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Autist und Sprachgenie: "Apfel - dieses Wort ist für mich rot"

Eine Woche Übung - mehr Zeit braucht Daniel Tammet nicht, um dank einer speziellen Technik eine Fremdsprache zu beherrschen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE schwärmt der 30-Jährige Autist von der Eleganz der deutschen Sprache und verrät, wie sein Talent funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Am Montagabend werden Sie in der Talkshow "Beckmann" der ARD auftreten und über ihr Leben und ihr neues Buch sprechen*. Dafür haben Sie in der vergangenen Woche mit nur wenigen Vorkenntnissen fast perfektes Deutsch gelernt. Wie geht das?

Tammet: Ich hatte einen Sprachcoach an meiner Seite, der mir geholfen hat. Morgens haben wir zwei Stunden gelesen. Später sind wir durch die Stadt gelaufen, sind zum Beispiel ins Museum gegangen und haben uns einfach nur auf Deutsch unterhalten. Es ist sehr wichtig, beim Lernen keinen Stress zu haben. Mit Stress wird das Lernen sehr schwierig. Das Gehirn braucht Zeit, über das nachzudenken, was es gelernt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie lernen extrem schnell. Isländisch haben Sie vor einigen Jahren in nur einer einzigen Woche gelernt - ohne vorher jemals etwas mit der Sprache zu tun gehabt zu haben. Was machen Sie anders als andere Menschen?

Tammet: Die meisten Menschen halten fremde Sprachen für etwas Mysteriöses, Beängstigendes. Sie tun so, als wären Sprachen etwas Künstliches und lernen Listen von Wörtern und Konjugationen, nach dem Motto "ich bin, du bist, er ist". So kommt man nicht wirklich voran. Ich lerne eine fremde Sprache intuitiv, so ähnlich wie es Kinder tun. Ich versuche, ein Gefühl für die jeweilige Sprache zu entwickeln und Muster zu erkennen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Kleine runde Dinge fangen in Deutsch häufig mit "Kn" an, Knoblauch, Knopf, Knospe. "Str" wiederum beschreibt lange, dünne Dinge, Strand, Strumpf, Strahlen. Diese Muster gibt es in allen Sprachen. Wenn man sie erkennt, bekommt man ein Gefühl dafür, wie eine Sprache funktioniert, und kann sie leichter lernen.

SPIEGEL ONLINE: Auf die Idee, Worte nach Formen zu sortieren, wären wir als Muttersprachler allerdings nie gekommen.

Tammet: Heute vielleicht nicht. Aber ich glaube, dass Sie Deutsch, als Sie jung waren, unbewusst genau auf diese Weise gelernt haben. Jeder, der als Kind seine erste Sprache lernt, denkt auf diese Weise. Wenn man später im Leben eine Sprache lernt, ist der Zugang dann allerdings ein anderer. Das Gehirn hat sich verändert. Plötzlich hält man fremde Sprachen für merkwürdig. Aber sie sind es nicht. Jede Sprache ist logisch, weil sie von menschlichen Gehirnen erdacht wurde. Es ist also vollkommen natürlich, nach der Logik einer Sprache zu suchen und diese Logik für das Lernen zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Ganz konkret, wie fangen Sie an?

Tammet: Am Anfang lese ich vor allem Kinderbücher. Die sind einfach, haben Bilder und machen Spaß. Sie bringen mich zum Lachen. Danach lese ich Magazine, Zeitungen und Bücher für Erwachsene. Wichtig ist, dass mich die Texte interessieren. Sie dürfen nicht langweilig sein. Dann suche ich mir jemanden, der die Sprache spricht. Mit dem rede ich dann einfach den ganzen Tag.

SPIEGEL ONLINE: Das kann aber nicht das ganze Geheimnis Ihres Talents sein.

Tammet: Nein. Vor allem hilft mir, dass Regionen in meinem Gehirn auf ungewöhnliche Art miteinander verschaltet sind. Die meisten Menschen denken in isolierten Kategorien. Bei mir jedoch ist alles vernetzt. Wenn ich über Worte nachdenke, nutze ich Informationen aus allen Teilen meines Gehirns. Gefühle, Farben und Formen verbinden sich mit den Worten. Synästhesie lautet der Fachbegriff für diese Fähigkeit. Sie hilft mir, sehr schnell zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie uns ein paar farbige Wörter nennen?

