Auszeichnung: Physik-Nobelpreis geht an drei Supernova-Forscher

Drei Kosmologen erhalten den Physik-Nobelpreis 2011. Eine Hälfte der Auszeichnung geht an den Amerikaner Saul Perlmutter, die andere Hälfte teilt sich sein Landsmann Adam Riess mit dem US-Australier Brian Schmidt. Das Trio hat bewiesen, dass das Universum immer schneller wächst.

Stockholm - Hohe Ehrung für Himmelsforscher: Die Amerikaner Saul Perlmutter und Adam Riess sowie der US-Australier Brian Schmidt bekommen den diesjährigen Physik-Nobelpreis. Sie erhalten die Auszeichnung für ihre Forschungen zur Ausdehnung des Universums durch die Beobachtung ferner Sternenexplosionen, sogenannter Supernovae.

Perlmutter, 52, der am Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien arbeitet, erhält eine Hälfte des Preises. Die andere Hälfte teilen sich Schmidt, 44, von der Australian National University in Weston Creek und Riess, 41, von der Johns Hopkins University in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland). Die höchste Auszeichnung für Physiker ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

In einer ersten Reaktion erklärte Perlmutter, seinem Team sei die Entdeckung in mehreren Schritten gelungen. Bei der Datenanalyse habe man immer wieder angenommen, man liege falsch. "Nach Monaten glaubt man es dann", sagte der Forscher. "Es ist dann keine so große Überraschung mehr. Aber es war das längste Aha-Erlebnis, das ich jemals hatte."

Fotostrecke

5  Bilder
Physik-Nobelpreis 2011: Was explodierende Sterne verraten
Schmidt sagte, er sei von dem Preis "völlig überrascht". Er sei zunächst misstrauisch gewesen, als sich am Telefon ein schwedischer Anrufe gemeldet habe. "Meine Knie wurden weich", sagte Schmidt. "Ich musste umherlaufen und erst einmal zur Besinnung kommen."

Wie das Nobelpreis-Komitee am Dienstag mitteilte, haben die Entdeckungen der drei Wissenschaftler "die Kosmologie in ihren Grundfesten erschüttert". Perlmutters Team begann 1988 mit seiner Arbeit, Riess und Schmidt starteten 1994. Die Forscher nutzten eine bestimmte Art weit entfernter Sternexplosionen, um das Universum zu vermessen. Bei diesen Supernovae vom Typ Ia handelt es sich um alte, kleine Sterne mit der Masse unserer Sonne, die aber nur so groß sind wie die Erde.

Bei dieser Form von Supernovae saugt ein Weißer Zwergstern Materie von einem großen Begleitstern, bis er eine kritische Grenze überschreitet und unter dem eigenen Gewicht kollabiert. Das Ergebnis: Der Stern wird durch eine thermonukleare Explosion nach Art einer Wasserstoffbombe auseinandergerissen - und kann dabei heller leuchten als eine ganze Galaxie.

Das Rätsel des schwachen Lichts

Bei 50 dieser Supernovae war das Licht, das die Erde erreichte, allerdings schwächer als erwartet. Die Forscher standen vor einem Rätsel, bis sie den Grund für die Verdunkelung herausfanden: Das Universum dehnt sich mit stetig wachsender Geschwindigkeit aus. Zwar hatte Edwin Hubble schon 1929 entdeckt, dass das All seit dem Urknall vor 14 Milliarden Jahren stetig wächst. Dass es das aber mit stetig wachsender Geschwindigkeit tut, war eine Überraschung - und die Schlussfolgerung ist wenig verlockend: Da sich die Materie über immer größere Entfernungen verteilt, wir das All in ferner Zukunft sehr kalt und sehr leer sein.

Experten nehmen an, dass hinter der Ausdehnungs-Beschleunigung die sogenannte Dunkle Energie steckt, die der Schwerkraft entgegenwirkt. Sie wurde noch nie direkt nachgewiesen, obwohl sie nach der gängigen Theorie rund drei Viertel der Gesamtmasse des Alls ausmacht. Die ebenfalls noch nicht direkt beobachtete dunkle Materie soll dagegen nur etwa ein Fünftel, die normale Materie nur fünf Prozent der Masse des Alls stellen.

Die Wirkung der Dunklen Energie würde ziemlich genau jener der Kosmologischen Konstante entsprechen, die Albert Einstein auf Basis seiner Allgemeinen Relativitätstheorie ins Gespräch gebracht hatte. Später soll Einstein die Idee als "größte Eselei" seines Lebens bezeichnet haben. Nach den Beobachtungen der diesjährigen Nobelpreisträger könne man aber sagen, "dass die Kosmologische Konstante brillant war", schreibt die Nobelstiftung.

Im vergangenen Jahr war der Physik-Nobelpreis an den Niederländer Andre Geim und den russisch-britischen Forscher Konstantin Novoselov gegangen. Bereits am Montag wurde in Stockholm die Verleihung des Medizin-Nobelpreises an die Wissenschaftler Bruce Beutler, Jules Hoffmann und Ralph Steinman aus den USA, Luxemburg und Kanada für ihre Forschungen zum Immunsystem bekanntgegeben.

