Außerirdische und Künstliche Intelligenz: Hallo, ist da wer?

Von Technologie-Prophet Paul Saffo

Die Menschheit sucht im All sehnsüchtig nach außerirdischer Intelligenz. Doch fündig werden könnte sie auf der Erde: Die Roboter von morgen sind emotional und superklug. Die Frage wird sein: Wie gehen sie mit uns um? Sehen sie uns als Haustiere - oder als Nahrung?

Leben im All: Der unbekannte Außerirdische Fotos
AP

Immer schnellere Veränderung ist die neue Norm. Selbst die dramatischsten Entdeckungen, die noch auf uns warten, werden kaum mehr leisten, als uns ein Stückchen weiter zu schubsen auf der Achterbahn des modernen Lebens. Umwälzende Entdeckungen wetteifern mit Hollywood-Tratsch um die Schlagzeilen, während eine mit Überraschungen übersättigte Öffentlichkeit auf die neuesten Wissenschaftsnachrichten nur noch mit einem Achselzucken reagiert.

Nur eines würde alles grundsätzlich verändern: Die Entdeckung nichtmenschlicher Intelligenz, die unserer eigenen ebenbürtig oder überlegen ist. Das würde alles verändern, weil unsere sich auf diesem Planeten drängelnde, ständig zankende Spezies einsam ist. Es ist eine gewaltige, schmerzhafte und existentielle Einsamkeit. Sie ist es, die uns zum Glauben an Götter zwingt, deren Existenz jenseits von Logik oder Beweisen liegt. Sie ist es, die uns an Geister und Feen glauben lässt, an Kobolde, Gespenster und kleine grüne Männchen. Sie ist auch der Grund, weshalb wir die Intelligenz unserer tierischen Kollegen erkunden, in der Hoffnung, ein Gespräch mit ihnen beginnen zu können. Wir sind so einsam wie Defoes Robinson Crusoe. Wir verzehren uns nach jemandem, mit dem wir uns unterhalten können.

Die Suche nach außerirdischer Intelligenz - Seti - begann vor 50 Jahren mit einem einzelnen Astrophysiker. Er nutzte die ungenutzten Betriebszeiten eines Radioteleskops, um einige Frequenzen aus der Richtung zweier benachbarter Sterne zu untersuchen. Heute findet die Suche systematisch und permanent statt, mithilfe von Supercomputern und hochentwickelten Empfängern, wie dem Allen Telescope Array des Seti-Instituts. Sie sind in der Lage, innerhalb weniger Minuten einen größeren Bereich abzusuchen, als Seti im ganzen ersten Jahrzehnt seines Bestehens abgetastet hat. Mit einer neuen 500-Meter-Schüssel hat China inzwischen neues Terrain betreten (die Empfangsfläche entspricht also der von 30 Fußballfeldern oder zehnmal der Größe von Arecibo). Die Mission schließt ausdrücklich auch die Suche nach fremden Zivilisationen mit ein.

Bisher sind wir nur auf großes Schweigen gestoßen

Astronomen lauschen nicht nur, sie schauen auch: Mehr als 300 Planeten wurden bereits außerhalb unseres Sonnensystems entdeckt, fast alle innerhalb des letzten Jahrzehnts und mehr als 100 allein in den letzten zwei Jahren. Noch bedeutsamer ist die Tatsache, dass die Mindestgröße nachweisbarer extrasolarer Planeten rasant gesunken ist. Heute können wir Planeten entdecken, deren Masse der der Erde entspricht. Und mit dem Start der Nasa-Raumsonde Kepler im Jahr 2009 steht die Entdeckung von Planeten vor einem exponentiellen Wachstum. Kepler soll über 100.000 Sterne nach der Anwesenheit von erdgroßen Planeten untersuchen. Weitere Erden, auf denen intelligentes Leben existieren könnte, sind der Heilige Gral der Planetenjäger.

Bislang sind wir bei der Suche nach außerirdischer Intelligenz nur auf großes Schweigen gestoßen. Während die Astronomen suchen, sind Computerwissenschaftler fest entschlossen, selber Intelligenz zu erschaffen. Die Erforschung der Künstlichen Intelligenz (KI) läuft bereits seit Jahrzehnten, und ein paar wenige KIs haben wohl auch bereits schon den Turing Test bestanden.

Wendet man auf sie die exponentielle Logik des Moore'schen Gesetzes an, dann scheint der Einzug der starken KI innerhalb der nächsten Jahrzehnte unausweichlich. Wir werden Roboter haben, die schlau genug sind, um sich mit uns zu unterhalten. Und sie werden emotional so ansprechend sein, dass Menschen das Recht einfordern werden, sie zu heiraten.

So oder so wird die Menschheit jemanden oder etwas finden, mit dem sie sich unterhalten kann. Unsicher ist nur, wohin diese Gespräche führen werden. Wegen der zeitlichen Verzögerung wird der Gedankenaustausch mit entfernten außerirdischen Zivilisationen nicht einfach sein. Aber allein die Tatsache, dass es sie gibt, wird unser Selbstbild so grundlegend verändern, wie es Kopernikus vor fünf Jahrhunderten gelang. Und trotz der Entfernung werden wir natürlich versuchen, mit ihnen zu reden. Ein Drittel von uns wird sie erobern, ein Drittel bekehren wollen. Und der Rest wird versuchen, ihnen irgendetwas zu verkaufen.

Mit künstlichen Begleitern werden intimere Gespräche möglich sein, nicht nur wegen ihrer Nähe, sondern weil sie vom ersten Augenblick ihres sich regenden Geistes an unsere Sprache sprechen werden.

