"Baby an Bord"-Sticker Was Autoaufkleber in unseren Köpfen anrichten

"Ich bremse auch für Tiere", "Klein Lisa on Board" oder die Insel Sylt: Auf deutschen Autos klebt eine Menge. Ein Forscher hat sich gefragt, was das mit den Betrachtern macht.

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Man steht auf der Autobahn im Stau und lässt die Augen und Gedanken schweifen. Und dann fällt der Blick auf das Fahrzeug vor einem. Und den Aufkleber. Gerne stehen dort Statements aller Art: Tierschützer bremsen auch für Tiere, HSV-Fans brauchen eine Raute auf dem Kofferraum, Sylturlauber kleben sich die Insel an den Wagen. Abiturienten pflastern gleich die gesamte Heckscheibe mit ihrem Abschlussjahrgang zu.

Und immer wieder "Baby an Bord" - die persönlichere Variante arbeitet mit dem Vornamen des Nachwuchses. Warum müssen Eltern ihren Status als Erziehungsberechtigte eigentlich so dringend den anderen Verkehrsteilnehmern mitteilen?

Was machen diese Botschaften mit denen, die sie lesen müssen - den anderen Verkehrsteilnehmern? Das wollte der US-Forscher Walter Goettlich von der University of Kansas wissen. Der Soziologe fuhr für seine Feldstudie rund 17.000 Kilometer über US-Autobahnen und führte zahlreiche Interviews mit Autoaufkleber-Lesern. Das Ergebnis: Egal, wie rätselhaft die Sprüche auch scheinen - sie erzeugen meist das dringende Bedürfnis, den Autobesitzer einzuordnen.

Harley-Davidson-Aufkleber steht für Patriotismus

Verbreitete Strategien bei den Empfängern der Sticker-Botschaften am Fahrzeugheck: Klischeehafte Zuordnung (Labeling), emotionale Reaktionen oder der sogenannte Puzzlemodus. Für den Labeling-Modus griffen die Leser auf eigene Werturteile zurück. So werde ein Harley-Davidson-Aufkleber etwa schnell zum Label für US-Patriotismus. Andere Sticker, etwa mit politischen Aussagen, verursachten vor allem Gefühlsreaktionen - zufriedene Zustimmung oder empörte Ablehnung.

Sei die Botschaft nicht so leicht zu verstehen, setze der Puzzlemodus ein, beschreibt Goettlich. Manche versuchten sogar im Nachhinein via Internet, unbekannte Botschaften zu entschlüsseln. Dies passiert umso häufiger, je mehr Menschen individuelle Aufkleber kreieren - auch um auf andere Sticker zu antworten.

So finden sich neben den in den USA verbreiteten Aufklebern "Proud parents of an Honor Student" (in etwa: Stolze Eltern eines Einserschülers) auch Antwortsticker wie "My dog is smarter than your Honor Student" (Mein Hund ist schlauer als dein Einserschüler).

Untersuchungen für Deutschland wie die von Goettlich gibt es bisher nicht. Aber eine, allerdings nur hundert Teilnehmer umfassende, Studie des Autoherstellers Ford ergab jüngst, dass in Deutschland zwei Drittel der Befragten Autoaufkleber zumeist durchaus interessant oder sogar lustig finden - wenn es sich um halbwegs originelle Sprüche handelt. ("Klar bist du schneller, aber ich fahre vor dir.")

Und "Baby an Bord" mit seinen zahllosen Varianten? Das nervt die meisten, ergab die Untersuchung. Genauso wie Statements à la "Atomkraft? Nein Danke!"

Anmerkung der Redaktion: Leser haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass der Aufkleber "Baby an Bord" einen hilfreichen Hintergrund haben kann, den wir hier gerne ergänzen. Denn bei einem Unfall kann der Sticker den Rettungskräften den wichtigen Hinweis geben, dass sich noch Säuglinge im Auto befinden. Diese sind bei einigen Autounfällen nur schwer im Wagen zu finden.

joe/dpa



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