Bemalte Muscheln Auch Neandertaler konnten abstrahieren

Von wegen geistig unterlegen: Nicht nur der moderne Mensch, sondern auch Neandertaler hatten einen Sinn für Symbolik. Dies folgert ein Forscherteam aus einem Fund 50.000 Jahre alter Muscheln in Spanien. Sie sind gelocht und mit Pigmenten verziert.

Neandertaler-Kunst: Forscher entdecken orange gefärbte Muschel
ddp

Neandertaler-Kunst: Forscher entdecken orange gefärbte Muschel


Washington - Der moderne Mensch sieht sich als Krone der Schöpfung und schaut auf nahe Verwandte schon mal herab. Zumindest bei den Neandertalern, die vor rund 160.000 bis 30.000 Jahren lebten, ist dies jedoch kaum angebracht, glauben Wissenschaftler um Joao Zilhao von der Universität in Bristol nach einem Fund gefärbter Muscheln im südöstlichen Spanien.

In der nahe der spanischen Mittelmeerküste gelegenen Höhle von Aviones förderten die Forscher unter anderem vier bis neun Zentimeter große, gelochte Herz- und Meermuscheln zu Tage. Auf diesen entdeckten sie rötliche und gelbe Farbpigmente, die aus rund sieben Kilometer entfernt gelegenen Vorkommen stammen. Mit Mineralien orange eingefärbt ist eine Jakobsmuschel aus dem Feldüberhang Cueva Antón, der 60 Kilometer landeinwärts liegt. Die jeweiligen Fundschichten lassen sich eindeutig auf ein Alter von 50.000 Jahren datieren, schreibt Zilhaos Team im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Mit Symbolen verzierte Kulturgegenstände sind von den Experten bisher nur dem modernen Menschen zugeordnet worden, der sich vor 100.000 Jahren auf den Weg vom südlichen Afrika in den Nahen Osten machte und vor 40.000 Jahren in Europa einwanderte. Wissenschaftler sind sich einig, dass die Ornamente der persönlichen oder sozialen Kennzeichnung dienten und als Ausdruck von Intelligenz zu werten sind - eine Interpretation, die nach Ansicht der Ausgräber der spanischen Höhlenfunde nun auch für die Sammler und Jäger der Neandertaler-Spezies zu gelten hat.

Geistig nicht unterlegen

Die Neandertaler hätten schon vor 50.000 Jahren einen Sinn für Symbolik ausgebildet, schreiben die Forscher. Diese Abstraktionsfähigkeit stelle den frühen Bewohner des Raums zwischen dem heutigen Spanien und dem Nordirak auf eine Stufe mit seinen Zeitgenossen, den modernen Menschen, die derartige Dekorationen bereits vor 120.000 Jahren verwendeten.

Damit widersprechen Zilhao und seine Kollegen auch der These, dass der Neandertaler wegen seiner unterlegenen Denkfähigkeit ausgestorben ist. Gekerbte und durchbohrte Tierzähne aus Neandertaler-Fundstätten beispielsweise in Frankreich waren als Fehldatierungen abgetan worden oder als "sinnlose Imitationen" der Werke moderner Menschen, die in den Lebensraum einwanderten.

Über die möglichen künstlerischen Fähigkeiten der Neandertaler streiten Forscher schon länger. So wurden Funde in der Schwäbischen Alb den Neandertalern zugeschlagen. Der Tübinger Archäologe Nicholas Conard hält dies jedoch für falsch.

In der Aviones-Höhle stießen die Wissenschaftler auch auf Überreste von Meeresschnecken und von Rotalgen. Sie spekulieren, dass schon die Neandertaler eine vorindustrielle Methode beherrschten, wie sich leicht verderbliche Meeresweichtiere über größere Strecken transportieren lassen: Die Mollusken werden in feuchte Algenumschläge verpackt. Der Meeresspiegel des Mittelmeers lag vor 50.000 Jahren 50 bis 90 Meter tiefer als heute, wodurch die damalige Küstenlinie 1,7 bis 7 Kilometer von der Cueva de los Aviones entfernt war.

Seit Jahren rätseln Wissenschaftler, warum die Neandertaler ausgestorben sind. Es existieren verschiedene Hypothesen. So könnte den Urmenschen die extrem geringe Bevölkerungsdichte in Europa zum Verhängnis geworden sein. Mancher Wissenschaftler verdächtigt auch den modernen Menschen.

