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Bedrohte Sprachen: Sprachforscher im Wettlauf mit der Zeit

Von Julian Jaursch

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Viele der etwa 6.500 verschiedenen Sprachen auf der Erde sind vom Aussterben bedroht. Desinteresse oder gar gezielte Unterdrückung lassen sie verschwinden. Wissenschaftler versuchen, die sterbenden Sprachen aufzuzeichnen und für die Nachwelt zu erhalten.

Nikolaus Himmelmann sieht sich nicht als Retter: "Das hört sich immer sehr spektakulär an, aber was wir machen, ist eher Erhaltung." Als Vorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Sprachen (GBS) hat es sich der Sprachwissenschaftler zur Aufgabe gemacht, bedrohte Sprachen zu dokumentieren. Die Zeit drängt, immerhin könnten bis zum Ende des Jahrhunderts fast die Hälfte aller Sprachen von der Erde verschwunden sein: Durchschnittlich stirbt alle zwei Wochen eine Sprache aus, sagt Himmelmann.

Sorbische Prozession (Archivbild): "Eine Sprache lebt, wenn man in ihr lieben und fluchen kann"

Sorbische Prozession (Archivbild): "Eine Sprache lebt, wenn man in ihr lieben und fluchen kann"

Wobei, wie Himmelmann anmerkt, der Begriff "Aussterben" wiederum sehr drastisch ist. Er spricht von einem Sprachwechsel. Dies sei ein dynamischer und natürlicher Prozess. Oft werden Teile der alten Sprache übernommen, die Sprache differenziert sich, eine neue entsteht.

Das wohl bekannteste Beispiel ist Latein. Die Sprache der alten Römer genießt zwar ewiges Leben im Vatikan, ist aber sonst eine tote Sprache. Doch aus dem Lateinischen haben sich zum Beispiel die quicklebendigen Sprachen Italienisch und Spanisch entwickelt.

Das Problem: Die Sprachen, die heute vom Aussterben bedroht sind, waren niemals annähernd so weit verbreitet wie Latein zu seiner Blütezeit. Es geht vielmehr um Sprachen, die zu ihren Blütezeiten von ein paar tausend, heute von weniger als fünfzig Menschen beherrscht werden.

"Ein paar Linguisten und zwei bis drei Jahre Zeit"

Der amerikanische Linguist David Harrison, wie Himmelmann ein Experte für bedrohte Sprachen, beschreibt die Probleme bei der Spracherhaltung: "Wenn die Sprache moribund ist, also im Sterben liegt, haben Linguisten meistens das Problem, dass es nur noch ältere und schwache Sprecher gibt, die auch über eine große Region verstreut sein können."

Für die Dokumentation des Grundgerüsts einer Sprache benötige man "ein paar Linguisten und zwei bis drei Jahre Zeit". So viel Zeit bleibt den Sprachwissenschaftlern aber oft nicht, denn die Sprachwechsel laufen heutzutage mit großer Geschwindigkeit ab. "Wir leben in einer globalen Informationswirtschaft", sagt Harrison. "Die Dominanz einiger Sprachen ist nachteilig für kleine Sprachen." Die Globalisierung trägt dazu bei, dass einige große Sprachen – allen voran Englisch – in jeden Winkel der Erde vordringen und dort kleinere Sprachen verdrängen.

Aber wäre es nicht ohnehin viel besser, wenn alle Leute auf der Welt eine Sprache sprächen? Das würde Kommunikation vereinfachen, Zeit und Geld sparen - und mühseliges Vokabellernen entfiele auch. Sollte man dann die Verdrängung daher eigentlich nicht aktiv unterstützen? Wozu die ganze Mühe mit der Spracherhaltung?

Sprachforscher Himmelmann widerspricht: "Ich halte eine globale Einheitssprache für nicht möglich." Wenn die Sprache allein ein Kommunikationsmittel wäre, so sagt der Wissenschaftler, dann gäbe es vielleicht schon lange nur eine Weltsprache. "Aber Sprache erfüllt auch eine kulturstiftende Funktion und deshalb wird es immer unterschiedliche Sprachen geben."

Der Linguist vergleicht die Aufzeichnung einer Sprache – also einer immateriellen Komponente von Kultur – mit dem Erhalt einer materiellen kulturellen Errungenschaft: Obwohl Pyramiden nicht mehr für ihre ursprünglichen Zwecke genutzt werden, stehen sie auch heute noch in der Wüste - und keiner käme auf die Idee, sie abzureißen.

