Evolution Der Weg zum Homo Käsehaut

Die Sonne ist zurück - und mit ihr das Problem der farblosen Winterblässe. Doch die Tendenz zur hellen Haut haben wir nicht zufällig. Unsere neue Kolumne "Baustelle Mensch" erklärt, warum den Vorfahren der Europäer die Pigmente flöten gingen.

Vornehme Blässe: Mit den Maßstäben für Schönheit änderte sich auch die Hautfarbe
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Vornehme Blässe: Mit den Maßstäben für Schönheit änderte sich auch die Hautfarbe

Von Axel Wagner


So. Jetzt ist es so weit. Die Frühlingssonne entfaltet ihre Kraft - endlich. Mensch, lass die Hüllen fallen! Befreie dich vom Winter und zeig dein sündiges Fleisch. Flip-Flop, Hot Pants, Top und Muskelshirt. Macht Spaß und ist auch reproduktionsbiologisch äußerst sinnvoll. Motto: Sehen und gesehen werden. Wenn es da nur nicht das alljährliche Farbproblem gäbe. Mit dem Wörtchen "käseweiß" ist alles gesagt.

BAUSTELLE MENSCH

Eine halbe Milliarde Jahre Entwicklungszeit und trotzdem unvollkommen. Zwar haben wir eine ganze Menge Biopatente von unseren tierischen Urverwandten geerbt, aber für den Alltag sind viele hinderlich. Axel Wagner beschreibt in seiner Kolumne den Weg des Homo sapiens zwischen Adrenalinstau und Zwerchfellkrampf bis zu der Selbsterkenntnis: Wir sind tierisch menschlich!

Du erntest ungläubige Blicke, Spott und Hohn für einen Hautton, der sich bestenfalls für die Zahnpasta-Werbung eignet. Aber die Haut ist kein Zahn. "Warst du denn die letzten Wochen gar nicht mal an der frischen Luft?", "Du siehst aber ungesund aus!", "Mit dieser Haut würde ich aufpassen."

Biologisch ist die Sache schnell erklärt: Kommen wir für längere Zeit nicht in den Genuss von UV-Licht, sinkt der Anteil des Farbstoffs Melanin in der Haut. Sie wird mit der Zeit heller, noch heller, als es dir bislang ohnehin schon lieb sein musste. Aber warum hat die Evolution uns das nur angetan? Woher kommt sie, die Haut zum schämen?

Entwicklung zum Weißbauch

Schuld sind HERC2, SLC45A2, und TYR - so zumindest lautet die aktuelle Antwort aus der Forschung auf die Frage nach der alljährlichen Ungleichbehandlung in Sachen Ästhetik. Hinter den drei kryptischen Wissenschaftsvokabeln verbergen sich Erbfaktoren. Sie steuern neben vielen weiteren Genen die Einlagerung von Farbstoff in unserem Körper - in der Haut ebenso wie in den Haaren und Augen. Ein Team von Anthropologen und Archäologen hat diese drei Faktoren nun genauer unter die Lupe genommen und berichtet in derFachzeitschrift PNAS von den möglichen Ursachen für das Auftreten des Käsehaut-Typus. Die kurze Antwort lautet: Hellhäutig und blond wurden plötzlich sexy!

Spulen wir die Zeit rund 5000 Jahre zurück. Hier treffen wir auf Menschen mit einer noch verhältnismäßig dunklen Pigmentierung. Dies haben die Forscher mittels gentechnischer Verfahren an Skeletten aus prähistorischen Gräbern der Jamnaja-Kultur in der Steppenzone zwischen dem Fluss Ural und den östlichen Karpaten herausfinden können. Doch die Tage dieser dunklen Vor-Europäer waren offensichtlich gezählt.

Im Laufe der Zeit setzte sich nach den Ergebnissen der Studie ein hellerer Farbton durch. Die Wissenschaftler rätseln nun darüber, warum die Entwicklung zum Weißbäuchigen erst so spät einsetzte. Denn die Besiedelung Europas von Afrika aus war bereits rund 50.000 Jahre im Gange. Was änderte sich also vor 5000 Jahren? Oder mit den Diskriminierten der Gegenwart gesprochen, die sich aufgrund ihrer schockierenden Farblosigkeit nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit entblößen können: Was ist der Grund dafür, dass sie sich vor dem Kleiderschrank für Chinos statt Shorts entscheiden müssen?

Früher war alles besser!

Aus den Labors der Paläoanthropologen ist als Begründung von "positiver Selektion" die Rede, was in unserem Fall bedeutet, dass sich helle Typen in der Entwicklungsgeschichte plötzlich durchsetzten, da sie bei der Partnerwahl vermutlich recht hoch im Kurs standen. "Schau dir die Beine an, wunderbar weiß!", "Oh, hat der genial blasse Oberarme!" Auf diese Weise entstanden Nachfahren, die von Generation zu Generation den Regeln der Vererbung folgend immer heller und heller wurden, bis sie sich schließlich eines schönen Tages nicht mehr mit kurzer Kleidung in die Frühlingssonne trauten. Eigentlich tragisch - nicht nur die Hautfarbe, auch die Maßstäbe für Schönheit ändern sich.