hda/ddp



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
e.schw 12.01.2010
1. War das alles?
Zitat von sysopVon wegen geistig unterlegen: Nicht nur der moderne Mensch, sondern auch Neandertaler hatten einen Sinn für Symbolik. Dies folgert ein Forscherteam aus einem Fund 50.000 Jahre alter Muscheln in Spanien. Sie sind gelocht und mit Pigmenten verziert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,671380,00.html
Wenn diese Menschen zu abstraktem Denken in der Lage waren, warum haben sie so wenig an Kulturzeugnissen hinterlassen? Musste ja nicht gerade ein Petersdom oder ein Burdsch Chalifa ( 828 m) sein. Der Mangel an kultureller Überlieferung einer Zivilisation, die mit dem Auftreten des Neandertalers vor angeblich 160.000 Jahre ihren Anfang nahm, macht schon nachdenklich. Deshalb wird das unter Paläontologen akzeptierte Alter des Menschengeschlechts von Kritikern wie Heribert Illig und Gunnar Heinsohn angezweifelt.
reuanmuc, 12.01.2010
2. .
Zitat von sysopVon wegen geistig unterlegen: Nicht nur der moderne Mensch, sondern auch Neandertaler hatten einen Sinn für Symbolik. Dies folgert ein Forscherteam aus einem Fund 50.000 Jahre alter Muscheln in Spanien. Sie sind gelocht und mit Pigmenten verziert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,671380,00.html
Das ist nur die Bestätigung einer Selbstverständlichkeit. Bis vor wenigen Jahren hat man Afrikaner noch als Wilde bezeichnet. Auch sie haben den Europäern vergleichbare Hochkulturen. Der christliche Gott ist nicht weniger primitiv als der afrikanische Regengott und wahrscheinlich hatten auch die Neandertaler ähnliche Mythen. Die Sprachfähigkeit jedenfalls ist schon viel älter, denn die genetischen und die anatomischen Voraussetzungen waren schon gegeben.
Rainer Helmbrecht 12.01.2010
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Zitat von sysopVon wegen geistig unterlegen: Nicht nur der moderne Mensch, sondern auch Neandertaler hatten einen Sinn für Symbolik. Dies folgert ein Forscherteam aus einem Fund 50.000 Jahre alter Muscheln in Spanien. Sie sind gelocht und mit Pigmenten verziert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,671380,00.html
Ich habe vor Jahren von einer Flöte der Steinzeitmenschen gelesen, die nicht nur veziert war, sondern auch tontechnisch mit einer heutigen Flöte vergleichbar war. Mich stört vor allem, dass man eine Kultur, die in ihrer Zeit alle Anforderungen efüllte, als primitiv herab setzt. Weil auch schon anerkannte Kulturen untergingen, ist es sicherlich zu kurz gegriffen, sie als unfähig zu diffamieren. es gibt sicherlich viele Gründe, warum so etwas passiert. Wobei ich Dekadenz und Gottessuche als Hauptgründe vermute. MfG. Rainer
reuanmuc, 12.01.2010
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Zitat von sysopVon wegen geistig unterlegen: Nicht nur der moderne Mensch, sondern auch Neandertaler hatten einen Sinn für Symbolik. Dies folgert ein Forscherteam aus einem Fund 50.000 Jahre alter Muscheln in Spanien. Sie sind gelocht und mit Pigmenten verziert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,671380,00.html
Das ist nur die Bestätigung einer Selbstverständlichkeit. Bis vor wenigen Jahren hat man Afrikaner noch als Wilde bezeichnet. Auch sie haben den Europäern vergleichbare Hochkulturen. Der christliche Gott ist nicht weniger primitiv als der afrikanische Regengott und wahrscheinlich hatten auch die Neandertaler ähnliche Mythen. Die Sprachfähigkeit jedenfalls ist schon viel älter, denn die genetischen und die anatomischen Voraussetzungen waren schon gegeben.
phboerker 12.01.2010
5. Steinzeit
Zitat von Rainer HelmbrechtIch habe vor Jahren von einer Flöte der Steinzeitmenschen gelesen, die nicht nur veziert war, sondern auch tontechnisch mit einer heutigen Flöte vergleichbar war. Mich stört vor allem, dass man eine Kultur, die in ihrer Zeit alle Anforderungen efüllte, als primitiv herab setzt. Weil auch schon anerkannte Kulturen untergingen, ist es sicherlich zu kurz gegriffen, sie als unfähig zu diffamieren. es gibt sicherlich viele Gründe, warum so etwas passiert. Wobei ich Dekadenz und Gottessuche als Hauptgründe vermute. MfG. Rainer
Die Steinzeit liegt etwa 5.000 Jahre zurück, hier geht es um Neandertaler, die vor 50.000 Jahren gelebt haben, Flöten sind da wohl eher nicht zu erwarten. "Primitiv" heißt dem Wortstamm nach lediglich "ursprünglich", also ziemlich genau das, was der Zeitgeist in Form der Ökö-Bewegung als Idealzustand ansieht oder anzusehen meint. Wenn Sie "primitiv" als beleidigend ansehen, dann übertragen Sie eine Konnotation des normalen Sprachgebrauchs auf eine wissenschaftliche Verwendung des Wortes.
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