Minderheitensprachen werden unterdrückt und ihre Sprecher gezwungen, zur gesellschaftlich akzeptierten Sprache zu wechseln. So erging es zum Beispiel dem Lasischen. Diese Sprache ist an der nordöstlichen Küste des Schwarzen Meeres zwischen Batumi (Georgien) und Pazar (Türkei) beheimatet.

Jahrelang zielten türkische Gesetze auf eine systematische Unterdrückung von Minderheitensprachen ab: Nicht-türkische Ortsnamen wurden verboten, das Bildungssystem war komplett auf Türkisch ausgerichtet, Neugeborene mussten türkische Namen erhalten. "Traditionen gehen verloren, die Kultur der Lasen hat sich gewandelt", beschreibt Silvia Kutscher vom Institut für Linguistik an der Universität Köln die Folgen der Sprachunterdrückung.

"Linguisten können nur einen Beitrag zur Erhaltung der Sprache leisten", sagt Kutscher. "Zum Beispiel eine Grammatik schreiben. Das kann Impulse geben und Selbstbewusstsein aufbauen." Aber die Reanimation der Sprache hänge von den Menschen vor Ort ab: "Es muss von innen kommen."

Sprachrettung mit den Großeltern

Für die Revitalisierung einer Sprache eignen sich nach Ansicht von Kutscher besonders sogenannte Apprenticeship-Programme. "Großeltern begleiten dabei ihre Enkel und andere Kinder im Alltag und sprechen ihre eigene Sprache." Solche Programme funktionieren allerdings nur, wenn "die Sprachgemeinschaft hochgradig organisiert ist und ein großes Interesse am Erhalt ihrer Sprache hat", schränkt Kutscher ein. Bei den Lasen zum Beispiel seien die Voraussetzungen nicht gegeben.

Dass sprachliche Reanimation in anderen Fällen aber durchaus erfolgreich sein kann, zeigt das Hebräische. Mit der Gründung des "Rats der hebräischen Sprache" im Jahr 1889 wurde die Wiederbelebung der biblischen Sprache in Angriff genommen. Heute wird Hebräisch von Millionen Menschen als Muttersprache verwendet – der Patient konnte also gerettet werden.

Eine Revitalisierung ihrer Sprache erhofft sich auch Sonja Wölke vom Sorbischen Institut. Sorbisch ist eine slawische Sprache, die heute nur noch in der Lausitz sowie den angrenzenden polnischen Regionen von ungefähr 30.000 Menschen gesprochen wird. Es wird unterschieden zwischen dem Nieder- und dem Obersorbischen. Beide Sprachen sind zwar noch nicht moribund, dennoch verzeichnen sie seit Jahrzehnten sinkende Sprecherzahlen, sie kränkeln. Vor allem junge Leute lernen die Sprache nicht mehr.

Ähnlich wie das Lasische genoss Sorbisch lange Zeit wenig Anerkennung. Wölke, deren Name auf Sorbisch Sonja Wölkowa lautet, berichtet aus ihrer Familie: "Die Eltern meiner Großmutter zogen mit zwei Töchtern aus einem sorbischen Dorf nach Bautzen. Als die ältere Tochter dort zur Schule kam, hatte sie wegen mangelnder Deutschkenntnisse große Schwierigkeiten. Dass das Kind Sorbisch konnte, wurde in keiner Weise als Fähigkeit anerkannt. Der Lehrer legte den Eltern nahe, mit der jüngeren Tochter nur noch Deutsch zu sprechen."

Obwohl es ein Programm für die zweisprachige Ausbildung von Vorschulkindern und viele sorbische Kultureinrichtungen gibt, dominiert das Deutsche in der Lausitz, speziell in den Medien. Der sorbische Rundfunk soll ein Kontrastprogramm bieten, die Sprache erhalten und fördern.

"Er ist für viele Sorben die einzige Möglichkeit, im Laufe des Tages ihre Sprache zu hören", erklärt Marko Greulich, Redakteur beim Sorbischen Rundfunk. Vor allem Kinder bekämen täglich wichtige Hörspiele und könnten neue Wörter lernen.

Doch auch Greulich – oder Marko Grojlich – sieht, dass es Sorbisch "als normales Kommunikationsmittel im täglichen Leben" schwer hat. "Eine Sprache lebt, wenn man in ihr lieben und fluchen kann", sagt er. Und setzt nach: "Und die sorbische Jugend flucht auch schon mehr Deutsch als Sorbisch."

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