Führungskultur Zu strenge Hierarchie kann tödlich sein

Einer führt, die anderen folgen - oder sollen doch alle mitentscheiden? Bei Bergsteigergruppen im Himalaja kann die Gruppendynamik über Leben und Tod entscheiden. Daraus lässt sich einiges über Führung lernen.

Bergsteiger am Mount Everest: Im Team zum Gipfel
REUTERS

Bergsteiger am Mount Everest: Im Team zum Gipfel


Welche Route wird gewählt, wie schnell wird gestiegen, wer sichert wen? Bergsteigen im Team erfordert viele Absprachen - oder Befehle. Vor allem in den gefährlichen Höhen des Himalajas können manche Entscheidungen fatal enden. Und wie diese Entscheidungen zustande kommen, hängt auch von der hierarchischen Struktur des Teams ab.

Jeder Mensch trägt die kulturellen Werte seines Heimatlandes in sich, darunter auch eine gewisse Einstellung zu hierarchischen Strukturen. Studien haben gezeigt, dass sich Menschen sehr wahrscheinlich gemäß dieser Werte verhalten, insbesondere in einer unsicheren Situation - wie der Besteigung eines Achttausenders. Doch welches Modell ist besser, um an den Gipfel zu kommen: eine strikte Rangfolge oder Gleichberechtigung?

Eine im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienene Studie zeigt nun: Bergsteigerteams mit einer hierarchischen Kultur liegen an der Spitze - sowohl bei den Erfolgen, als auch bei den Misserfolgen.

Gruppendynamik wichtiger als Charakterzüge der Kletterer

Eric M. Anicich von der Columbia Business School und seine Kollegen hatten Archivmaterial von über 5.000 Expeditionen untersucht, die sich zwischen 1905 und 2012 in den Himalaja aufmachten. Über 30.600 erfahrene Bergsteiger aus 56 Ländern waren daran beteiligt. Störende Einflüsse wie Unwetter, Verletzungen und die besonderen Gefahren von einzelnen Routen hatten die Forscher in ihrer Auswertung berücksichtigt.

Die Wissenschaftler befragten auch Bergführer aus verschiedenen Ländern, um herauszufinden, wie wichtig gruppeninterne Vorgänge und Hierarchien bei Expeditionen aus deren Sicht sind. Die Befragten schätzten die Abläufe innerhalb des Teams als wichtiger ein, als persönliche Charakterzüge der Kletterer. Außerdem glaubten sie, dass Menschen aus Ländern mit einer hierarchisch geprägten Kultur eher zu Gruppenprozessen im Stande sind, die den Erfolg der Tour sowohl fördern als auch beeinträchtigen können.

Diese Annahme bestätigte sich in der empirischen Untersuchung: Die Teams aus hierarchisch geprägten Ländern brachten mehr Bergsteiger auf den Gipfel als die aus einer eher egalitären Kultur. Gleichzeitig kamen bei den an Rangordnungen Gewöhnten aber auch mehr ums Leben. Offenbar gehen hierarchisch strukturierte Teams größere Risiken ein - was wohl zu mehr Erfolgen, aber eben auch zu mehr Unglücken führt.

Die Forscher glauben übrigens nicht, dass die kulturellen Werte die Gruppenstrukturen an sich beeinflussen. Diese seien meist gleich, schreiben sie in der Studie. Vielmehr verändere das Hierarchieverständnis die Kommunikation und den Umgang innerhalb der Gruppe.