Tammet: Da ist zum Beispiel das Wort "Gras". Mir gefällt daran, dass der erste Buchstabe genau zum Gegenstand passt. Wörter mit "G" sind für mich nämlich grün. Oder Apfel: Dieses Wort wirkt auf mich rot. Das ist sehr hilfreich, weil Äpfel auch häufig rot sind. Solche Zusammenhänge helfen mir, mich gut zu erinnern. In fremden Sprachen bin ich immerfort auf der Suche nach interessanten Phrasen, Mustern und Zusammenhängen. Ich starte mit einem Wort, zum Beispiel "Hand", und bin dann gleich bei "Handy" und "Handel". Oder ich suche nach Verbindungen zwischen verschiedenen Sprachen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Muster, die alle Sprachen gemein haben?

Tammet: Ja, zum Beispiel der i-Klang für kleine Dinge: "Tiny" und "little" im Englischen, "petite" im Französischen, im Deutschen "klein". Zudem sind Wörter, die gebräuchlicher sind, häufig kürzer. "Socke" zum Beispiel ist ein kurzes Wort. Wir ziehen sie täglich an. Sandalen dagegen benutzen wir seltener. Und siehe da: das Wort hat drei Silben. Ähnlich ist es bei Tieren. Der Hund hat nur eine Silbe. Er ist ja auch ausgesprochen häufig. Das Wort "Elefant" dagegen ist länger. Zumindest in dieser Weltregion ist er auch seltener als der Hund.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Buch benutzen Sie das Wort Liebe, um Ihr Verhältnis zu Sprache zu beschreiben. Was raten Sie anderen Menschen, die sich eine ähnliche Leichtigkeit im Umgang mit Worten oder auch Zahlen wünschen?

Tammet: Sie sollten sich beim Lernen wieder mehr auf ihre Intuition verlassen. Ich glaube, dass alle Menschen mit einem Gefühl für Zahlen und Sprache geboren werden. Leider verlieren die meisten Leute dieses Gefühl schon als junge Menschen wieder, zum Teil, weil unser Gehirn sich sehr früh im Leben verändert, zum Teil aber auch, weil die Schulen schlecht sind. Gerade Sprachunterricht ist häufig ausgesprochen langweilig. Kein Wunder, dass die Kinder dabei kaum etwas lernen. Sie kommen nicht voran und denken dann, dass sie dumm sind. Dabei sollten sie sich beim lernen amüsieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Freude bereitet Ihnen denn die deutsche Sprache?

Tammet: Ich mag Deutsch. Ich mag zum Beispiel, wie man Wörter zusammensetzen kann. So ein zusammengesetztes Wort muss man sich nur einmal anschauen, und schon kann man ahnen, was es bedeutet. Außerdem mag ich den Klang von Deutsch. Viele Leute sagen, dass Deutsch sehr viele harte Klänge hat. Das stimmt. Aber ich finde, dass die Sprache auch sehr poetisch ist, transparent und elegant. Es ist die Sprache von Goethe. Sie muss gut sein.

SPIEGEL ONLINE: Spiegelt sie den Charakter der Deutschen wider?

Tammet: Möglicherweise. Deutsch ist ein bisschen wie ein sehr sauberer, aufgeräumter Raum mit perfekt rechtwinkligen Ecken, nicht so unaufgeräumt wie beispielsweise Englisch. Englisch ist ein großer Schlamassel mit sehr vielen und komplexen Wörtern. Deutsch ist ganz geradeaus und hat einige sehr schöne Wörter. Nehmen Sie zum Beispiel "bisschen" oder "Löffelchen". Ich mag dieses angefügte "chen". Oder "strahlen", ein wunderbares Wort.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie eigentlich auch noch selbst über Ihre Fähigkeiten staunen?

Tammet: Ja, ich bin mir meiner Begabungen sehr bewusst. Wichtig ist mir jedoch, dass die Leute meine Fähigkeiten nicht als etwas Übernatürliches ansehen sondern als Teil des natürlichen menschlichen Spektrums. Es gibt Sportler, die können sehr schnell über 100 Meter sprinten. Niemand würde behaupten, dass sie magische Beine haben. Vielmehr sagen wir, dass sie mit günstigen biologischen Voraussetzungen geboren worden sind, dass sie hart trainieren, dass sie Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit haben und ihren Sport lieben. Alle diese Fähigkeiten zusammen ergeben ihre physische Überlegenheit. Intellektueller Genius lässt sich genauso erklären. Im Übrigen glaube ich, dass jeder besondere Fähigkeiten und Talente hat. Ich hoffe, dass meine Erfahrungen den Leuten helfen können, ihre eigenen Talente zu entdecken und zu fördern. Jeder kann seinen Verstand trainieren. Und Spaß macht es auch noch.

