Ausgegraben

Ausgrabungen in Niedersachsen Totenkronen schmückten Jungfrauen-Schädel

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Landkreis Stade

Für Frauen war das Leben im Norddeutschland des 18. und 19. Jahrhunderts recht trostlos. In den Gräbern junger Mädchen aber fanden Archäologen reich verzierte Kronen. Die fragilen Blütengebilde sollten sie ins Jenseits begleiten - und konservierten ihre Knochen.

Das Leben auf dem Land ließ wenig Platz für Romantik. Geheiratet wurde nicht aus Liebe. Geheiratet wurde, überspitzt gesagt, um Land zu sichern. Oder um eine möglichst hohe Mitgift einzustreichen. Ob Braut und Bräutigam sich sympathisch waren, wurde nicht gefragt.

In diesem System war im 18. und 19. Jahrhundert mit einer Jungfrau natürlich mehr Land, Geld oder Sozialstatus zu machen als mit einem Weib, das offensichtlich bereits geschwängert oder schon einmal verheiratet gewesen war. Entsprechend Wert wurde darauf gelegt, dass die Jungfräulichkeit am Tage der Hochzeit für alle gut sichtbar zur Schau gestellt wurde.

Zu diesem Zwecke setzte man der Unbefleckten eine Brautkrone auf den Kopf - ein üppiges Flechtwerk aus bunten Glasperlen, feinen Seidenblumen und kompliziert gewundenen Schmuckdrähten. Mit Nadeln wurde das Kunstwerk am Haar befestigt, und die Braut musste es den ganzen Tag lang auf dem Kopf balancieren. Erst am Abend, wenn der Tanz begann, durfte sie das Gebilde abnehmen und gegen die Abendmahlshaube austauschen.

Trauerfeier für eine Jungfrau

Über hundert Jahre später im niedersächsischen Stade: Noch immer schimmern die Glasperlen in Blau und Rot. Eine Handvoll von ihnen liegt sicher verpackt in den leeren Fächern einer Familienpackung Toffifee. Als Grabungstechniker Dietrich Alsdorf sie aus der Hülle zieht, reflektieren die hauchdünnen Glaswände der Perlen das Licht der Deckenlampen im Magazin der Stader Kreisarchäologie.

Doch die Krone, zu der sie gehörten, schmückte nie den Kopf einer Braut. Alsdorf fand sie auf dem Schädel einer jungen Frau. Sie war vor ihrer Hochzeit gestorben. Ihre Familie wollte offenbar, dass bei der Trauerfeier trotzdem ihr Status kenntlich war. Also schmückten sie die Verstorbene mit einer Totenkrone - als Zeichen dafür, dass sie als Jungfrau vor ihren Schöpfer trat.

"Ausnahmslos alle Mädchen und jungen Frauen, die wir in den neuzeitlichen Gräbern des Friedhofs ausgegraben haben, trugen Reste einer Totenkrone", erinnert sich Alsdorf an die Bergung der Knochen. Auf den Köpfen mancher älterer Frauen entdeckte er dagegen lediglich Fragmente von Samt - die Reste der Abendmahlshauben.

Blonde Locken, grün verfärbt

Die Kronen waren die einzige Möglichkeit, den Status der Verstorbenen zum Ausdruck zu bringen. Alsdorf zeigt auf seinen Hals: "Bis hierhin trugen ja alle das gleiche Leichenhemd." Und auch die Särge unterschieden nicht zwischen Arm und Reich. "Das waren alles Standardanfertigungen - Eichenholz, mit schwarzer Farbe bemalt."

Es ist überhaupt nur diesem Schmuck zu verdanken, dass die Knochen noch so gut erhalten sind. "Das Kupfer aus den feinen Drähten wirkt antibakteriell", erklärt Landkreisarchäologe Daniel Nösler. "Es hat alle Lebewesen ferngehalten, die sonst den Zersetzungsprozess vorantreiben." Der Zerfall schreitet normalerweise schnell voran im schweren, feuchten Boden von Oldendorf.

Bewahrt vor dem völligen Zerfall: Schädel aus der Ausgrabung in Oldendorf
Landkreis Stade

Bewahrt vor dem völligen Zerfall: Schädel aus der Ausgrabung in Oldendorf

Doch das Kupfer schützte die Schädelplatten. Alsdorf zieht vorsichtig eine aus der Fundkiste. Dünn und bröckelig ist auch sie. Aber darauf kringeln sich sogar noch blonde Locken, grün verfärbt dort, wo der Kupferdraht klebt. Hier lässt sich eine Blüte erahnen, dort der Saum einer Borte. Mehr ist nicht übrig geblieben.

Schniefen, Husten, Keuchen

Die anthropologischen Untersuchungen der Knochen zeichnen ein düsteres Bild vom Leben im Oldendorf. Jedes zweite Kind erlebte seinen sechsten Geburtstag nicht. Den Infektionskrankheiten hatten die kleinen Körper kaum etwas entgegenzusetzen: "Die Ernährung war so einseitig, dass das Immunsystem keine Chance hatte", erläutert Nösler. "Zu essen gab es fast nur Getreidebrei, zu trinken dünnes Bier oder Wasser aus dreckigen Brunnenlöchern." Fleisch kam nur selten, Gemüse nie auf den Tisch.

An den Innenseiten der Nasen- und Kieferhöhlen sieht man, wozu eine solche Lebensweise führte. Die Knochen sind dort porös von den ständigen Entzündungsprozessen chronischer Atemwegserkrankungen. Schniefen, Husten und Keuchen gehörte wohl zur Geräuschkulisse in den Häusern. Kein Wunder, denn die wurden mit offenen Torffeuern beheizt. "Drinnen wird die Luft so rußig gewesen sein, dass jeder tiefe Atemzug weh getan haben musste", sagt Nösler.

Im Jahr 1891 empörte der Oldendorfer Lehrer Martens sich in seiner Schulchronik über das ständige Gehuste:

"Es spotten dann die Rauchmassen, die so ein Haus erfüllen, aller Beschreibung. (...) Darf man sich daher wundern, dass es nur wenige Häuser gibt mit intakten Lungen? (...) Der chronische Catarrh, die Leute sagen: 'ick bün unbräsig', ist so sehr verbreitet, man hat sich so an ihn gewöhnt, dass ein mit ihm behafteter Mensch einfach als normaler Mensch angesehen wird. (...) Man betrete im Herbste und Winter unsere Kirche, wo Prediger mit schwacher Stimme kaum durchdringen können, durch das gewaltige homerische Gehuste."

Die Schäden an den Knochen der Oldendorfer belegen: Die Worte von Lehrer Martens sind keinesfalls übertrieben.



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6 Leserkommentare
ky3 17.02.2014
anniblubb 17.02.2014
terricus666 17.02.2014
Nania 17.02.2014
chua 17.02.2014
Miere 18.02.2014

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