vwu



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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
spontanistin 20.01.2015
1. Doppelgesicht der Macht
Es ist doch nur logisch und bedarf keiner wissenschaftlichen Untersuchung. Niemand ist perfekt und hat jederzeit seine maximale Leistungsfähigkeit abrufbar. Wenn dann aber eine nicht kritisierender Führungskraft Fehler macht, baden alle Untergebenen den Fehler aus. Außerdem ist Macht ein Werkzeug, Instrument, das wie jedes Werkzeug für Sinnvolles aber auch Unsinniges, Böses wie Gutes eingesetzt werden kann (Machtmissbrauch).
ohminus 20.01.2015
2.
Zitat von spontanistinEs ist doch nur logisch und bedarf keiner wissenschaftlichen Untersuchung. Niemand ist perfekt und hat jederzeit seine maximale Leistungsfähigkeit abrufbar. Wenn dann aber eine nicht kritisierender Führungskraft Fehler macht, baden alle Untergebenen den Fehler aus. Außerdem ist Macht ein Werkzeug, Instrument, das wie jedes Werkzeug für Sinnvolles aber auch Unsinniges, Böses wie Gutes eingesetzt werden kann (Machtmissbrauch).
Sie haben den Sinn und Zweck von Wissenschaft nicht ganz verstanden...
moe.dahool 20.01.2015
3. @ohminus
Sie müssten es doch inzwischen wissen, dass mit ausnahmslos jedem Artikel immer irgendwer hervor kommt, und alles besser weiß bzw. die Notwendigkeit der jeweiligen Studie in Frage stellt. Diese intellektuell omnipotenten könnten selbstverständlich jeden Job machen, vom Statistiker über den Bergsteiger bis hin zum Atomphysiker - mit Bravour natürlich. Sind wir doch besser alle glücklich, dass wir diese wertvollen Mitglieder der Gemeinschaft haben, sie sind es doch, die uns von Krebs befreien, das Klima retten, oder möglicherweise sogar, ach was zweifele ich, natürlich die Menschen unsterblich machen werden.
Gerd Weghorn 20.01.2015
4. Breitgetretener Quark bleibt breit....
... aber nicht stark (Tibetanische Volksweisheit) Was ist denn hier von unseren mit Steuergeldern alimentierten "Wissenschaftern" wirklich "gelernt" worden?! Was hier referiert wurde, das ist der branchenübliche "Forschungsergebnis"-Schwachsinn eines Wissenschaftssystems, dessen Betreiber mit der Erforschung des Wesentlichen kein Geld verdienen können und die sich deswegen auf die Erörterung von "Forschungsergebnissen" beschränken, die dem Erkenntnisstand von Schamanen entsprechen. Führungskompetenz ist das Resultat von Beziehungskompetenz, die man erlernen könnte, wenn man sich das dafür notwendige psychologische, historische und politisch-ökonomische Hintergrundwissen wissenschaftlich aneignen würde. Bestandteil dieser Führungskompetenz ist darüber hinaus Kampfkompetenz, also die Fähigkeit, mit dem Widerspruch (in sich bzw. bei Gegner) und dem darauf beruhenden Widerstand (Angst, Bedrohung, Gefahr) professionell umgehen zu KÖNNEN, was neben besagtem Hintergrundwissen auch einen Sozialisationsprozess erforderlich macht, in welchem zu Haltung, Mut, Kühnheit und Respekt erzogen worden ist und erzogen wird - und dies lebenslang. Führungskompetenz ist also harte Arbeit an sich selbst (und Dritten) und primär das Resultat einer Beziehungskompetenz, die auf wesentlichem und wichtigem Wissen beruht.
esheisstextravertiert 20.01.2015
5. @spontanistin
Im Mittelalter war die Vorstellung, dass die Erde eine Scheibe ist, für viele Menschen vollkommen logisch. Astronomische Beobachtungen und Berechnungen, die etwas anderes nahe legten, wären ihrer Argumentation nach unnötig gewesen. Es ist eine der schönsten Aufgaben der Wissenschaft, Dinge zu hinterfragen, die viele Menschen für vollkommen logisch halten, nur so können gesichertes Wissen und Fortschritt entstehen. Oder sollen Wissenschaftler in Zukunft lieber bei Ihnen anrufen und nachfragen, was sie für logisch halten, ehe sie ihre Arbeitskraft an irgendwelche Studien vergeuden? Si tacuisses philosophus mansisses.
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