Australopithecus africanus Menschen-Urahn hatte eingebauten Nussknacker

Lass knacken, Urmensch! Einer unserer frühen Vorfahren konnte nach neuen Erkenntnissen mit seinen Zähnen ganze Nüsse pulverisieren. Das Spezialgebiss soll ihm dabei geholfen haben, Zeiten mit knapper Nahrung besser zu überstehen.


Washington - Als der südafrikanische Fernsehsender SABC 3 vor gut vier Jahren seine Zuschauer über die 100 berühmtesten Südafrikaner abstimmen ließ, kam "Mrs. Ples" immerhin auf Platz 95 - und dass obwohl sie schon seit rund 2,6 Millionen Jahren tot ist. "Mrs. Ples" ist der Spitzname eines Vormenschen, dessen Schädelknochen im April 1947 südafrikanischen Sterkfontein-Gebiet gefunden wurde.

Vormenschenschädel und Computermodell: Knochensäulen links und rechts der Nase
PNAS / Gerhard Weber

Vormenschenschädel und Computermodell: Knochensäulen links und rechts der Nase

Doch obwohl der Schädel eines Australopithecus africanus schon seit 60 Jahren bekannt ist, lernen Forscher immer wieder neues über den Menschenahn, bei dem es sich im Übrigen auch um "Mr. Ples" gehandelt haben könnte. Das Geschlecht ist nämlich nicht mit Sicherheit bestimmt. Wissenschaftler um David Strait von der Universität in Albany haben nun aus dem Fossil ein 3D-Modell kreiert, für das sie allerdings noch einen sehr ähnlichen Skelettfund hinzuziehen mussten.

Im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" beschreiben die Forscher, dass die eigentümliche Schädelform des Australopithecus eine biomechanische Anpassung sein könnte. Sie ließe sich mit besonderen Ernährungsgewohnheiten erklären. Auffallend sind vor allem zusätzliche Knochensäulen links und rechts der Nase, die den Kauapparat unterstützen.

Um die genauen Gründe für die besondere Schädelanatomie zu erfahren, verglichen die Forscher den Schädelaufbau von Australopithecus mit dem von Macaca fascicularis, einer Affenart, deren Ernährungsgewohnheiten gut erforscht sind. In Computersimulationen sahen sich die Wissenschaftler an, wie sich verschiedene Kaubelastungen auf die Schädel auswirkten: Beim Kauen auf allen Backenzähnen fanden die Forscher wenige Unterschiede zwischen den beiden Schädelmodellen. Allerdings war der Australopithecus deutlich besser gewappnet für starke und ausschließliche Belastungen der vorderen Backenzähne.

Bisher wurde vermutet, dass diese Schädelanpassung dazu diente, sehr große Mengen an Nahrung oder kleine harte Objekte zu zerkauen. Das Spezialgebiss diente jedoch gerade nicht dem Kauen, schließen die Forscher aus ihren Daten. Sie glauben, dass der Australopithecus seine Vormahlzähne zum Knacken der harten Schalen von Nüssen oder Samen benutzte. Diese seien zwar wohl nicht die Lieblingsspeise der südafrikanischen Vormenschen gewesen - aber möglicherweise eine letzte Reserve, um über schlechte Zeiten hinwegzukommen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Affenart Macaca fascicularis, der Javaneraffe, sei ausgestorben. Dies ist nicht der Fall. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

chs/ddp/AP



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