Berliner Charité Schädel aus der Kolonialzeit gehen an Namibia zurück

Sie töteten Ureinwohner und stellten ihre Gebeine im Museum aus: Deutsche Soldaten begingen während der Kolonialzeit ungeheure Greueltaten in Namibia. Jetzt gibt die Berliner Charité 20 Schädel zurück - und entschuldigt sich für die Grausamkeiten.

Schädel des Volksstammes Herero: Feierliche Rückgabe an Namibia
dapd

Schädel des Volksstammes Herero: Feierliche Rückgabe an Namibia


Berlin - Zwei hohe, ansehnliche Gestecke mit weißen Rosen und weißen Callas rahmen links und rechts die Bühne im großen Hörsaal der Berliner Charité. Eine Frau eilt herbei, zupft zwischen den Blüten etwas Grün ab. Das Arrangement soll auch aus der Nähe würdevoll aussehen. Zwischen den beiden schmucken Blumentöpfen, auf einem Lehrpult, stehen 18 unscheinbare, graue Kartons. In jedem von ihnen liegt Aufsehenerregendes: Menschliche Schädel aus Namibia. Zwei weitere Köpfe liegen für alle Anwesenden sichtbar in zwei Glasvitrinen davor.

Die Geschichte dieser Schädel ist lang und tragisch: Nach den Erkenntnissen der Charité gehörten sie Afrikanern der Volksstämme Herero und Nama, die Anfang des 20. Jahrhunderts bei Aufständen gegen die Kolonialherrschaft der Deutschen ihr Leben ließen. Deutsche Wissenschaftler hatten die in Formalin eingelegten Köpfe damals aus Deutsch-Südwestafrika - heutige Republik Namibia - nach Berlin bringen lassen, um sie für ihre Rassenforschung zu nutzen. Grausame Geschichten ranken sich um die Beschaffung der Köpfe.

"Wir möchten um Entschuldigung bitten"

"Wir bekennen, dass die deutsche Wissenschaft damals Schuld auf sich geladen hat. Dazu stehen wir und wir möchten um Entschuldigung bitten", sagt der Leiter des Medizinhistorischen Museums der Charité, Thomas Schnalke. Am Freitag, über 100 Jahre nach den Aufständen, will die Berliner Charité die 20 Schädel an die Regierung von Namibia zurückgeben. Diese forderte bereits 2008 die Rückgabe der sterblichen Überreste. "Bevor wir Gebeine herausgeben konnten, mussten wir sicher sein, dass diese tatsächlich aus dieser Region stammen und in die Zeit passen", begründet Schnalke die lange Dauer des Verfahrens.

Inzwischen ist sich das fünfköpfige Wissenschaftlerteam aus der Charité einig: Jene zwanzig Schädel, die in dieser Woche in der Universitätsklinik aufgebahrt liegen, stammen mit großer Sicherheit aus der fraglichen Zeit und der fraglichen Region in Afrika. Achtzehn der zwanzig Opfer sollen auf der sogenannten Haifischinsel vor der Küste Namibia gestorben sein. Dort hatten die Deutschen während des Kolonialkrieges (1904-1908) ein Konzentrationslager betrieben, in dem Hereros und Namas eingesperrt wurden und zahlreich umkamen. Auf den vorliegenden Schädelknochen konnten die Berliner Wissenschaftler keine Gewalteinwirkungen nachweisen, wohl aber in einigen Fällen Spuren der Krankheit Skorbut.

Auch ein Kinderschädel geht zurück nach Namibia

Die Menschen, denen die Köpfe gehörten, waren nach Angaben der Forscher zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 20 und 40 Jahre alt, vier davon waren weiblich, sechzehn männlich. Der Kopf eines kleinen Jungen im Alter zwischen drei und vier Jahren soll auch in einem der grauen Kartons liegen, die am Freitag übergeben werden.

Es bleiben auch Fragen offen: So konnten die Wissenschaftler nicht klären, zu welchen Personen genau die Gebeine gehören. Das liege mitunter daran, dass die Namen der Opfer für die Wissenschaftler damals nicht von Bedeutung waren. "Also wurden sie nirgendwo vermerkt. Das macht es für uns heute nahezu unmöglich, die genaue Identität herauszufinden", sagt der Lehrkoordinator und Sammlungsverantwortliche am Centrum für Anatomie der Charité, Andreas Winkelmann.

Seit vergangenem Oktober arbeitet das Team der Charité an der Zuordnung der Schädel. "Charité Human Remains Project" heißt das Vorhaben, das mit über 300.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Bis September 2012 sollen weitere von insgesamt 7000 Schädeln aus den Sammlungen der Institute auf eine mögliche Herkunft aus Namibia untersucht werden.

"Es gibt Hinweise, dass hier weitere Schädel von Hereros und Namas lagern. Sollte sich das beweisen, werden wir diese selbstverständlich auch an die namibische Regierung übergeben", sagt Schnalke. Dann stehen in der Berliner Charité bald wieder graue Kartons, umringt von weißen Rosen und weißen Callas. Einer Blume, die für Trauer und Unsterblichkeit steht.

Julia Becker, dapd

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