Ausstellung: Die Soldaten von Kassel

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Archäologie: Skelettfunde aus Kassel Fotos
Naturkundemuseum Kassel

Von wegen Grabesruhe: Als bei Neubauten der Uni Kassel Dutzende Skelette auftauchten, wurden die Gebeine ausgegraben und genauestens untersucht. Es handelt sich um Überreste napoleonischer Soldaten. Ab heute sind sie in einer Ausstellung zu sehen.

Der Mann in Uniform hat Schweißperlen auf der Stirn. Er ist robust gebaut, mittleren Alters und schiebt mit letzter Kraft einen Karren vor sich her. Darin transportiert er einen auf Stroh gebetteten Toten, der seinem schweren Fieber erlegen ist. Der Mann und der Tote sind Rekonstruktionen, Figuren mit Händen und Füßen aus Silikon. Den beiden Männern gegenüber liegen zwei Skelette auf dem Boden. Auch ihre Fundlage ist rekonstruiert. "Natürlich ist der Aufbau hypothetisch, aber so könnte es tatsächlich vor rund 200 Jahren hier in Kassel gewesen sein", sagt Kai Füldner, der Direktor des Naturkundemuseums.

Heute beginnt die Ausstellung "Die Skelettfunde vom Uni-Campus". Sie beschäftigt sich allerdings nicht nur mit Kassel zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Im Fokus stehen auch die Jahre 2008 bis 2012.

Denn dass diese Szene so nachgestellt werden konnte, ist einem glücklichen Zufall geschuldet: Vor fünf Jahren wurden bei Bauarbeiten an der Universität Kassel auf einem mehr als 300 Quadratmeter großen Areal erst vier, dann dreißig, schließlich 60 Skelette entdeckt. Weil die Kriminalpolizei die Funde zunächst für Kriegstote aus dem Zweiten Weltkrieg hielt, wurden die menschlichen Überreste in sechs Särge geschüttet und auf dem Zentralfriedhof in Kassel bestattet.

Doch Kai Füldner wollte die Toten nicht ruhen lassen. Denn er vermutete, sie könnten eine interessante Geschichte erzählen. Im Jahr 2009 ließ er die Särge deshalb wieder ausgraben. Zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Göttingen hat der Museumsdirektor die rechten Oberschenkel aus den Funden gezählt: Es sind 119, nicht 60, wie zunächst gedacht. "Wir gehen sogar davon aus, dass es sich insgesamt um rund 400 Tote handelt, die irgendwo unter Schnellstraßen und Hochhäusern vergraben liegen."

Die Soldaten kämpften für Napoleon an der Front

Der Fund hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, weil die Herkunft der Skelette unklar war. Doch auch hier konnten Füldner und die Wissenschaftler Aufklärung leisten. Anhand genetischer Sequenzen, die charakteristisch für Menschen aus bestimmten Teilen Europas sind, gelang es ihnen, die Herkunft der menschlichen Überreste zu bestimmen: Sie stammen aus dem Bereich Belgien-Niederlande-Luxemburg.

Gemein hatten viele der Skelette außerdem schlecht verheilte Knochenbrüche, verfaulte oder ausgefallene Zähne und Mangelerscheinungen. Dass es sich bei den Männern, vermutlich im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, um Soldaten handelte, folgerten die Wissenschaftler schließlich aus den Verschleißerscheinungen – etwa den abgeriebenen Schlüsselbeinen, die vom Tragen schwerer Lasten herrühren.

Doch wie kamen die Soldaten nach Kassel? Nach den Wirren der Leipziger Völkerschlacht, im Spätherbst des Jahres 1813, ist der jüngere Bruder Napoleons, Jérôme Bonaparte, König in Westfalen. Er rekrutiert für den Kampf an der Front eine Husareneinheit aus Luxemburg. Im Oktober, sagt Füldner, liegen etwa 400 französische Soldaten im Kasseler Militärhospital, viele davon aus dem Luxemburger Kontingent. Doch die Russen rücken näher, aus der Notiz eines Chronisten geht hervor, dass die Männer, teils fieberkrank, in ein Behelfshospital in der Stadt gekarrt wurden. Dieses Lazarett lag etwa dort, wo die Skelette gefunden wurden. "Uns geht es nun darum, die Zusammenhänge noch genauer zu erforschen", sagt Füldner. Erst, wenn die letzten Fragen beantwortet sind, werden die Skelette wieder beerdigt.

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Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.