie "ja" oder "Hallo!" gingen mit den aktiven Sprechern verloren.
Doch Worthington ist zuversichtlich: "Falls - in einem zugegebenermaßen sehr unwahrscheinlichen Fall - das Überleben der Menschheit davon abhängen sollte, dass moderne Wissenschaftler einen Brief auf Babylonisch an den Geist des Nebukadnezar verfassen müssen, von dem der babylonische Herrscher glaubt, er sei zu seinen Lebzeiten geschrieben", schreibt er in der Einleitung zu seinem Buch "Complete Babylonian: Teach yourself", "so können wir ziemlich zuversichtlich sein, dass die Menschheit überleben würde."
Sprachproben babylonischer Texte können Sie hier hören.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Wissenschaft
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Mensch
- RSS
- alles zum Thema Sprachforschung
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Mittwoch, 29.12.2010 – 12:49 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 7 Kommentare
- Balkan: Archäologen rätseln über 7000 Jahre alte Kupferfunde (27.12.2010)
- Andamanen-Inseln: Uralt-Sprache Bo ist ausgestorben (05.02.2010)
- Druiden: Mistelzweig und Menschenopfer (28.11.2010)
- Löchrige Datenarchive: Angst vor der digitalen Amnesie (15.02.2009)
- Unesco-Vorwurf: US-Soldaten haben in Babylon Kulturschätze vernichtet (09.07.2009)
- Verschollene Bundeslade: Jagd nach der heiligsten Kiste der Welt (12.06.2009)
- Bedrohte Sprachen: Sprachforscher im Wettlauf mit der Zeit (19.09.2008)
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT WISSENSCHAFT
-
Klimawandel
Erderwärmung: CO2, Treibhauseffekt und die Folgen - alle Nachrichten und Hintergründe -
Satellitenbilder
Blick von oben: Entdecken Sie die Schönheit der Welt - im Satellitenbild der Woche -
Artensterben
Kampf um die Vielfalt Wie der Mensch die Natur ausbeutet - und einen Massentod unter Tieren und Pflanzen verursacht -
Numerator
Rechenkunst: Zahlen und Logik - die Kolumne über die Wunderwelt der Mathematik -
Graf Seismo
Geheimnisvoller Planet: Erde, Wasser, Luft - die Kolumne über die größten Rätsel der Geoforschung
