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Bahnhofsprojekt Hamburg-Altona: Im Erdreich lauert das Gift

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Hamburger Bahnhof Altona: Schwierige Sanierung Fotos
FHH, Behörde für Stadtentwicklung

Der Bahnhof in Hamburg-Altona soll verlegt werden - doch verseuchte Böden machen das Großprojekt zu einer enormen Herausforderung. Die Stadt droht auf hohen Kosten sitzen zu bleiben.

Nach jahrelangen Vorarbeiten liegt nun der Plan auf dem Tisch: Bis zum Jahr 2023 will die Bahn ihren Fern- und Regionalbahnhof in Hamburg-Altona um rund anderthalb Kilometer verlegen. Auf dem frei werdenden Platz sollen in zwei Bauabschnitten rund 3600 neue Wohnungen entstehen. Doch das Millionenprojekt "Neue Mitte" wird kompliziert - denn der Boden in Teilen des bisherigen Bahn-Areals ist verseucht.

Daran sind zum Beispiel Rückstände von Chemikalien schuld, die über Jahrzehnte bei der Reinigung von Lokomotiven im Grund versickerten. Es ist ein Problem, das die Bahn so oder ähnlich an vielen Stellen Deutschlands hat. Die Sanierung von weit über 1500 Problemgrundstücken wird den Konzern bundesweit über das Jahr 2030 hinaus beschäftigen.

Was genau in Altona im Boden schlummert, ist nicht ohne Weiteres herauszubekommen. Immer wieder ist in Hamburg von einem Gutachten zur Altlastenfrage die Rede. Das sei "noch nicht" öffentlich, heißt es etwa aus dem Senat. Doch tatsächlich gibt es solch ein Altlastengutachten gar nicht.

Experten der Firma BDO Technik- und Umweltconsulting GmbH hatten 2009 lediglich im Rahmen von "vorbereitenden Untersuchungen" die Kosten "für Altlastensanierung und Flächenaufbereitung" auf dem Bahn-Gelände ermittelt. Betrachtet wurden dabei unter anderem "Öl-Hotspots" an den Triebwagenhallen. Das Unternehmen mag sich zu dem Papier nicht äußern und verweist auf die Stadt als Auftraggeber.

Und auch die will nicht sagen, wie teuer die Sanierung laut BDO werden würde. Doch sicherheitshalber gibt es eine Einschränkung vorab: Die ungenannt bleibenden Beträge seien ohnehin nur "orientierende Eckwerte, keine abschließenden Summen", so die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt.

Überblick
Kaum jemand ist bereit, über das Thema zu reden. Auch die Bahn verweist auf die Stadt und hüllt sich ansonsten weitgehend in Schweigen. Klar ist: Auf dem Altonaer Gelände sind gleich mehrere Arten von giftigen Substanzen zu finden. Das geht aus einer Antwort des Hamburger Senats auf eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Wieland Schinnenburg vom vergangenen September hervor. Konkret geht es um:

  • Mineralölkohlenwasserstoffe (MKW), also Kraftstoff- und Lösungsmittelrückstände,
  • polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAKs), wie sie in Kohle und Erdöl vorkommen,
  • aromatische Kohlenwasserstoffe (BTEX-Aromaten), wie etwa Benzol,
  • Schwermetalle.

Einige dieser Stoffe, wie etwa PAKs und Benzol, sind krebserregend. Gemessene Schadstoffwerte, so der Senat, überschritten "Prüfwerte" aus der Bundesbodenschutz- und Altlastenverordnung sowie "Maßnahmen- beziehungsweise Prüfwerte" der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (Lawa). Mit anderen Worten: In Altona muss etwas passieren, sonst drohen Belastungen für das Hamburger Wasser.

Die Bahn weiß spätestens seit einem Sachverständigenbericht aus dem Jahr 1992 von Problemen - und die Antwort des Senats vom vergangenen Jahr macht klar: Chemikalien verdrecken das oberflächennahe Grund- und Stauwasser, zum Teil ist auch tieferliegendes Grundwasser belastet.

"Kostenschätzungen liegen der zuständigen Behörde nicht vor"

Im ersten Entwicklungsabschnitt gab es westlich der sogenannten Kleiderkasse des alten Bahnhofs - dort lagerten einst die Uniformen der Mitarbeiter - eine Belastung des Bodens mit Mineralölkohlenwasserstoffen. Sie stammten aus Treibstoffen, Heiz- und Schmieröl. Dieses Areal wurde nach Angaben der Hamburger Behörden Mitte 2013 durch die Bahn saniert. Seitdem wird das Grundwasser an mehreren Messstellen überwacht.

Im zweiten Entwicklungsabschnitt gibt es im Bereich der mittlerweile abgerissenen Triebwagenhallen und der ehemaligen Drehscheibe ebenfalls Probleme mit MKW. Nach Angaben der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt gibt es hier Untersuchungen, "um Art und Umfang ggf. zur Gefahrenabwehr erforderlicher Sanierungsmaßnahmen zu bewerten".

Was kostet das Ganze nun? "Ergebnisse aus den im Auftrag der DB AG erstellten Kostenschätzungen für Altlasten liegen der zuständigen Behörde nicht vor", heißt es in der Antwort des Senats. Was genau rund um den alten Bahnhof Altona zu sanieren ist, wird sich ohnehin erst nach der Verlegung der Anlagen zeigen. Das gestehen auch die Hamburger Behörden ein. Erst "nach Aufgabe der Eisenbahnnutzung" könne "qualifiziert, soweit überhaupt notwendig" ein Entsorgungskonzept erarbeitet werden. Bislang gebe es nur ein Eckpunktepapier.

