Bekehrter Gewaltherrscher Buddhas Mann in Indien

Brudermörder, Quäler, grausamer Kriegsherr - der altindische Herrscher Ashoka scheint denkbar ungeeignet als Wegbereiter des Buddhismus. Doch Historiker lesen aus den ältesten Schriftzeugnissen des Subkontinents, wie der Bekehrte seinem Volk die Sanftmut-Religion verordnete.

Von Ralf Berhorst


Roh ist König Ashokas Gesicht gezeichnet, jähzornig ist sein Wesen. Einmal wagen es 500 Minister, sich seinem Willen zu widersetzen. Da zückt der rasende Tyrann das Schwert und enthauptet sie allesamt. Als ihn an einem anderen Tag Gespielinnen aus seinem Harem wegen seines groben Antlitzes verspotten, lässt er Hunderte bei lebendigem Leibe verbrennen.

Buddhist vor der Stupa (in Sanchi, Zentralindien): Ein Gewaltherrscher machte die neue Lehre zur Weltreligion
REUTERS

Buddhist vor der Stupa (in Sanchi, Zentralindien): Ein Gewaltherrscher machte die neue Lehre zur Weltreligion

In seiner Hauptstadt errichtet er eine "Hölle" auf Erden: einen Gefängnisbau mit trügerisch harmloser Fassade, hinter dessen Mauern die Ergriffenen alle nur erdenklichen Quälereien erleiden. Niemand, der die Folterstätte betritt, so lautet der herrscherliche Befehl, solle sie jemals wieder lebend verlassen.

So gehen die Legenden über König Ashoka, der im 3. Jahrhundert v. Chr. über das erste Großreich Indiens gebietet. Von Kandahar (im heutigen Afghanistan) bis an den Rand des Himalaya reicht seine Macht und weit hinab in den Süden des Subkontinents.

Die Überlieferung kennt noch ähnliche Episoden ausschweifender Grausamkeit – auch 99 seiner Brüder soll der Monarch auf dem Weg zum Thron ermordet haben. Doch vieles deutet darauf hin, dass diese blutrünstigen Geschichten Fantasiestücke sind: erdichtet von buddhistischen Chronisten, die den König bewusst als ein Monstrum zeichnen. Umso heller soll seine wundersame Bekehrung erstrahlen.

Denn etwa im zehnten Jahr seiner Herrschaft bekennt sich Ashoka in noch heute erhaltenen Felsen-Inschriften zur friedlichen Lehre des Gautama Buddha und schwört der Gewalt ab. Seine Botschaften sind nicht nur die ältesten überlieferten Schriftzeugnisse indischer Kultur und kalligraphische Meisterwerke. Durch seine Konversion ermöglicht der König dem aufstrebenden Orden buddhistischer Bettelmönche die Ausbreitung in seinem ganzen Reich – und damit den späteren Aufstieg zur Weltreligion.

Wer also ist Ashoka? Ein Tyrann? Ein Brudermörder? Ein Moralist? Oder gar ein Friedensfürst?

Zumindest eines steht außer Zweifel: dass er anfangs ein grausamer Kriegsherr war. Denn Ashoka hat es mit eigenen Worten berichtet.

Um 303 v. Chr. wird er als Spross der mächtigen Maurya-Dynastie geboren. Sein Großvater, der aus einer niederen Kaste stammt, hat knapp zwei Jahrzehnte zuvor das Reich begründet, Ashokas Vater dessen Grenzen gewaltsam ausgedehnt. Schließlich regiert die Dynastie über große Teile des Subkontinents.

Weitgespannte Handelsrouten verbinden das Imperium im Osten mit der Küste des heutigen Myanmar (Birma); im Südwesten reichen sie bis nach Afrika und ins Rote Meer. Über Babylon und Persepolis reisen indische Kaufleute ans Mittelmeer, im Nordwesten bis hinauf ans Kaspische und ans Schwarze Meer.

Als Alleinherrscher residiert er im Palast von Pataliputra im Nordosten Indiens, umgeben von bewaffneten Frauen – denn weibliche Wächter gelten als besonders loyal.

Sein Palast liegt, glaubt man Überlieferungen, in einem weitläufigen Park, in dem das Sonnenlicht auf künstlichen Fisch-Teichen glitzert, ausgesuchte Zierbäume und Sträucher zur Blüte duften und vergoldete Kolonnaden die Hauptstadt prachtvoll überstrahlen.

Mit ihrem rechteckigen Grundriss erstreckt sich die Kapitale knapp 15 Kilometer in die Länge und rund drei Kilometer in die Breite. Eine hölzerne Palisadenwand mit Löchern für Pfeilschützen schirmt die Stadt ab; davor liegt ein Graben – eine weitere Barriere gegen Belagerer und zugleich Auffangbecken der Kanalisation.

Niemand weiß heute, ob Ashoka in seiner eingezäunten Metropole tatsächlich als grausamer Tyrann wütet, wie es die Legenden ausmalen. Auf jeden Fall aber führt er zunächst die Eroberungspolitik seiner Vorgänger fort.

Um das Jahr 260 v. Chr. befiehlt der König seinen Truppen den Angriff auf das Reich Kalinga am Golf von Bengalen. Denn das Nachbarland kontrolliert vor seiner Küste Seewege in den Süden des indischen Subkontinents. Und auch wichtige Landrouten verlaufen hier.

Ashoka-Löwe: Heute ein indisches Nationalsymbol schmückte das Tier einst die Säulen mit den religiösen Weisungen Ashokas
AP

Ashoka-Löwe: Heute ein indisches Nationalsymbol schmückte das Tier einst die Säulen mit den religiösen Weisungen Ashokas

Ashoka schickt Zehntausende Fußsoldaten sowie mit Lanzen bewehrte Reiter, Kriegselefanten und Streitwagen über die Grenze. Seine Armee richtet ein Gemetzel an – unter den Truppen des Gegners, aber auch unter den Einwohnern: "150.000 Menschen wurden verschleppt, 100.000 getötet und viele Male mehr starben", so die Bilanz, die der König später ziehen wird.

Die Gefangenen lässt Ashoka in sein Reich deportieren, wo die meisten von ihnen wohl als Arbeitssklaven Wälder roden und Ödland kultivieren müssen.

So verheerend aber sind die Szenen dieses Krieges, dass er zum Wendepunkt in Ashokas Leben wird. Denn nun ereignet sich eine erstaunliche Wandlung.

Einige Zeit nach dem Feldzug (vielleicht aber auch schon kurz davor) wendet sich Ashoka dem buddhistischen Orden zu, lauscht den Unterweisungen der Mönche.

Eine fromme Legende berichtet von einer Begegnung des Königs mit einem buddhistischen Mönch, der in der "Hölle", Ashokas furchtbarem Gefängnis, gelandet war, die Quälereien der Folterknechte aber auf wundersame Weise überlebt hatte. Beeindruckt von den magischen Kräften des Mönches, sei Ashoka bald darauf zum Buddhisten geworden.


Dies ist eine gekürzte Fassung. Die vollständige Version dieses Artikels können Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins "GEO Epoche" lesen.



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