Mario Balotelli Rätselhafte Siegerpose

Mario Balotelli verwirrte beim Halbfinale gegen Deutschland mit einer ungewöhnlichen Pose. Was trieb den italienischen Torjäger? Jubelgesten sehen anders aus - und sind angeboren, sagen Verhaltenforscher.

AFP

Es war sein Moment. Egal was vorher passiert ist, egal was nachher kommt: Diesen Augenblick nimmt ihm niemand mehr. Ob Mario Balotelli daran gedacht hat? Etliche Sekunden steht er unbewegt, der italienische Angreifer, der Deutschland aus dem EM-Turnier geschossen hat, erstarrt in seltsam steifer Pose. Das Trikot hatte er sich vom Körper gerissen, die Fernsehkameras zeigen ihn in Großaufnahme. Ein Wahnsinnskörper, die blauen Tapes auf dem Rücken.

Die Zuschauer rätseln. Wieso jubelt der nicht, umarmt Mitspieler oder sinkt auf die Knie wie Jakub Blaszczykowski? Die Interpretationen des Augenblicks überschlagen sich: Typisch Macho? Ein "Triumph der Erstarrung", wie später die Medien titeln? Es sei schlicht die Markierung des Reviers, der Sportler habe nichts besseres zu tun gehabt, als eine klassische Bodybuilder-Pose einzunehmen: Front Relaxed - die Haltung ein Zeichen eines großen Egos.

Für Verhaltensforscher sind Reaktionen wie Balotellis Triumph interessant, lassen sich aus biologisch-evolutionärer Sicht Erkenntnisse über die Facetten menschlicher Basisemotionen gewinnen. Und Balotellis Reaktion war nicht normal. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

Stolz hat unverwechselbare Körpersprache

Schon Charles Darwin beschrieb, dass stolze Menschen "sich groß wie nur möglich geben wollen und mit Stolz aufgeplustert zu sein scheinen". Heute gehen Psychologen davon aus, dass Menschen über einige angeborene Basisemotionen verfügen. Trauer, Freude, Angst oder Ekel. Und jede dieser Emotion ist mit dafür typischen Körperhaltungen verbunden - das ermöglicht erst die soziale Verständigung der Menschen untereinander.

Auch der Stolz, der bislang nicht als angeboren galt, hat seine unverwechselbare Körpersprache, erklären die Psychologen Jessica Tracy und David Matsumoto von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver. Die Wissenschaftler analysierten dafür Fotos von Athleten, die an den Olympischen und Paralympischen Spielen im Jahr 2004 teilgenommen hatten. Dabei verglichen sie Gestik und Körpersprache von Judokämpfern aus über 30 verschiedenen Ländern, die entweder von Geburt an blind waren, im Lauf ihres Lebens erblindet waren oder normal sehen konnten.

Blinde Sportler zeigen die gleichen Gesten

Tracy und Matsumoto stellten fest: Arme in den Himmel gereckt, eine stolzgeschwellte Brust, - blinde Sportler zeigten ihren Stolz mit den gleichen Gesten wie nichtblinde Athleten. Und das, obwohl Menschen, die von Geburt an blind sind, noch nie eine Siegerpose gesehen hatten. Auch die Enttäuschung nach einer Niederlage zeigten sie ähnlich wie ihre sehenden Sportlerkollegen, berichten kanadische Forscher im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences".

"Von Geburt an blinde Menschen haben niemals beobachtet, wie andere sich verhalten, wenn sie stolz sind oder sich schämen", sagt Tracy. "Daher gehen wir davon aus, dass diese Gesten angeboren sind."

Aber zurück zu Balotelli. Unterdrückt er im Moment seines bis dahin größten Erfolgs also einfach die natürliche Emotion? Weil er eben Balotelli ist, ein Spieler mit einer etwas anderen Geschichte? Der Sieger scheint kurzfristig ganz in sich gekehrt, entfernt vom Hier und Jetzt. Weit weg von Situationen, in denen er zwar Zweikämpfe gewann - gegen Sergio Ramos im Spanien-Spiel etwa, und dennoch den Rückwärtsgang einlegte. Vergessen die Peinlichkeit, als sein Unvermögen, ein Leibchen anzuziehen via YouTube-Video öffentlich wurde. Vergessen die vielen kleinen und größeren Skandale.