Der letzte deutsche Wissenschaftler, der einen Physik-Nobelpreis erhalten hatte, war Peter Grünberg. 2007 bekam er den begehrten Preis für die Entdeckung des Riesenmagneto-Effekts, der unter anderem in Computerfestplatten genutzt wird.

mbe/AFP/AP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Nobelpreis für Physik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Nobelpreis Physik 2010: Das Wundermaterial Graphen
Fotostrecke
Physiknobelpreis 2009: Die Herren des Lichts

Physik-Nobelpreisträger seit 1999
2012
David Wineland (USA) und Serge Haroche (Frankreich) für ihre Arbeit zur Wechselwirkung zwischen Licht und Materie. Ihnen war es gelungen, einzelne Quantenpartikel zu messen und zu kontrollieren, ohne sie zu zerstören, was den Weg zu revolutionären Quantencomputern ebnen könnte.
2011
Die Amerikaner Saul Perlmutter und Adam Riess sowie der US-Australier Brian Schmidt für ihre Forschungen zur Ausdehnung des Universums durch die Beobachtung ferner Sternenexplosionen, sogenannter Supernovae.
2010
Andre Geim und Konstantin Novoselov erhalten die Auszeichnung für die fundamentale Entdeckung der zweidimensionalen Kohlenstoffstruktur Graphen
2009
Charles Kuen Kao für seine Arbeit auf dem Gebiet der schnellen Datenübertragung durch Glasfasern. Willard Boyle und George Smith teilen sich die zweite Hälfte des Preises für die Erfindung des lichtempfindlichen CCD-Chips, der heute in den meisten Digitalkameras eingebaut ist.
2008
Yoichiro Nambu (USA), Makoto Kobayashi (Japan) und Toshihide Maskawa (Japan) für die Entdeckung und Erklärung sogenannter Symmetriebrechungen in der Teilchenphysik, die das Verständnis der Natur entscheidend verbessert haben.
2007
Peter Grünberg (Deutschland) und Albert Fert (Frankreich) für die Entdeckung des "Riesenmagnetowiderstands" , durch den sich die Speicherkapazität von Computer-Festplatten drastisch erhöhen ließ.
2006
John C. Mather und George F. Smoot (beide USA) für die Entdeckung der Saat der Galaxien in der kosmischen Hintergrundstrahlung, dem "Echo des Urknalls".
2005
Roy J. Glauber (USA) für Grundlagen der Quantenoptik sowie John L. Hall (USA) und Theodor W. Hänsch (Deutschland) für die Entwicklung einer laserbasierten Präzisionsmesstechnik für Lichtfrequenzen.
2004
David J. Gross , H. David Politzer und Frank Wilczek (alle USA) für Erkenntnisse zur Kraft zwischen den kleinsten Materieteilchen im Atomkern, den Quarks.
2003
Alexej Abrikosow (USA und Russland), Vitali Ginsburg (Russland) und Anthony Leggett (USA und Großbritannien) für bahnbrechende Arbeiten zu Supraleitern und Supraflüssigkeiten.
2002
Raymond Davis (USA), Masatoshi Koshiba (Japan) und Riccardo Giacconi (USA) für die Entdeckung kosmischer Röntgenstrahlen und Neutrinos.
2001
Wolfgang Ketterle (Deutschland), Eric A. Cornell (USA) und Carl E. Wieman (USA) für die Erschaffung des Bose-Einstein- Kondensats, der fünften Erscheinungsform der Materie neben fest, flüssig, gasförmig und dem Plasma.
2000
Herbert Kroemer (Deutschland), Zhores Alferow (Russland) und Jack Kilby (USA) für die Herstellung integrierter Schaltkreise und des Halbleiter-Lasers.
1999
Gerardus 't Hooft und Martinus J.G. Veltman (beide Niederlande) für ihre Beiträge zur Theorie der elektroschwachen Wechselwirkung.
Nobel-Quiz
AP
Sind Sie fit für den Nobelpreis?
Sagen wir, Sie sind schon Spitzenforscher und müssen nur noch bei der Verleihung eine gute Figur machen. Etikette, Small Talk, die ganze noble Zeremonie - dieses Quiz ist das Trainingslager.

Ehrung mit Weltrang - die Nobelpreise
Der Stifter
Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder konnte nicht verwinden, dass seine Entdeckung für den Krieg genutzt wurde. Als "Wiedergutmachung" vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die "im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben". Nobel selbst hatte mehr als 350 Patente angemeldet.
Die Auszeichnungen
Die Preise werden seit 1901 vergeben. Die Dotierung stieg von anfangs 150.800 Kronen auf zehn Millionen Kronen (eine Million Euro), wurde 2012 aber wegen der Wirtschaftskrise wieder auf acht Millionen Kronen gesenkt. Bis zu drei Menschen können sich einen wissenschaftlichen Preis teilen. Der Friedensnobelpreis wird auch an Organisationen verliehen. Höhepunkt ist stets die feierliche Verleihung der Auszeichnungen am 10. Dezember, dem Todestag von Nobel.
Die Kategorien
Die Preisträger für Physik und Chemie werden immer von der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die der Medizin vom Karolinska-Institut in Stockholm und die Literaturpreisträger von der Königlich-Schwedischen Akademie der Künste ausgewählt. Die Friedenspreisträger bestimmt ein Ausschuss des norwegischen Parlaments in Oslo.
Die Alternativen
Neben den eigentlichen Nobelpreisen wird seit 1969 eine Ehrung für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel verliehen. Sie wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet. Seit 1980 vergibt die "Stiftung zur Auszeichnung richtiger Lebensführung" (Right Livelihood Award Foundation) die Right Livelihood Awards, die oft als alternative Nobelpreise bezeichnet werden.