Von Johann Grolle
Die Strahlzeit ist kostbar am Synchrotron in Grenoble. Rund 7000 Wissenschaftler kommen alljährlich hierher, um die stärkste Röntgenquelle der Welt zu nutzen. Molekularbiologen und Pharmaforscher, Luftfahrttechniker und Geophysiker, Kunsthistoriker und Materialwissenschaftler wetteifern darum, ihre Proben in dieses einzigartige Licht halten zu dürfen.
Doch selbst für die Synchrotron-Manager war "MH 1" etwas Besonderes. So heißt das Fossil der Vormenschenart Australopithecus sediba, das südafrikanische Urmenschforscher 2008 entdeckt und vergangenes Jahr erstmals publiziert hatten. Nach Grenoble brachten sie es, um ihm seine intimsten Details zu entlocken. Es hat das Zeug, zu einem der bedeutendsten Fundstücke der Menschwerdungsgeschichte aufzusteigen. Nicht einmal vollständig aus dem Fels geschält ist jener Schädel, den die Forscher mit dem Strahl des Synchrotrons durchleuchteten und so das Innere der Schädelkalotte abtasteten.
Und noch ein zweites Individuum haben die Forscher untersucht: "MH 2" war weiblich, wahrscheinlich Ende 20, Anfang 30, Hand und Becken sind bemerkenswert gut erhalten. Ein Team von rund 80 Wissenschaftlern hat die Gebeine der beiden Vormenschen in den vergangenen Jahren untersucht.
Ihre Ergebnisse präsentieren sie jetzt in gleich fünf Artikeln des Wissenschaftsmagazins "Science". Und diese sorgen für Aufregung: Kaum ein anderes Skelett aus der Frühgeschichte des Menschen ist so vollständig und in so gutem Zustand fossilisiert. Vor allem aber das Alter der Funde elektrisiert die Fachwelt. Die beiden Vormenschen lebten vor ziemlich exakt zwei Millionen Jahren und stammen damit genau aus jener faszinierenden Umbruchszeit, in der sich das originär Menschliche im Menschenaffen zu regen begann.
"Dies ist eine Grundlage für Dutzende von Wissenschaftlerkarrieren"
"Australopithecus sediba gewährt der Wissenschaft einen beispiellosen Blick in das Labor der menschlichen Evolution", verkündet der Entdecker Lee Berger. Seine entscheidende Entdeckung hatte der südafrikanische Paläoanthropologe im Internet gemacht - bei Google Earth: "Ich war vielleicht der letzte Mensch auf Erden, der Google Earth entdeckt hat", witzelt er, "aber dafür hat es sich dann richtig gelohnt." Auf den Satellitenbildern durchforstete er jenes karstige Areal nordwestlich von Johannesburg, das den Spitznamen "Wiege der Menschheit" trägt, seit dort Anfang des vergangenen Jahrhunderts die ersten spektakulären Funde von Vormenschen gelungen waren.
Mehr als 500 bisher unbekannte Vorzeit-Höhlen spürte Berger so auf. Am 15. August 2008 war es dann Bergers neunjähriger Sohn Matthew, der in einer Kuhle namens Malapa den entscheidenden Knochen fand - das Schlüsselbein eines Verwandten des Menschen.
Schon jetzt lagern in den Schubladen der Johannesburger University of Witwatersrand die Knochen von mindestens drei weiteren Vormenschen, darunter sogar ein Baby. Die eigentliche Grabung soll aber erst noch beginnen. "Eines ist jetzt schon klar", meint Bergers Kollege Kristian Carlson: "Dies ist eine Grundlage für Dutzende von Wissenschaftlerkarrieren."
Das erste Dämmern des Menschlichen
Die wohl größte Sensation ist das in all seinen Windungen und Furchen sichtbar gemachte Gehirn. Grünlich schimmernd dreht es sich auf den Monitoren der Forscher und offenbart für den Fachmann deutlich erkennbar das erste Dämmern des Menschlichen. "Die beiden Frontallappen sind etwas unterschiedlich groß", erklärt der Hirn-Experte Carlson. Gerade die Asymmetrie aber gilt als charakteristisches Merkmal des Menschenhirns: Die Entwicklung der Sprache brachte eine immer stärkere Spezialisierung der beiden Hirnhälften mit sich.
