Ausgetrickste Wahrnehmung: Blind für den Wechsel
Sie lassen auf Bildern unbemerkt ganze Bergflanken verschwinden und tauschen Gesprächspartner aus, ohne dass deren Gegenüber etwas davon mitbekommt: Wahrnehmungsforscher sägen an alten Vorstellungen über das menschliche Bewusstsein - und fragen, ob wir überhaupt ein Bild von der Welt im Kopf haben.
Kanalbrücke: Gewaltige Veränderung
Sehen Sie sich einmal das Bild links an. Wenn man per Mausklick die Großansicht öffnet, flackert es merkwürdig. Fällt Ihnen sonst noch etwas auf?
Tatsächlich verändert sich das Bild mit jedem Flackern gewaltig. Eine Fläche - und das ist schon ein Tipp zur Lösung des Rätsels - von etwa der gleichen Größe wie die gelbe Kirche rechts, erscheint oder verschwindet mit jedem Aufblinken. Wer den Wechsel erst einmal entdeckt hat, kann anschließend gar nicht mehr glauben, dass er ihn vorher übersehen konnte. Wer aber nicht weiß, wonach er suchen soll, bleibt oft lange Zeit blind dafür.
"Change Blindness", also Veränderungsblindheit, nennen Wahrnehmungspsychologen dieses Phänomen. Es hat in Fachkreisen für einige Aufregung gesorgt - denn es stellt bislang sicher geglaubte Annahmen darüber in Frage, wie unser Wahrnehmungsapparat funktioniert. Eine aktuelle Studie hat jetzt erstmals Hinweise darauf geliefert, wo im Gehirn dieser Effekt entsteht.
Große Flächen verschwinden unbemerkt - warum?
Eigentlich sind Menschen sehr gut darin, Veränderungen zu erkennen. Wenn man etwa das Bild unten in der Großansicht betrachtet - drei Angler, die sich über einen kapitalen Fang freuen - sieht man sofort, dass sich da etwas tut. Dass ein gelber Beutel am Boden des Bootes verschwindet und wieder erscheint, ist nicht zu übersehen - obwohl der Beutel im Verhältnis viel kleiner ist als die Fläche, die sich im Bild der Kanalbrücke verändert.
Wechsel ohne Flackern: Sofort sichtbar
In der Hafenszene unten etwa verschwindet ein Objekt von ähnlicher Größe und erscheint dann wieder - aber es ist wiederum sehr schwer zu entdecken. Erst eine gezielte Suche in dem flackernden Bild wird schließlich, wenn überhaupt, die Veränderung erkennbar machen. Der Trick, auf dem diese Blindheit für den Wechsel basiert, ist das Flackern. Weil dadurch das ganze Bild immer wieder neu erscheint, kann sich die Aufmerksamkeit heischende Kraft des erscheinenden Objektes nicht durchsetzen.
Hafenszene: Ein Objekt verschwindet
Dass das nicht so ist, glaubt beispielsweise der Psychologe Kevin O'Regan. Er hat in der Fachwelt für einigen Aufruhr gesorgt mit einer These, die er unter anderem aus solchen Demonstrationen ableitet. O'Regan widerspricht einer alten Gewissheit der Wahrnehmungsforschung: Dass es nämlich in unserem Gehirn ein wie auch immer geartetes Abbild unserer Umwelt gibt. Wenn uns eine große Veränderung mitten in einem Bild entgeht, meint O'Regan, kann es in unserem Kopf kein gespeichertes Bild von der Szene geben - andernfalls müsste der Wechsel bemerkt werden. Unser stabiles visuelles Bewusstsein, so der Forscher in vielen Fachartikeln, gibt es in Wirklichkeit gar nicht.
Ist das Weltbild im Kopf eine Illusion?
"Der Eindruck von Kontinuität und Dauerhaftigkeit unserer visuellen Wahrnehmung" sei "eine Illusion", sagt O'Regan. Die vollständig wirkende Vorstellung der unmittelbaren Umgebung in unserem Kopf sei ebenfalls eine Täuschung - erzeugt von der Gewissheit, mit einer Augenbewegung jederzeit einen bestimmten visuellen Eindruck erzeugen zu können. Sehen, sagt O'Regan, sei nichts, was ständig vor sich geht, sondern "eher eine Form von Wissen, wie Erinnerung". Und diese Erinnerung, so seine Folgerung, ist lückenhaft.
