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10. September 2014, 23:15 Uhr

Aberglaube

Archäologen finden Hinweise auf Untoten-Bestattung

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Lange herrschte der Glaube, Tote könnten aus ihren Gräbern auferstehen. Jetzt zeigen Spuren auf einem Grab bei Stade: Unsere Vorfahren versuchten mit großem Aufwand, Auferstehungen zu verhindern.

Tot ist tot. Zombies und Vampire sind Legenden. Doch es ist gar nicht so lange her, dass die Menschen im Landkreis Stade sich bei einigen Toten große Mühe gaben, sie am Wiederkehren zu hindern. Archäologen haben erste Belege für einen regen Glauben an Untote gefunden - und sind sich sicher, dass dies erst der Anfang ist.

Vor 150 Jahren wusste man in Norddeutschland noch genau, was man tun muss, damit ein Toter im Grab bleibt. Ludwig Strackerjan hat es in seiner Sammlung von Aberglauben und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg zusammengetragen: die Totenkleidung vollständig mitgeben, Hobelspäne in den Sarg legen, ebenso die Nadel, mit der das Totenhemd genäht wurde, und sofort das Herdfeuer ausgießen, wenn die Leiche aus dem Haus getragen ist, sie tief genug begraben. Und auf keinen Fall den Toten berauben oder mit den Gebeinen Spott und Unfug treiben.

Und wenn die Magd vergaß, das Feuer zu löschen? Oder die Nadel verloren gegangen war? Dann hatte man ein Problem: einen Wiedergänger.

Schädel beiseitegedrückt

Einen dieser Untoten hat der Kreisarchäologe des Landkreises Stade, Daniel Nösler, gefunden. Und zwar auf seinem Computerbildschirm. "Ich habe mir alte Fotos von einer Grabung im Kreuzgang des ehemaligen Klosters Harsefeld angeschaut, und da fiel mir dieser seltsame Stein auf", sagt er und zeigt auf einen riesigen Brocken neben einem Totenschädel. Der Koloss hat den Schädel beiseitegedrückt und auch die übrigen Knochen verschoben.

Von alleine wird er kaum ins Grab gerollt sein. Mindestens zwei starke Männer müssen mit angepackt haben, um ihn überhaupt bewegen zu können. Und zufällig herum lag er garantiert auch nicht. "Der Boden des Friedhofes ist sehr feinkörnig. Darin liegen sonst nicht mal Kieselsteine."

Und da war noch etwas: "Die Erde genau darüber hat eine ganz leicht andere Färbung als die übrige Verfüllung des Grabes", sagt der Archäologe. Die haben den Stein nicht gleich reingeworfen - sondern das Grab an dieser Stelle noch mal aufgemacht, als der Tote schon einige Zeit dringelegen haben muss."

Vampire an der Elbe?

Tatsächlich kommt die Figur des Wiedergängers in Norddeutschland ganz häufig vor. Da ist zum Beispiel die Sage von der armen Frau bei Brake, die auf ihrem Sterbebett einer anderen Frau ihr Versteck für fünfzehn Taler verriet. Für das Geld wolle sie anständig beerdigt werden. Die Frau versprach zwar, für die Beerdigung zu sorgen, aber nachdem die Kranke verstorben war, behielt sie das Geld für sich.

Fortan erschien die Tote allnächtlich wieder und suchte nach dem Geld, bis sie endlich gebannt wurde. So enden viele der Geschichten: …bis der oder die Untote gebannt wurde. Nur wie man die ruhelosen Toten bannte - darüber schweigen sich die Legenden aus.

Zeit der großen Seuchen

Als Nösler seinen Kollegen von dem Grab in Harsefeld erzählte, erinnerte sich auch Dietrich Alsdorf an ein ungewöhnliches Begräbnis ganz in der Nähe. Er hatte es ebenfalls vor 32 Jahren im westlichen Kreuzgang des Klosters von Harsefeld ausgegraben. "Der Sarg lag verkehrt herum in der Erde - mit dem Deckel nach unten", erinnert er sich.

Außerdem lagen Ziegelsteine auf dem Grab, und der Sarg lag tiefer als gewöhnlich. "Jemand wollte diesen Toten definitiv sicher in der Erde wissen", sagt Alsdorf.

Beide Wiedergängerbestattungen stammen aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. "Es war die Zeit der großen Seuchen", erklärt Nösler. "Wenn einer starb, dann folgten oft weitere Familienmitglieder. Damals war eine gängige Erklärung, dass der erste Tote die anderen ins Grab nachholt."

Knochen über dem Hals

Die sogenannten Nachzehrer waren ebenfalls häufig vorkommende Untote in den mittelalterlichen Legenden: Lag versehentlich ein Stück Stoff über dem Mund eines Toten, so saugte dieser daran - und holte so die Lebenskraft aus allen, die dieses Stück Stoff zuvor berührt hatten.

In Oldendorf an der Niederelbe haben Nösler und seine Kollegen einen Nachzehrer gefunden. "Bei der Bestattung aus dem 11. oder 12. Jahrhundert lag ein fremder menschlicher Oberarmknochen quer über dem Hals", berichtet der Forscher. Der Knochen habe verhindern sollen, dass das Totenhemd mit dem Mund in Kontakt kommt.

Nösler und Alsdorf sind sich sicher, noch mehr Untote auf den Friedhöfen im Landkreis Stade zu finden. "Jetzt wissen wir, dass die Leute in dieser Gegend tatsächlich an Wiedergänger geglaubt haben - und können ganz gezielt nach entsprechenden Hinweisen suchen."

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