* Sendetermin bei "Beckmann": Montag, 2.3.2009, 22.45 Uhr, ARD

Das Interview führte Philip Bethge

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Interview auf Deutsch geführt?
qwert2364 02.03.2009
Was leider nicht klar wird: Wurde das Gespräch komplett auf Deutsch geführt, ohne weitere Korrekturen oder Verbesserungen am Satzbau? Wenn ja, ist das fast unglaublich - ich kann mir zwar vorstellen, dass jemand mit ungewöhnlicher Begabung einen grossen Wortschatz schnell erlernen kann, aber dass dabei 100% fehlerfreie Sätze, insbesondere ohne fehlerhafte oder auch nur ungewöhnliche Wortstellungen, entstehen, finde ich sehr beeindruckend. Wenn das Gespräch aber aus dem Englischen übersetzt wurde, hätte man sich den Artikel mMn auch sparen können.
2. Sprachfähigkeiten bei Autisten
nelibgräz 02.03.2009
Unser Sohn (35) ist Autist, der kaum spricht, aber mit dem wir über die sog. "gestützte Kommnuikation" (facilitated communication) seit vielen Jahren gut kommunizieren können. Er beherrscht Japanisch (meiner Frau ist Japanerin), Englisch, Französisch und anderen Sprachen, vielleicht auch Deutsch. Ein zweiwöchiger Test auf dem Abendgymnasium Heidelberg hatte vor ca. 14 Jahren bestätigt, daß er tatsächlich ganze Bücher binnen 15-20 Minuten lesen kann, z.B. Theaterstücke, Romane, historische Literatur, Sachbücher usw., und zwar in mindestens diesen Sprachen. Und dann hat er sowohl jedes Detail als auch den großen Überblick verstanden. In der 11. Klasse des Abendgymnasiums gehörte er schnell zu den Besten, und bei der Besprechung von Theaterstücken hatte z.B. das Ganze und die Rollen am genauesten erfasst. Trotzdem ist er im Leben hilflos. Beim Autismus vermute ich, daß die Übergänge zwischen Autismus und Asperger-Syndrom fließend sind. Offenbar sind die Synapsen zwischen den beiden Gehirnhälften, durch welche Informationen der Wahrnehmung mit personenbezogenen Gefühlen, Bewertungen usw. gefiltert werden, bei Autisten oft weniger eng verknüpft, so daß sie die Informationen als solche viel schneller aufnehmen und verarbeiten können. Ihr Denken ist absolut sachlich, logisch und nicht wie bei Schrizophrenen etwa irgendwie verschroeben. Das Japanische ist wie alle asiatischen Sprachen für uns Europäer viel schwieriger zu erlernen. Europäische Sprachen konnte ich oft auch in einer Woche in ihren Grundformen erlernen, natürlich nicht beherrschen. Beim Japanischen dauert das seit Jahrzehnten immer noch an, und Perfektion werde ich selbst nie erreichen. Wie mein Sohn das erreicht hat - da er doch nur die ersten 9 Monate in Japan und dann immer wieder zu Besuchen in Japan gelebt hat - wird mir immer rätselhaft bleiben.
3. Endlich
jimmybeam 02.03.2009
Hab vor einiger Zeit eine Doku über ihn gesehen in welcher er in einer Woche Isländisch gelernt hat und dann in einer Talkshow auftrat, also wie hier. Aber die Sprachfähigkeit war natürlich für mich nicht überprüfbar. Ein Kumpel aus Island meinte jedoch er hätte sehr gut gesprochen!
4. unglaubliche Fähigkeiten
Monika Chinwuba 02.03.2009
Zitat von nelibgräzUnser Sohn (35) ist Autist, der kaum spricht, aber mit dem wir über die sog. "gestützte Kommnuikation" (facilitated communication) seit vielen Jahren gut kommunizieren können. Er beherrscht Japanisch (meiner Frau ist Japanerin), Englisch, Französisch und anderen Sprachen, vielleicht auch Deutsch. Ein zweiwöchiger Test auf dem Abendgymnasium Heidelberg hatte vor ca. 14 Jahren bestätigt, daß er tatsächlich ganze Bücher binnen 15-20 Minuten lesen kann, z.B. Theaterstücke, Romane, historische Literatur, Sachbücher usw., und zwar in mindestens diesen Sprachen. Und dann hat er sowohl jedes Detail als auch den großen Überblick verstanden. In der 