Frau im Kajak: Verschwundener Wechsel
Und die Beispiele mit der Flackerbild-Methode sind nicht die Einzigen, die unser stabiles Weltbild in Frage stellen. Auch in realen Alltagsszenen übersehen Menschen oft dramatische Veränderungen. Ein Beispiel: Ein junger Mann bittet einen Passanten um Orientierungshilfe. Während der Passant den Weg erklärt, wird zwischen den beiden ein Türblatt vorbeigetragen. Der junge Mann, ein Komplize des Versuchsleiters, versteckt sich hinter der Tür und macht sich davon, ein anderer nimmt seinen Platz ein - ohne dass der Passant etwas davon merkt. Selbst wenn der erste Mann einen schwarzen und der zweite einen leuchtend blauen Pullover trägt, entgeht ihrem Gegenüber der Wechsel vollkommen.
Ein Video von diesem verblüffenden Versuch und auch noch weitere Demonstrationen der menschlichen Wechselblindheit finden sich auf der Webseite des Wahrnehmungsforschers Daniel Simons von der University of Illinois in Champaign. Sie zeigen etwa, wie schwer auch sehr langsame Wechsel zum Teil zu entdecken sind, zum Beispiel Farbveränderungen.
"Karge, unvollständige oder abwesende" Welt-Bilder?
Simons selbst will diese Demonstrationen aber nicht als Belege dafür verstanden wissen, dass wir kein Bild von der Welt im Kopf haben, dass "visuelle Repräsentationen karg, unvollständig oder gar vollständig abwesend sind". Die verblüffenden Resultate der Wechselblindheits-Experimente seien zum Teil überinterpretiert worden, warnte Simons vor einigen Monaten zusammen mit Ronald Rensink von der University of British Columbia im Fachblatt "Trends in Cognitive Sciences" (Bd. 9, S. 16). Wir könnten durchaus innere Welt-Bilder im Gehirn haben, glauben die beiden Psychologen - vielleicht sind sie nur nicht ausreichend zugänglich, oder sie werden so schnell wieder gelöscht, dass sie schon kurze Zeit später nicht mehr für Vergleiche zur Verfügung stehen.
Für diese etwas vorsichtigere Interpretation sprechen auch die Ergebnisse einer aktuellen Studie. Diane Beck von der Princeton University, Nelli Lavie vom University College London und weitere Kollegen zeigten, wie sich die Wechselblindheit verstärken lässt, wenn man das Gehirn gewissermaßen aus dem Tritt bringt. Ihre Versuchspersonen sahen eine Abbildung mit vier Gesichtern, dann eine Zehntelsekunde lang einen leeren Bildschirm und dann wieder vier Gesichter - von denen aber eines ausgetauscht worden war (siehe nebenstehende Abbildung).
Gesichter-Experiment: Austausch bleibt unbemerkt
Wurde die TMS etwa in Scheitelhöhe auf der rechten Schädelseite, also über dem sogenannten Parietalkortex, angewandt, taten sich die Versuchspersonen noch schwerer, den Wechsel in der Gesichter-Anordnung zu erkennen. Ihre Ergebnisse deuteten darauf hin, dass "der hintere Parietalkortex daran beteiligt ist, festzulegen, welche Teile einer Szene ins visuelle Kurzzeitgedächtnis gelangen und welche nicht", schreiben Beck und Kollegen. Der magnetische Schubs hinderte das Gehirn ihrer Meinung nach gewissermaßen daran, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.
Die Forscher glauben, dass der besagte Bereich im Gehirn eine wichtige Rolle dabei spielt, ein Weltbild im Kopf zu erzeugen. Es sei zu klären, ob Aktivität in diesem Bereich generell "eine notwendige Bedingung für visuelles Bewusstsein" sei, schreiben die Forscher.
"Change Blindness"-Pionier Kevin O'Regan wäre mit dieser Folgerung wohl kaum einverstanden. Seine Interpretation der verblüffenden Versuche ist sehr viel radikaler. "Das visuelle Bewusstsein ist kein spezieller Zustand des Gehirns", schrieb er schon vor einigen Jahren gemeinsam mit dem Philosophen Alva Noë im Fachmagazin "Behavioral and Brain Sciences" (Bd. 24, Nr. 5), "es ist etwas, was wir tun".
P.S.: Für alle, die noch rätseln, was sich denn nun verändert in den obigen Beispielen: Die Spiegelung der Kirche im Wasser im ersten Bild, in der Hafenszene ein blauer Behälter auf dem Rand des größeren Bootes, im Kayak-Bild ist es die Bergflanke direkt vor dem Gesicht der Paddlerin.
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