Aber ich fürchte darum, was im Laufe ihrer Weiterentwicklung geschehen wird. Werden sie so schlau werden, dass sie sich gar nicht mehr mit uns unterhalten wollen? Werden sie eigene Pläne schmieden, die aus einer menschlichen Perspektive nicht den geringsten Sinn ergeben? Eine Welt, die man mit superintelligenten Robotern teilen muss, ist schwer vorstellbar. Wenn wir Glück haben, werden unsere neuen Gedankenkinder uns wie Haustiere behandeln. Wenn wir Pech haben, werden wir ihre Nahrung sein.

Aus dem Englischen von Daniel Bullinger

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
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1. Phillip K.Dick
Robert Hut 22.11.2009
"Do Androids Dream of Electric Sheep?" aka "Bladerunner" beantwortet alle diese Fragen ausführlich, warum also nochmals eine solcher Diskurs?
2. Schwacher Artikel
kurt. 22.11.2009
Leider spekuliert Saffo ohne blassen Schimmer von der Materie munter drauflos und gelangt dadurch zu abenteuerlichen Schlüssen: ---Zitat--- "Die Erforschung der Künstlichen Intelligenz (KI) läuft bereits seit Jahrzehnten, und ein paar wenige KIs haben wohl auch bereits schon den Turing Test bestanden." ---Zitatende--- "wohl"? Nö. Was bislang unter "Künstlicher Intelligenz" verstanden wird, hat mit dem, was wir unter menschlicher Intelligenz verstehen, nur sehr wenig zu tun. Es geht darum, sich im Rahmen einer sehr begrenzten und genau definierten Umwelt möglichst sinnvoll zu verhalten, wobei das sinnvolle Verhalten in aller Regel immer noch haarklein vom Menschen einprogrammiert werden muss. Wenn ein Roboter mit seinem Kamerasystem einen Felsen erkennen und umfahren kann, ist das nicht "Intelligenz". Intelligenz wäre, wenn ich den gleichen Roboter auf einen Kaffee einladen und mit ihm über Kants "Kritik der reinen Vernunft" diskutieren könnte. Es gibt aber bis heute nicht einmal automatische Übersetzungsdienste, die halbwegs brauchbare Ergebnisse auswerfen, weil die Semantik natürlicher Sprache so komplex ist und sehr umfangreiches Alltagswissen erfordert. "(Teil-)autonomes Problemlösen" wäre eine sehr viel ehrlichere Bezeichnung für das, was derzeit unter "Künstlicher Intelligenz" firmiert. ---Zitat--- "Wendet man auf sie die exponentielle Logik des Moore'schen Gesetzes an, dann scheint der Einzug der starken KI innerhalb der nächsten Jahrzehnte unausweichlich." ---Zitatende--- Moore beschreibt kein Naturgesetz, sondern eine Beobachtung. Die wird - wie jedes Wachstum - durch die Naturgesetze begrenzt, d.h. irgendwann wird das Wachstum der Transistorzahlen zum Erliegen kommen. Und selbst wenn das nicht so wäre, kann man nicht einfach Intelligenz mit Transistoren aufwiegen. ---Zitat--- "So oder so wird die Menschheit jemanden oder etwas finden, mit dem sie sich unterhalten kann. Unsicher ist nur, wohin diese Gespräche führen werden. Wegen der zeitlichen Verzögerung wird der Gedankenaustausch mit entfernten außerirdischen Zivilisationen nicht einfach sein." ---Zitatende--- Ein paar Absätze vorher wird noch eingeräumt, dass bislang keine intelligenten außerirdischen Zivilisationen gefunden wurden. Woher kommt also die hier als Faktum dargestellte Vermutung, es müsse sie geben?
3. ...
kodu 22.11.2009
Zitat von Robert Hut"Do Androids Dream of Electric Sheep?" aka "Bladerunner" beantwortet alle diese Fragen ausführlich, warum also nochmals eine solcher Diskurs?
... weil die Bedrohung wächst ... lesen Sie lieber DANIEL H. WILSONS "HOW TO SURVIVE A ROBOT UPRISE " !
4. Computer mit KI nicht chancenlos ...
Grosskotz 22.11.2009
Was soll ich mir einen Computer mit KI anschaffen, der um ein vielfaches klüger ist als ich es bin? Meine Ehefrau reicht. Soll ich mir etwa einen Inferioritätskomplex zuziehen? Und einen Psychotherapeuten zuilegen, damit ich damit zurechtkomme? Aufgefressen werden? Ich werde im letzten Moment dem Computer den Stecker rausziehen. Das geht bei der Ehefrau nicht; die bleibt immer klüger. Die KI beim Computer ohne Strom tendiert nicht nur gegen, sie ist eindeutig Null. Insofern hat der Computer doch noch einen Vorteil.....
5. Geklonter Dieter als Rettungsprogramm
Wolfgang Jung 22.11.2009
Zitat von sysopDie Menschheit sucht im All sehnsüchtig nach außerirdischer Intelligenz. Doch fündig werden könnte sie auf der Erde: Die Roboter von morgen sind emotional und superklug. Die Frage wird sein: Wie gehen sie mit uns um? Sehen sie uns als Haustiere - oder als Nahrung? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,661542,00.html
Sitz Menschi! oder Bon appetit! Ich sehe das optimistisch. Kein Roboter oder keine außerirdische Intelligenz wird so superklug sein, dass er oder sie vor Dieter Bohlen bestehen könnte. Also, klonen wir ihn.
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Der Autor
REUTERS
Paul Saffo lebt im Silicon Valley und verfolgt seit mehr als 20 Jahren technologische Trends und Entwicklungen. In Kolumnen, Essays und Büchern analysiert er die technologischen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Paul Saffo ist auch Associate Professor an der Stanford University.
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