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Bericht der Bundesregierung: Mehr Drogentote, Kampftrinken boomt

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Jugendlicher mit Alkohol (Symbolbild): "Die problematischen Konsummuster nehmen zu" Zur Großansicht
dapd

Jugendlicher mit Alkohol (Symbolbild): "Die problematischen Konsummuster nehmen zu"

Mehr Komasäufer und Drogentote, weniger junge Raucher und Cannabiskonsumenten: Das ist die Quintessenz der aktuellen Ausgabe des Drogenberichts. Die Regierung macht für den Rückgang des Tabakkonsums auch das Rauchverbot verantwortlich - dabei war das während der Erhebung noch nicht in Kraft.

Berlin - So sehen Sieger aus. Als die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), am Montag vor der Bundespressekonferenz mit demonstrativem Lächeln die aktuelle Ausgabe des Drogen- und Suchtberichts vorstellt, kann sie mit Erfolgen aufwarten: Die Zahl junger Raucher hat deutlich abgenommen. Seit dem Jahr 2001 sank ihre Zahl von 28 Prozent auf 18 Prozent. "Das ist ein großer Erfolg für die Tabakpolitik in Deutschland", sagt Bätzing.

International liegt Deutschland dem Bericht zufolge aber nach wie vor nicht an der Spitze: "Für das Jahr 2008 haben wir uns das Ziel gesetzt, unter 17 Prozent zu kommen." Die Drogenbeauftragte macht vor allem die umstrittenen Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden und in der Gastronomie für den Erfolg verantwortlich. "Vor wenigen Jahren hätte kaum jemand für möglich gehalten, was uns im Jahr 2007 gelungen ist."

Eine direkte Folge des Rauchverbots kann der nun vermeldete Rückgang jedoch kaum sein, denn die von Bätzing vorgelegten Zahlen basieren auf Material vom vergangenen Sommer. Damals gab es die Nichtrauchergesetze noch nicht, nur die Debatte darüber. Den Start machten Baden-Württemberg und Hessen im August, am 1. September trat das Bundesgesetz in Kraft, der größte Teil der Länder folgte dann zum Jahreswechsel.

Doch Bätzing hofft auf weitere positive Wirkung durch die Gesetze - wenn sie denn streng genug sind: Ein Aufweichen der Regelungen - wie zuletzt in Bayern - sei kontraproduktiv: "Wir wollen einen Nichtraucherschutz mit wenig, mit keinen Ausnahmen." Wichtig sei, dass die Gesetze auch konsequent angewendet würden. Verstöße müssten auch sanktioniert werden.

Der Rückgang bei der Zahl der jungen Raucher hat einen weiteren positiven Nebeneffekt. Dadurch, dass der Tabakkonsum zurückgegangen ist, sank auch der Cannabiskonsum bei den unter 18-Jährigen: von 22 Prozent im Jahr 2004 auf 13 Prozent im vergangenen Jahr. Allerdings ist die Zahl der Menschen, die regelmäßig mehrfach am Tag zum Joint greifen, konstant geblieben: rund 600.000.

Der Stoff kommt offenbar immer häufiger aus heimischem Anbau. Im März hatten die Drogenkontrolleure der Vereinten Nationen Alarm geschlagen: Weil die Grenzkontrollen strenger werden, boomen auch in Deutschland professionelle Cannabis-Plantagen. Die Experten des Internationalen Suchtstoff-Kontrollrates (International Narcotics Control Board, kurz INCB) hatten "erschreckende Ausmaße" des Anbaus beklagt.

Konsumierte Alkoholmengen steigen dramatisch an

Auch beim Alkohol präsentiert Bätzing eine gute und eine weniger gute Nachricht. Eine positive Entwicklung habe es beim gelegentlichen Alkoholkonsum unter Schülern gegeben. Hier seien die Zahlen im Vergleich zum Jahr 2003 leicht zurückgegangen. Besonders drastisch war der Umsatzrückgang bei den sogenannten Alcopops, die durch eine Sondersteuer massiv verteuert worden sind.

Getrübt wird das positive Bild beim Alkohol allerdings durch die Statistik der konsumierten Alkoholmengen. "Die problematischen Konsummuster nehmen zu, vor allem bei den jungen Menschen", so Bätzing. Das ist noch sehr zurückhaltend ausgedrückt, denn tatsächlich steigen die konsumierten Alkoholmengen bei 12- bis 17-Jährigen massiv an: Während diese Gruppe im Jahr 2005 statistisch gesehen 34 Gramm Alkohol pro Kopf und Woche konsumierte, waren es im vergangenen Jahr 50 Gramm.

Komasaufen liegt im Trend. Jeder vierte Jugendliche trinkt den Statistikern zufolge einmal im Monat fünf Gläser Alkohol oder mehr - und zwar quer durch alle sozialen Schichten. Die Drogenbeauftragte sieht nicht zuletzt die Werbeindustrie in der Pflicht. In der Alkoholwerbung müsse es eine bessere Selbstkontrolle geben. Zu oft richteten sich Alkoholwerbespots direkt an Jugendliche.

Strengere Gesetze soll es aber vorerst nicht geben, stattdessen zwei nationale Aktionsprogramme zur Alkohol- und Tabakprävention, die bis zum Ende des Jahres auf den Weg gebracht werden sollen: "Es geht hier nicht um das eine Glas Bier oder das eine Glas Wein, sondern es geht um Missbrauch und Abhängigkeit", sagt Bätzing.

Gestiegen ist die Zahl der Drogentoten in Deutschland - und das obwohl der Konsum illegaler Rauschmittel um gut fünf Prozent leicht zurückgegangen ist. Nach einem historischen Tiefstand im Jahr 2006 starben im vergangenen Jahr 1394 Menschen an den Folgen von illegalem Drogenkonsum - ein Plus von knapp hundert. Genaue Ursachen für den Anstieg um rund acht Prozent stünden noch nicht fest, so Bätzing. Möglicherweise trage das gestiegene Alter von vielen Drogenabhängigen einen Teil der Schuld.

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