Bau des Empire State Buildings Wettlauf zu den Wolken

Gier nach Prestige und eine neue Stahlbautechnik ließen in New York ab 1888 ein Hochhaus nach dem anderen entstehen. Doch mit der Weltwirtschaftskrise war der Boom vorbei. Den Bau des Empire State Buildings verdankt die Metropole nur der Hartnäckigkeit eines Ex-Gouverneurs.

Von Ralf Berhorst


Manhattan, 1933. Wie ein Leuchtturm ragt das Empire State Building nachts über das Häusermeer. Alle Fenster in den oberen Etagen strahlen hell. So als käme das Leben im höchsten Bauwerk der Welt niemals zur Ruhe. 381 Meter misst der Wolkenkratzer, in den Büros ist Platz für Zehntausende.

Doch die Beleuchtung ist eine Inszenierung. Kaum jemand arbeitet in dem Turm - nur die Nachtwächter machen alle zwei Stunden ihre Runde durch die Flure. Auch tagsüber steht das Gebäude oberhalb der 41. Etage fast völlig leer. Die Fahrstühle zum 44. bis 80. Stockwerk verkehren nicht; der Betrieb wäre zu kostspielig.

Das Management lässt die oberen Etagen bei Nacht erleuchten, um Aktivität vorzutäuschen - und damit die illuminierte Turmspitze darüber nicht allzu verloren in der Luft schwebt.

Geplant war sie als stählerner Ankermast für Luftschiffe auf der Transatlantikroute. Eine Winde sollte die Zeppeline in Position halten, während Passagiere über eine Laufplanke hinabsteigen - eine Vision wie aus einem Roman von Jules Verne. In Express-Fahrstühlen sollten die Reisenden nach unten schweben und sieben Minuten nach ihrer Ankunft auf die Fifth Avenue hinaustreten.

Doch nur ein einziges Mal machte ein kleines Luftschiff am Ankermast fest, für drei Minuten. Das Manöver war viel zu riskant. Niemand stieg aus. Der Mast war eine Idee der Investoren - wie so vieles erdacht, um das Empire State Building in den Schlagzeilen zu halten.

Alfred E. Smith hatte den Plan vor Journalisten präsentiert. Der ehemalige New Yorker Gouverneur ist Präsident jener Gesellschaft, die das Bauwerk errichtet hat. Tag für Tag sitzt er in seinem Zimmer im 32. Stock, eingehüllt in Zigarrenrauch.

Und mit jedem Tag wächst seine Ratlosigkeit, wenn er die Bilanzen betrachtet - demütigend genug war der Bittgang zur Finanzbehörde, mit deren Beamten Smith einen kleinen Nachlass auf die Grundsteuer ausgehandelt hat.

Verzweifelt versucht er, einen Mythos um das Empire State Building zu erschaffen, das "gewaltigste Bauvorhaben in der Geschichte der Vereinigten Staaten", wie er schwärmt. Sein Ziel: Durch geschickte PR-Arbeit aus einem profanen Büroturm eine Sehenswürdigkeit zu machen. Ein weltweit berühmtes Monument, das schließlich doch noch zahlende Interessenten anlockt.

Doch zwei Jahre nach der Eröffnung im Mai 1931 fehlen noch immer Mieter, schreibt das Gebäude Millionenverluste. Inzwischen hat die Börsenkrise auch die Immobilienbranche getroffen. Dem Turm droht der Bankrott. "Empty State Building", spotten die New Yorker. So wirkt der höchste Bau der Welt wie das traurige Monument einer anderen Zeit. Geplant in einer Ära der Leichtgläubigkeit, des Optimismus - und der Gier.

Denn die Bauherren des Empire State Building - ein Syndikat reicher Männer um den Börsenmillionär John J. Raskob - haben ihren Turm nicht errichten lassen, damit er schön sein soll, sondern profitabel. Kein anderer Gebäudetyp bringt höhere Renditen auf den Grundstückspreis.

Und keiner ist so innovativ: Zuvor ruhte die Last eines Hauses auf seinen Wänden. Mit jedem zusätzlichen Stockwerk musste das Ziegelwerk unten verstärkt werden. Je dicker aber die Mauern waren, desto weniger vermietbare Fläche gab es. Es lohnte sich also nicht, Bürohäuser bis in große Höhen zu bauen.

1885 aber verklammerte der Architekt William Le Baron Jenney bei einem Bau in Chicago erstmals Säulen und Träger aus Gusseisen und Stahl zu einem Skelett, das das gesamte Gewicht des Baus trug. Sein zehnstöckiges Gebäude für die Home Insurance Company wurde zum ersten Wolkenkratzer der Geschichte.

Außenwände dienten fortan nur noch dazu, Hitze, Kälte, Wind und Feuchtigkeit abzuhalten: eine dünne Hülle, die sich an den Querbalken eines Stahlskeletts aufhängen oder abstützen ließ. So wurde mehr Mietfläche frei. Und die Aufteilung der Innenräume ließ sich beliebig gestalten.

Dank des modernen Massenstahls, der viel belastbarer war als Gusseisen, konnten die Baumeister bald nach 1885 in noch größere Höhen vorstoßen – und dank des 1853 erfundenen absturzsicheren Aufzugs: Kein Mieter hätte sonst die oberen Etagen eines Bürogebäudes erklommen.

So beginnt auch in New York noch vor 1900 das Baufieber. Das erste Hochhaus der Stadt, das 1888 errichtete Tower Building, misst 13 Stockwerke und erreicht fast 49 Meter. Mehrmals bricht Manhattan in der Folge den Höhenweltrekord für Bürogebäude. 1899 mit dem Park Row Building: 29 Etagen, 119 Meter, Platz für 14.000 Angestellte.

1908 mit dem Singer-Gebäude am Broadway: 41 Etagen und gut 186 Meter. 1909 mit dem Turm der "Metropolitan Life"-Versicherung: 52 Etagen, 213 Meter.

1913 baut der Woolworth-Konzern einen 55 Stockwerke und fast 240 Meter messenden Hauptsitz. Eigentlich hätten ein paar Etagen genügt. Doch neben den Mieteinnahmen kalkuliert Woolworth einen symbolischen Mehrwert ein: Über die Eröffnung des Turms wird vermutlich jede Zeitung weltweit berichten; das Gebäude wird Erwähnung finden in Enzyklopädien und Reiseführern - und mit ihm jedes Mal der Firmenname.

Bis 1929 behauptet das Woolworth Building die Bestmarke. Da stehen bereits 2479 Gebäude mit zehn Etagen und mehr in New York - so viele wie in keiner anderen Stadt der Welt.

Im Boom der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts lassen Unternehmer manchmal sogar Hochhäuser abreißen, deren Stahlträger kein bisschen Rost angesetzt haben, nur um höhere, noch rentablere Türme an ihre Stelle zu setzen. Nicht mehr die Freiheitsstatue ist das Wahrzeichen der Stadt, sondern ihre Skyline. Von ferne sichtbar für jeden Reisenden.



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