Und tatsächlich wölbt sich da etwas im Hirn des Vormensch-Jungen, am unteren Rand des linken Frontallappens, genau dort, wo im Menschenhirn die Sprachregion liegt. Zwar glauben die Forscher nicht, dass dies als Indiz für richtiges Sprachvermögen gedeutet werden dürfe. Doch immerhin bahnt sich erstmals der folgenreiche Umbau des Denkorgans an. Überraschend gering war das Hirnvolumen des Australopithecus sediba: Mit rund 420 Kubikzentimetern war es kaum größer als eine Avocado.
Das zwingt die Forscher, die evolutionäre Entwicklung des Gehirns neu zu überdenken. Und mehr noch - auch eine andere Theorie gerät damit ins Wanken: Das Anschwellen des Gehirns, so dachten die Forscher bisher, führte zum Umbau des Beckens. Dieses dehnte sich im Laufe der Evolution, damit der immer größere Schädel der Babys noch durch den Geburtskanal passte. Der Schädel von Australopithecus sediba aber dürfte bei der Geburt nicht größer gewesen sein als der eines Schimpansen. Sein Becken hingegen war bereits kurz und breit, wie es typisch für heutige Menschen ist - die Geburt kann für die Vergrößerung des Beckens also nicht der treibende Faktor gewesen sein.
Merkmale von Mensch und Menschenaffen zusammengepuzzelt
"Diese Art scheint in erstaunlicher Weise aus Merkmalen von Mensch und Menschenaffen zusammengepuzzelt zu sein", sagt Berger. Während es aussieht, als seien Becken und Hirn auf halbem Wege der Menschwerdung stecken geblieben, offenbart der Fuß ein ungewöhnliches Mischmasch von Zwei- und Vierbeiner-Merkmalen. In nie zuvor gesehener Weise scheinen das Gelenk eines Menschen und die Ferse eines Affen miteinander verschmolzen. "Offenbar hat die Evolution hier eine andere Art des Zweibeiner-Gang erprobt", meint Berger.
Gemessen daran wirkt die Hand des neuen Vormenschen eindeutig: Kurze gerade Finger und ein kräftiger Daumen - genau das sind die typischen Merkmale einer modernen Menschenhand. "Kein Zweifel, der konnte auch Werkzeuge herstellen", sagt Tracy Kivell vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Ihr Fazit: Australopithecus sediba dürfte der erste Handwerker der Erdgeschichte gewesen sein.
Nun zeichnet sich immer klarer ein Kandidat aus dem Dunkel der fossilen Vergangenheit ab: Wer, wenn nicht Australopithecus sediba, sollte dafür in Frage kommen? Werkzeuggebrauch, ein erstaunlich fortgeschrittenes Denkorgan und ein menschlich anmutendes Becken: Macht all das den Vormenschen aus Südafrika zum Ahnen aller heute lebenden Menschen? Für Lee Berger scheint die Antwort auf der Hand zu liegen: "Es kann gut sein, dass alles hier begonnen hat."
In der streitbaren Zunft der Urmenschforscher ist gewiss, dass er sich damit Feinde machen wird. Bergers Kollegen haben sich derweil daran gemacht, ein Merkmal des modernen Menschen unter die Lupe zu nehmen, das nie zuvor ins Visier der Urmenschforscher geraten war: die nackte Haut des Homo sapiens. Am Schädel von "MH 1" und am Kinn von "MH 2" bemerkten die Forscher eigenartige Schichten, die sie bisher nicht zu deuten wissen. Handelt es sich womöglich um die fossilen Überreste der Haut? "Wir wissen es nicht", sagt Berger. Mehr will er lieber nicht sagen, denn es wäre eine äußerst kühne These; Hautgewebe versteinert nicht.
Klarheit soll jetzt ein Projekt schaffen, das seinerseits ein Experiment ist: Anfang dieser Woche schalteten die Forscher die Website mit dem Titel "Malapa Soft Tissue Project" frei, auf der jedermann Vorschläge einreichen kann, wie sich jenen rätselhaften fossilen Strukturen, die wie Haut aussehen, ihr Geheimnis entlocken lässt. "Offene Wissenschaft" nennt sich das.
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