Laut den Psychologen Tracy und Matsumoto ist die archaische Starre Balotellis eine erklärbare Reaktion: Stolz sei eine selbstbewusste Emotion - sie habe eine biologische Funktion, sei aber auch sozial dominiert.

Stolz treibt den Menschen

Sehende Athleten, auch das ergaben ihre Studien, zeigten ihre Gefühle bei einer Niederlage je nach Herkunftsland unterschiedlich stark. So neigten Teilnehmer aus westlichen, eher individualistischen Kulturen wie den USA und Europa dazu, ihre Scham über die Niederlage weniger stark zu zeigen als beispielsweise Teilnehmer aus asiatischen Ländern.

Dagegen zeigten von Geburt an blinde Athleten unabhängig von ihrer Herkunft vergleichbare Reaktionen bei einer Niederlage. Daraus schließen die Forscher, dass sehende Sportler im Ausdruck ihrer Scham durchaus kulturell geprägt sind.

Was aber hat Balotelli im entscheidenden Moment erstarren lassen? "Stolz ist ein emotionaler Pfeiler im Leben eines Menschen, der ihn antreibt", sagt Tracy. Es gehe etwa um den Wunsch, im Leben etwas zu erreichen, Status und Macht zu erlangen und Selbstwert zu erleben.

Hinter der Pose von Balotelli stecke vermutlich sowohl eine Form der Selbstoffenbarung ("so bin ich") als auch des Appells ("hierzu will ich euch bringen"), meint Jens Kleinert, Leiter des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln. Im ersten Sinne könnte die Botschaft sein: "Ich bin stark und schwer besiegbar." Die Botschaft könne aber auch sein: "Wir sind stark und schwer besiegbar."

Irgendetwas von alldem wird es wohl gewesen sein, das den Fußballer ergriff, mitten auf dem grünen Rasen des Warschauer Stadions. Gegenüber Medien erklärte Balotelli später: "Das war der schönste Abend meines Lebens."



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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
ObackoBarama 01.07.2012
1.
Eigentlich spielt Baloteli nur für sich und will es allen zeigen. Das bedeutet die Siegerpose.. Man soll nicht vergessen, er ist ja aus Italien durch rasistische Beleidigungen quasi gemobbt worden, deswegen ging nach England. Und jetzt will er es allen zeigen.
Fernando Langhans 01.07.2012
2.
Zitat von sysopDPAMario Balotelli verwirrte beim Halbfinale gegen Deutschland mit einer ungewöhnlichen Pose. Was trieb den italienischen Torjäger? Jubelgesten sehen anders aus - und sind angeboren, sagen Verhaltenforscher. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,841811,00.html
Das ist eher eine Most Muscular als eine Front Relaxed.
docmetzler 01.07.2012
3. Rätselhaft?
Was soll an Balotelli's Pose rätselhaft sein!? Verhaltensforschung??? I'm Gladiator!!! Das war auch für mich der beste Abend und die unglaublichste Siegerpose, die es wahrscheinlich je im Sport gegeben hat. Ganz große Oper, Signor Balotelli - danke für diesen Moment!
theodor1957 01.07.2012
4. Body Building
Was gibt es da zu rätseln? Das ist ein Posing aus dem Bodybuilding und bedeutet hier: "Ha, ich habe es euch allen gezeigt. Ich bin der Größte"
hsom25 01.07.2012
5. Die Gazetto dello Sport...
... bildete Mario Balotelli in einer rassistischen Karikatur die Tage als King Kong ab. Mehr Erklärung zu dieser Pose gibt es nicht. Die Pose spricht für sich, nicht mehr und nicht weniger! Diese ganzen Erklärungen... ???! Als Deutschland-Fan habe ich großen Respekt vor Mario Balotelli!!!
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