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Berühmte Entdeckungen: Cha-Cha-Cha-Theorie sortiert Geistesblitze

Von Stefan Schmitt

Es soll eine Theorie der Entdeckungen werden - mit einem Namen, der allerdings eher nach Tanzstunden klingt. Alle Geistesblitze der Welt sind demnach künftig in Kategorien zu sortieren: in einem Dreisatz aus Challenge, Chance und Charge.

Bei Cha-Cha-Cha mag es vielen Zeitgenossen in den Beinen zucken, vielleicht denken einige an die Demutserfahrung der Tanzschule. Noch.

Künftig aber könnte sich Cha-Cha-Cha als Bezeichnung für eine Theorie der Entdeckungen einbürgern. Wissenschaftshistoriker würden dann wohl die aktuelle Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Science" als Ursprung der beschwingten Bezeichnung ausmachen.

Jede Wissenschaft, diesen Satz hört jeder junge Student einmal, fängt mit Sammeln und Sortieren an. Kaum jemand dürfte sich professionell so sehr mit dem Sammeln beschäftigt haben wie Daniel Koshland. Der prominente kalifornische Biochemiker leitete zehn Jahre lang - vom Jahr 1985 bis 1995 - das Wissenschaftsmagazin "Science", neben dem britischen Pendant "Nature" wohl das renommierteste überhaupt.

Als Chefredakteur war Koshland für die Auswahl jener Fachbeiträge verantwortlich, die jede Woche in der Wissenschaftszeitschrift abgedruckt wurden: eine Ehre, um die sich Spitzenforscher aus der ganzen Welt reißen. "Jede wissenschaftliche Entdeckung wird durch das Arrangement von Neuronen im Gehirn ermöglicht und ist als solche einzigartig", schrieb Koshland. Eine individualistische Aussage, die für einen Biochemiker wie ihn wohl nicht allzu überraschend ist.

Doch die Frage nach den Gemeinsamkeiten ließ Koshland nicht mehr los. "Wenn wir auf Jahrhunderte wissenschaftlicher Erkenntnis zurückschauen, so tritt ein Muster hervor", schrieb er. Alle Forscherentdeckungen, so Koshland, könne man in eine von drei Kategorien einteilen. Und die fangen - ebenso dekorativ wie leicht zu merken - alle mit "Cha" an: Charge, Challenge und Chance:

  • Charge bedeutet soviel wie Ladung. Und Charge-Entdeckungen lösen Koshlands Typologie entsprechend offensichtliche Probleme, deren Lösungen nicht ganz so offensichtlich sind. Kennzeichnend ist hier, dass die zeitgenössische Debatte geradezu mit einem bestimmten Problem aufgeladen ist. Newtons Gravitationsgesetz oder die Suche nach einem Heilmittel für Herz- und Gefäßkrankheiten seien solche allgegenwärtigen Probleme.
  • Challenge bedeutet Herausforderung. Und diese besteht laut Koshland darin, eine wachsende Zahl von Puzzlestücken zusammenzufügen, die für sich alle unerklärt, rätselhaft oder gar widersprüchlich sind. Einsteins spezielle Relativitätstheorie gehöre ebenso zu diesen Fällen wie die Entdeckung der DNA-Struktur durch Watson und Crick. Diese Kategorie zeigt auch, welche mühselige Kollektivarbeit Forschung ist. Es gebe viele "Aufdecker" in solchen Fällen, oft komme dann aber nur ein Einziger mit der Erklärung daher und gelte fortan als "Entdecker", so Koshland.
  • Chance, also einfach Glück, ist für die dritte Kategorie nötig, den Zufallsfund. Man brauche zwar ein waches Gemüt, um den Fund zu erkennen, doch der Rest klingt reichlich simpel: Pasteur, Röntgen oder Plunkett - "diese Forscher sahen, was niemand zuvor gesehen hatte, und erkannten dessen Bedeutung".

In einer Tabelle listet "Science" zehn berühmte Beispiele für die Cha-Cha-Cha-Kategorien auf (siehe Fotostrecken). Und die Lehre aus diesem Dreiklang? "Wichtige Entdeckungen sind meistens keine Heureka-Momente, wie Drehbücher es manchmal zeigen", schrieb Koshland und gab auch die Antwort, wie denn sein eigener Cha-Cha-Cha-Beitrag den Erkenntnisstand der Menschheit voranbringen soll: Eines Tages werde man vielleicht verstehen, wie in den Neuronen Einzigartigkeit entstehe. Vielleicht seien Forschergeister ja eher imstande, "Fakten aus weit entfernten Hirnregionen miteinander zu verbinden". Wenn sich das eines Tages beobachten lasse, dann könne die Theorie von Charge, Challenge und Chance womöglich bei der Analyse von Experimenten mit bildgebenden Verfahren helfen.

Am Schluss eines langen Wissenschaftlerlebens fragte sich Koshland also, was es wohl ist, das den Forscher ausmacht, wie sich seine Gehirnstruktur wohl vom Nichtwissenschaftler unterscheidet - letztlich also, wo der Funken des Fragens im Kopf seinen Sitz hat. Das hatte der Elder Statesman der US-Forschungsszene mit einem seiner Beispiele, dem DNA-Entdecker Francis Crick, gemeinsam. Der versuchte im hohen Alter, das Wesen des menschlichen Geistes zu entschlüsseln.

In seinem Buch "Was die Seele wirklich ist" von 1994 postulierte Crick, dass es sich dabei tatsächlich "nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen" handele. Viel weiter kam der DNA-Entdecker bis zu seinem Tod am 28. Juli 2004 nicht mehr. Fast genau drei Jahre später, am 24. Juli diesen Jahres, starb auch Daniel Koshland. Seine Cha-Cha-Cha-Theorie wurde nun posthum in der aktuellen "Science"-Ausgabe veröffentlicht.

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Fotostrecke
Theorie der Entdeckungen: Charge - Ladung
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Theorie der Entdeckungen: Challenge - Herausforderung

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Theorie der Entdeckungen: Chance - Glück

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