Ausgegraben

Verhängnisvoller Irrtum Der Teenager, ein ligurischer Vampir

Stefano Roascio/ Elena Dellù

Im italienischen Albenga fanden Archäologen das Skelett eines jungen Mädchens, das wie ein Vampir bestattet wurde. Anthropologische Untersuchungen zeigen jetzt: Der Teenager litt an Skorbut.

Das Mädchen war ihnen unheimlich. Klein und blass war sie, mit schlechten Zähnen. Ihre Augen quollen hervor, die Haut war von blauen Flecken übersäht und ihre dünnen, wackeligen Beinchen brachen immer wieder unter ihr weg. Dann verdrehte sie die Augen und fiel in tiefe Ohnmachten, manchmal bildete sich dabei blutiger Schaum vor ihrem Mund. Das unheimlichste aber war das Blut: Manchmal hatte sie es an den Fingern, wenn sie sich damit durch die dünnen Haare fuhr. Manchmal wischte sie es sich verstohlen aus den Augenwinkeln.

Dieses Kind konnte nicht normal sein.

Als das Mädchen im Teenageralter starb, bekamen die Bewohner ihres Heimatdorfs Albenga an der ligurischen Küste es mit der Angst zu tun. Würde sie friedlich in ihrem Grab bleiben - oder versuchen, wiederzukommen, um als Vampir den Menschen das Blut auszusaugen?

Die geweihte Erde des Friedhofes jedenfalls blieb ihr verwehrt, man bestattete sie an der Kirche San Calocero abseits der übrigen Gräber. Und vor allem in gehörigem Abstand: Ihre Grube ist viel tiefer als alle anderen des kleinen Friedhofes. Um ganz sicherzugehen, legte man sie mit dem Gesicht nach unten hinein. So würde sie, wenn sie versuchen würde, sich auszugraben, nur tiefer in die Erde wühlen - weg vom Licht, weg von den Lebenden.

Mangelnde Blutversorgung, poröser Schädel

Als das Mädchen im 15. Jahrhundert starb, blühte der Aberglaube in Europa. "Gegen Ende des Mittelalters, um 1587 bis 1589, gab es in Triora, einer Gemeinde in der Nähe von Albenga, einen Prozess gegen eine Gruppe von Frauen", berichtet die Anthropologin Elena Dellù von der Università Cattolica del Sacro Cuore. "Sie wurden beschuldigt, für die Pest und für Hungersnöte verantwortlich zu sein. Außerdem hat man sie des Kannibalismus an Kindern bezichtigt. Der Inquisitor, den die Kirche schickte, kam aus Albenga - das belegt die schweren religiösen und sozialen Turbulenzen dieser Zeit in der Region."

Man wusste also viel über Hexen und Vampire - aber nichts über Skorbut. Denn daran litt das Kind in Wirklichkeit: Vitamin-C-Mangel war der Grund für ihre Kleinwüchsigkeit, die Blutungen und auch ihre epileptischen Anfälle. "Die porösen Stellen am Schädel, verursacht durch eine porotische Hyperostose, sind ein deutliches Zeichen für Skorbut", sagt Dellù. Sie hat die Knochen des Mädchens untersucht und konnte jetzt die Ergebnisse vorlegen.

Dorfbewohner hielt sie für ein Monster

Auf der Außenseite des Hinterhauptbeins, im oberen Bereich der Augenhöhlen sowie auf den Flügeln des Keilbeins hatte die Krankheit die Knochen angegriffen. "Einige Zähne waren bereits ausgefallen, vermutlich wegen mangelnder Blutversorgung."

Porotische Hyperostose - eine Veränderung der Knochenstruktur - kennen Anthropologen normalerweise als Zeichen für durch Eisenmangel bedingte Blutarmut. Doch dann befällt sie nur die Innenseite des Schädelknochens oder die Augenhöhlen. "Bei Skorbut aber können auch der Gaumen und das Keilbein betroffen sein," erklärt Dellù.

Die Krankheit wird normalerweise durch eine Vitamin-C-arme Ernährung verursacht. Früher litten beispielsweise Seeleute daran, die monatelang ohne frisches Obst und Gemüse auf dem Meer unterwegs sein mussten. Auch Gefangene, denen man nur Wasser und Brot gewährte, zeigten schon bald die typischen Symptome wie Blutungen, Zahn- und Haarausfall. Das Kind aber lebte in einer Region, in der Obst und Gemüse in Hülle und Fülle wuchsen. "Wahrscheinlich konnte ihr Körper einfach nicht genügend davon aufnehmen", vermutet Dellù.

Archäologen des Vatikans entdeckten das Grab

Für ihre Mitmenschen aber wirkte das Mädchen mit ihren Blutungen, den Ohnmachts- und epileptischen Anfälle und dem kleinen Wuchs wie ein Monster. Um so ein Ungeheuer ans Grab zu binden, standen ihnen verschiedene Methoden zur Verfügung. Aus der gleichen Zeit sind Bestattungen bekannt, bei denen ein Ziegelstein in den Mund geschoben, die Brust mit Steinen beschwert oder der Tote im Sarg regelrecht festgenagelt wurde.

Half das alles nichts, konnte man auch das Grab erneut öffnen, dem Toten den Kopf abschlagen und ihn zwischen die Füße legen. Bei dem Mädchen reichte die umgedrehte Lage offenbar aus. Ihr Grab wurde jedenfalls bis September letzten Jahres nicht mehr geöffnet. Durch Zufall waren Archäologen des Päpstlichen Instituts für Christliche Archäologie des Vatikans auf die seltsame Grabstätte gestoßen.



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6 Leserkommentare
nord1icht 16.05.2015
Miere 16.05.2015
laurent1307 16.05.2015
Sumiciu 16.05.2015
Tiananmen 17.05.2015
chalchiuhtlicue 21.05.2015

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