Behinderter Komponist Musizieren mit dem Infrarot-Strahler

Dan Ellsey kann nicht sprechen, seine Arme und Beine nicht rühren. Trotzdem komponiert er, Konzertreisen sind geplant. Technik aus einem Forschungsprojekt überwindet die Behinderung: Wissenschaftler heften ihm einen Lichtstift an die Stirn, mit dessen Hilfe er bewegende Musik macht.

Aus Cambridge berichtet Franziska Badenschier


Gefangen scheint Dan Ellsey zu sein: Er kann nicht sprechen, Arme und Füße sind an den Rollstuhl geschnallt – zerebrale Lähmung in ihrer schlimmsten Form. Die Ursache: Als Ellsey geboren wurde, hatte er minutenlang keine Luft bekommen. Sein Gehirn wurde dadurch schwer geschädigt. Doch der jugendlich aussehende 33-jährige US-Amerikaner hadert nicht mit seinem Schicksal: Er komponiert leidenschaftlich. "My Eagle Song" heißt sein bisher schönstes Stück.

Zunächst erklingt ein Piano, dann setzten die Streicher ein - bedächtig. Bässe und Schlagzeug kommen hinzu. Das Tempo wird schneller, das Stück lebendig. Am Ende sind nur noch die Streicher zu hören. Ihre Klänge schrauben sich immer höher.

Dan hat sich aufgebäumt, den Kopf hochgerissen und hält so den Schlussakkord. Anschließend wirkt er erschöpft und zufrieden. Mit diesem Song erklärt sich der Schwerbehinderte der Welt. Gänsehaut-Feeling, Tränen und Standing Ovations bei der Weltpremiere vor kurzem auf dem Symposium des Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der junge Komponist ist der Star des Tages. Er genießt den Ruhm.

Mit Herz komponieren, mit Kopf dirigieren

"Er ist der geborene Künstler", sagt Tod Machover - der Mann, ohne den Dan gar nicht komponieren könnte. Machover spielt Cello, Klavier und Saxophon, er schreibt Science-Fiction-Opern, entwirft Hyperinstrumente – und hat Hyperscore entwickelt, die Software, mit der Ellsey Musik schreibt.

Kinderleicht soll dieses Programm sein, wurde es doch zunächst für kleine Künstler ab sieben Jahren entwickelt. Man muss keine Noten lesen oder ein Instrument spielen können, um Musik machen zu können, ist der Entwickler überzeugt. Bei Ellsey dauert das Komponieren etwas länger: Für eine einfache Sequenz aus einem sich wiederholenden Zweiklang braucht er, als er im Media Lab das Programm vorführt, eine halbe Stunde.

Mit einem Infrarot-Strahler, der an sein Stirnband geklettet ist, klickt er Pfeile auf seinem Computerbildschirm an. Auf einem zweiten Monitor tauchen zwei Punkte auf, die aussehen wie auf der Seite liegende Tropfen - die Töne: Der zweite ist etwas länger und liegt tiefer als der erste. Der Zweiklang, der Grundbaustein der simplen Komposition, ist fertig.

Nun muss noch eine Melodie her: Dazu zeichnet Ellsey eine blaue Linie in die Tonspur: Entlang dieser Linie wird das gerade kreierte Zweiklang-Motiv automatisch wiederholt: Steigt die Linie, sind die Töne entsprechend höher.

"Ich kann perfekte Linien", freut sich Ellsey. Kinder, die mit Hyperscore komponieren, malen die Linien normalerweise mit einer Maus, Dan legt den Verlauf der Melodie mit seinem Infrarot-Strahler fest. Adam Boulanger, der ihm mit der Technik hilft, lässt noch den Harmonie-Filter über die Sequenz laufen - fertig ist die Mini-Melodie. Für "My Eagle Song" hat Ellsey knapp ein Jahr gebraucht.



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