Grundsätzlich, so viel lässt sich bereits jetzt sagen, verfolgen Fachleute für solche Reinigungsarbeiten zwei verschiedene Ansätze: Entweder wird der Boden großflächig abgebaggert ("ausgekoffert") und anschließend entgiftet, oder die Säuberung findet gleich vor Ort statt, ohne dass die Erde bewegt wird.

"Insgesamt kein billiges Unterfangen"

Die Variante mit dem Bagger ist gründlich, aber teuer - und auf Baugruben mittlerer Tiefe bis etwa sechs Meter beschränkt. Diese werden an den Seiten mit Spundwänden abgestützt, dann wird das Material ausgehoben und abtransportiert. "Das ist insgesamt kein billiges Unterfangen", sagt Frank-Dieter Kopinke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Denn einfach auf eine Deponie kippen, das ist für die verseuchte Erde mittlerweile nicht mehr drin.

Stattdessen wird sie behandelt - normalerweise biologisch, mithilfe von Bakterienkulturen. Dafür greifen die Experten gern auf Mikroben zurück, die bereits vor Ort leben. Für Verunreinigungen mit BTEX-Aromaten klappt das Verfahren gut, für PAKs weniger gut - und für Schwermetalle überhaupt nicht. Diese können mithilfe spezieller Chemikalien ("Komplexbildner") aus dem Boden ausgewaschen werden.

Alternativ zum Abbaggern kann der Boden auch vor Ort ("in situ") gesäubert werden - auch wenn die Erfolgsaussichten laut Kopinke in diesem Fall "nicht immer gewiss" sind. Ein bisher ungelöstes Problem: Tief im Grund können die verschiedenen chemischen Substanzen kaum gemischt werden. Wer Chemikalien zur Reinigung in den Boden pumpt, hat Schwierigkeiten, sie gezielt zu ihrem Einsatzort zu bringen.

Fachmann Kopinke weist auf eine mögliche weitere Gefahr hin, die womöglich im Grund von Altona lauern könnte: "Grundstücke, auf denen Reinigungsarbeiten von Metall durchgeführt wurden, sind oft auch mit chlorierten Lösungsmitteln belastet. In diesem Fall potenzieren sich die Probleme." Diese Substanzen haben ein noch höheres Gefährdungspotenzial für den Menschen. Sie gasen bei der Sanierung des Bodens leichter aus und machen eine biologische Reinigung ungleich schwieriger.

Ob es solche chlorhaltigen Reinigungsmittel wie PER oder TCE tatsächlich auf dem Bahnhofsareal gibt, werden Untersuchungen zeigen müssen. Öffentlich zugängliche Informationen gibt es dazu bisher nicht. Und von den Beteiligten mag niemand darüber reden - womöglich aus gutem Grund: Die Bahn zahlt einen Festpreis für die Bodensanierung in Altona. Im Kaufpreis für das Grundstück sind dafür 7,1 Millionen Euro vorgesehen. Was passiert aber, wenn die ganze Sache teurer wird? Aus dem Senat heißt es dazu: "Wenn es mehr kosten sollte, trägt die Stadt die Kosten."

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1. Die Kosten trägt die Allgemeinheit.
hypnos 11.07.2014
Zitat von sysopFHH, Behörde für StadtentwicklungDer Bahnhof in Hamburg-Altona soll verlegt werden - doch verseuchte Böden machen das Großprojekt zu einer enormen Herausforderung. Die Stadt droht auf hohen Kosten sitzen zu bleiben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/bahnhof-hamburg-altona-gift-im-boden-a-979170.html
Das ist doch wirklich nichts Neues. Die Kosten trägt die Allgemeinheit. Satte Gewinne fahren einige Wenige ein. Und es entsteht schönes Wohnungseigentum.
2. Wieder einmal..
hikage 11.07.2014
..sind die Hamburger ausgesprochen großzügig, wenn es darum geht fremdverschuldete Kosten zu übernehmen. Ob das ganze als Standortvorteil für Risikokunden dienen soll?
3. Hier soll der Steuerzahler schon mal
mielforte 11.07.2014
mental auf das nächste Milliardengrab vorbereitet werden. Ob nun BER oder Altona oder Stuttgart21. Kontaminiert ist da nicht nur der Boden...
4.
epic_fail 11.07.2014
Zitat von sysopFHH, Behörde für StadtentwicklungDer Bahnhof in Hamburg-Altona soll verlegt werden - doch verseuchte Böden machen das Großprojekt zu einer enormen Herausforderung. Die Stadt droht auf hohen Kosten sitzen zu bleiben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/bahnhof-hamburg-altona-gift-im-boden-a-979170.html
Jeder Hamburger hier rechnet bereits jetzt mit dem doppelten oder dreifachen Betrag des Nennwertes, den die Stadt ausgeben wird. Im ewigen Duell um Korruption, Vetternwirtschaft und desaströsem Planungs- und Bauverhalten haben wir in Hamburg, gegenüber z.B. berlin noch mächtig Nachholbedarf. Da kommt das Bahnprojekt gerade recht. Es wird Zeit, sich die Taschen wieder ordentlich voll zu machen, meine Damen und Herren. Auf geht´s!
5. Kostenexplosion schon vor Beginn
ju11 11.07.2014
Das fängt auch immer früher an.
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