Für den Homo Käsehaut lautet also die Pointe: Früher war alles besser! Damals jedenfalls wussten die Menschen helle Haut vermutlich zu schätzen und zu bestaunen, statt sie wie heute zu belachen, sonst hätten unsere Vorfahren wohl nie den Kurs in Richtung Entfärbung eingeschlagen. Bis vor wenigen Jahrzehnten noch galt vornehme Blässe statt nahtloser Bräune als ein Idealbild der schönen Körperhülle.

Zugegeben, dieser Exkurs in die Vergangenheit kann im Alltag nur ein schwacher Trost sein. Doch dem sexuellen Beuteschema des modernen Menschen zum Trotz, kann helle Haut auch heute durchaus ihre Vorteile haben. Sie unterstützt die Bildung von Vitamin D, einem molekularen Knochenstabilisator, der mittels Sonnenlicht in der Haut entsteht.

Diagnose für die Schwimmbadtasche

Dagegen ist die höhere Pigmentdichte dunkler Haut für die Herstellung von Vitamin D eher hinderlich, da das Licht nicht in die Haut vordringen kann. In Gegenden mit geringer UV-Strahlung wie unseren nördlichen Breiten ist dies von großer Bedeutung und trug wahrscheinlich ebenso zur Verbreitung heller Hauttypen bei wie die farblichen Vorlieben bei der Familiengründung von einst.

Je weiter man sich daher heute gen Norden bewegt, umso heller der Hauttyp, auf den man trifft. Mit dieser Diagnose in der Schwimmbadtasche lässt sich, wie ich meine, dem Spott und Hohn der warmen Jahreszeit erfolgreich begegnen: Okay, braun ist sie nicht gerade, aber meine Haut ist ein prima Vitamin-Hersteller

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laurenz-von-arabien 25.03.2014
1. Werbung macht es möglich,
daß ein weißer Mensch nicht weiß sein will. Gehen Sie in Ostasien in eine Drogerie, nix Bräunungskreme, da gibt es nur Bleichungskreme. Schauen Sie asiatisches TV. Die Schauspieler sehen aus blaß wie die Nacht. Alle Asiatinnen, die bei AsiensdS mitmachen wollen, tragen Sonnenschirmchen. Es ist halt blöd für Werbestrategen Bleichgesichtern Bleichungskreme verkaufen zu wollen. Es hat auch noch einen anderen Hintergrund, aber darüber darf man nicht schreiben.
genesys 25.03.2014
2. Herkunft der Hautfarbe
Hat die helle Hautfarbe nicht auch etwas damit zu tun, dass die dunkelhäutigen Afrikaner, die nach Europa eingewandert sind, sich kräftig mit den hier ansässigen Neandertalern vermehrt haben? Hinweis an die meterologische Redaktion: Wenn Ihnen nach Veröffentlichung des Beitrages ein mittleres Erdbeben gemeldet wird, ist das keins - das sind Erschütterungen, die von in ihren Gräbern hochfrequent rotierenden Nazis produziert werden...
Alfons Emsig 25.03.2014
3. @ laurenz-v-a
Das haben Sie richtig beobachtet, denke ich. Allerdings ist es so, dass z.B. die Japaner tatsächlich eine Heidenangst vor Hautkrebs haben und eine braune Haut als Vorstufe eines malignen Melanoms betrachten. Da ist durchaus was dran, denn längst nicht alle Asiaten werden braun bei Sonnenbestrahlung, sondern viele (das scheint regional verschieden, mit Schwerpunkten in China, Korea und Japan) holen sich dabei spektakuläre Sonnenbrände, wie man sie sonst nur aus dem TV von rothaarigen Australiern kennt.
ohne.merc 25.03.2014
4.
Helle Haut war für die immer weiter in nördliche Gefilde vordringenden frühen Menschen nicht unbedingt "sexy", sondern -- wie im letzten Teil des Artikel angedeutet -- eher eine Notwendigkeit. Der Selektionsvorteil liegt eben darin, dass der Körper mit heller Haut auch bei der im Norden geringeren Sonneneinstrahlung noch genügend Vitamin D bilden kann, wohingegen in Afrika, der Wiege der Menschheit, der Schutz vor starker Sonnenstrahlung und damit dunkle Haut wichtiger war. Nicht umsonst werden auch wir Europäer immer noch braun, wenn wir uns der Sonne aussetzen; das Melanin spielt nämlich eine wichtige Rolle beim UV-Schutz. Ob Frühmenschen Hellhäutige hübscher fanden, mag ein Nebeneffekt gewesen sein, der das Herauszüchten dieser Varietät noch verstärkt hat, war aber letztlich eher unerheblich, denn ohne diese Entwicklung hätten alle Menschen nördlich des 30. Breitengrads wegen Rachitis mehr oder weniger nur vor sich hinvegetiert.
nibal 25.03.2014
5. Gesunde Hautfarbe - So ein Unsinn
Die Pigmentdichte ist eine Abwehrreaktion des Körpers auf die schädliche Sonneneinstrahlung. Eine gebräunte Haut ist daher eine beschädigte Haut. Nur unser alberner Kulturkreis glaubt an die "gesunde" Bräune - dabei ist das völliger Humbug. 20 Jahre sommerliche "gesunde" Bräunung und die Haut ist zäh wie gegerbtes Leder, doppelt so alt wie ihr Besitzer und alles andere als schön. Also Kopf nicht hängen lassen oder nach Asien auswandern.
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