11. Klasse des Abendgymnasiums gehörte er schnell zu den Besten, und bei der Besprechung von Theaterstücken hatte z.B. das Ganze und die Rollen am genauesten erfasst. Trotzdem ist er im Leben hilflos. Beim Autismus vermute ich, daß die Übergänge zwischen Autismus und Asperger-Syndrom fließend sind. Offenbar sind die Synapsen zwischen den beiden Gehirnhälften, durch welche Informationen der Wahrnehmung mit personenbezogenen Gefühlen, Bewertungen usw. gefiltert werden, bei Autisten oft weniger eng verknüpft, so daß sie die Informationen als solche viel schneller aufnehmen und verarbeiten können. Ihr Denken ist absolut sachlich, logisch und nicht wie bei Schrizophrenen etwa irgendwie verschroeben. Das Japanische ist wie alle asiatischen Sprachen für uns Europäer viel schwieriger zu erlernen. Europäische Sprachen konnte ich oft auch in einer Woche in ihren Grundformen erlernen, natürlich nicht beherrschen. Beim Japanischen dauert das seit Jahrzehnten immer noch an, und Perfektion werde ich selbst nie erreichen. Wie mein Sohn das erreicht hat - da er doch nur die ersten 9 Monate in Japan und dann immer wieder zu Besuchen in Japan gelebt hat - wird mir immer rätselhaft bleiben.
Wissenschaftler berichten immer wieder von diesem genauen und tiefen Erfassen - Sprache, Musik, Mathematik, Zeichnen -. Temple Gradin, Professorin für Tierpsychologie, behauptet von sich: „Ich kann mich in das Denken von Tieren versetzen." (http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=8908&key=standard_document_5510904). Nach Meinung des Dubliner Hirnforschers Prof. Michael Fitzgerald zählen auch Isaak Newton und Albert Einstein zu den Savants; anders hätten sie nicht zu ihrem Wissen kommen können. (http://web.ard.de/galerie/content/classic/default/757/html/1020_7339.html) Sicherlich ist das Gehirn anders als bei uns normalen Menschen. Ich komme nicht umhin, dies auch bei unseren Vorfahren anzunehmen, z. B. den Zeichnern der 20.000 Jahre alten, herrlichen Tierbilder in den Höhlen zu Lascaux (http://www.culture.gouv.fr/culture/arcnat/lascaux/de/[/url). Im Darwinjahr wäre es sicherlich nicht verkehrt, wenn Psychologen mit der Unterstützung von Neurologen die Gehirnentwicklung der Menschheit anhand seiner Kunstwerke nachzeichnen würden. In Bezug auf das Bewußtsein hat dies Julian Jaynes bereits versucht. Stefanie Appel fragte: Und was können wir von der Autistin lernen? Genauer hinzusehen. Und vielleicht ein bisschen mehr Ehrfurcht vor dem Leben. Temple Grandin: „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Talente von Autisten fördern müssen, so dass sie selbst zufrieden und für die Gesellschaft von Nutzen sind. Meinem Leben gibt das Sinn. Wenn ich etwas tun kann, was unsere Welt schöner macht.“ (http://www.hr-online.de/website/rubriken/kultur/index.jsp?rubrik=8908&key=standard_document_5510904)
5. ..
cocoline 02.03.2009
Der Focus (SPON möge es mir nachsehen) hat kürzlich einen Bericht mit zahlreichen Links, welche u.a. Videos enthalten, über Autisten / Savants veröffentlicht, welcher mich sehr beeindruckt hat: Inselbegabung - Genial und doch geistig behindert (http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/gehirn/tid-12850/inselbegabung-genial-und-doch-geistig-behindert_aid_355173.html) U.a. wird Kim Peek vorgestellt, welcher als Anregung für den Film "Rain Man" diente. Es ist schier unglaublich, welches Wissen, vor allem in welcher Kürze der Zeit, diese Menschen ansammeln können und auf der anderen Seite sind sie so hilflos im alltäglichen Leben. Ein Video über Daniel Tammet ist ebenfalls enthalten, welcher im Vergleich zu anderen Savants noch eigenständig sein Leben führen kann.
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