Bettwanzen: Lästige Blutsauger wieder auf dem Vormarsch

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Jahrelang galten Bettwanzen in Westeuropa und Nordamerika als ausgerottet, nun erleben die Tiere ein Comeback. Vor allem in Teilen New Yorks und Vancouvers ringen die Menschen mit der Wanzenplage - oft erfolglos, denn viele der Insekten sind gegen Bekämpfungsmittel resistent.

Haushaltsparasit: Bettwanzen saugen Blut durch die menschliche Haut. Zur Großansicht
DPA / Harvard University / CDC / Piotr Naskrecki

Haushaltsparasit: Bettwanzen saugen Blut durch die menschliche Haut.

Wer sie nicht gezielt sucht, wird sie nie zu Gesicht bekommen: Bettwanzen. Tagsüber versteckt in Sofaritzen, Spalten im Boden oder den Falten eines Kissens, krabbeln sie im Schutze der Nacht aus ihren Verstecken. Dann gehen sie auf die Jagd nach Blut, durchbohren mit ihren Rüsseln die menschliche Haut, um einen Tropfen aus der Wunde zu saugen. Was bleibt, sind ein kleiner roter Fleck und ein unangenehmes Jucken, die Wanzen hingegen verschwinden wieder in ihren Verstecken.

Jahrhundertelang kämpfte der Mensch gegen die Plage, vor vierzig Jahren schien das Gefecht gewonnen: Mithilfe der Chemikalie DDT verschwand die Bettwanze fast vollkommen vom Globus. In Westeuropa und Nordamerika galt sie als ausgerottet, in Südamerika, Mitteleuropa und Afrika waren die Populationen verkümmert. Nun erleben die Tiere ein Comeback.

Während Europa bisher weitgehend verschont blieb, entwickeln sich die Insekten an der Ostküste der USA zunehmend zu einer Plage. Momentan leben in den US-Haushalten so viele Bettwanzen wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr, besonders infiziert sind New York, Philadelphia und Detroit. Im vergangenen Monat trat die US Environmental Protection Agency (EPA) an die Öffentlichkeit und warnte vor den Insekten. Das Problem: Bettwanzen lassen sich kaum noch bekämpfen, rund die Hälfte ist gegen die gängigen Pestizide resistent. Was tun?

Verzweifelte Bekämpfung

Das Wissen über die Wanze ist spärlich, seit ihrem Untergang verschwanden die Insekten weitgehen aus dem Forschungslaboren, und nur noch vereinzelt beschäftigten sich Kammerjäger mit ihrer Bekämpfung. Die vor 50 Jahren verwendete Chemikalie DDT ist mittlerweile verboten, zu groß waren die Schäden für die Umwelt. Andere Chemikalien sind wirkungslos, wieder andere dürfen nicht in geschlossen Räumen verwendet werden. So bleibt den Kammerjägern oft nur, die Insekten hartnäckig mit mehreren Behandlungen aus den Wohnungen zu vertreiben. Ein teures Unterfangen, das sich nicht jeder leisten kann.

In ihrer Verzweiflung greifen manche Betroffene mittlerweile selbst zur Chemikalienkeule - und riskieren Schäden des Zentralen Nervensystems, Haut- und Augenirritationen sowie Krebserkrankungen. Immer wieder gehen Landhäuser in Flammen auf, nachdem die Eigentümer versuchen, die Wanzen mit hochentzündlichen Spritzmitteln zu bekämpfen. In Cincinnati musste im Juni ein Apartmentkomplex geräumt werden. Die Bewohner hatten ihr Zuhause mit einem Pflanzenschutzmittel getränkt, das normalerweise für die Reinhaltung von Golfplätzen genutzt wird. Sieben von ihnen mussten daraufhin ins Krankenhaus, der Rest wurde unter Beobachtung gestellt.

Deutschland bisher weitgehend verschont

Während auch in Kanada, Australien, Dänemark und der Schweiz eindeutige Hinweise auf eine Zunahme der Plage existieren, fehlen aus Deutschland derartige Hinweise. "Ein Befall wird jedoch ungern zugegeben", gibt Erik Schmolz vom Umweltbundesamt zu Bedenken. "Schädlinge sind allgemein ein Tabu-Thema."

Die wenige Millimeter großen Wanzen sind in erster Linie Störenfriede mit einem hohen Ekelfaktor - richtig gefährlich werden sie dem Menschen in der Regel nicht. Ihre Stiche jucken zwar und können in seltenen Fällen allergische Reaktionen auslösen, im Gegensatz zu anderen Blutsaugern übertragen die Wanzen allerdings keine Krankheiten. Dies ist erstaunlich - vor allem, weil auch Fledermäuse zu den Wirten der Wanzen zählen, die Erreger wie etwa das Ebola-Virus verbreiten können. Ein Rätsel, für das die Forschung bisher keine Erklärungen hat.

Ursprung ist noch unbekannt

Der Ursprung der neuen Invasion ist noch unklar. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass die Tiere übers Meer nach Nordamerika gelangten. Viele Betroffene schleppen sich die Wanzen nach einem Besuch in einer infizierten Wohnung oder einem infizierten Hotel ein, wo sich die Insekten in Vorhängen, Matratzen und Kissen verstecken. Über Kleidung oder das Gepäck gelangen sie dann als blinde Passagiere in ihr neues Zuhause. Mit mangelnder Hygiene hat der Befall nichts zu tun. "Wenn sie erst einmal irgendwo sind, breiten sie sich aus und sind auch in blank geputzten Kachelstudios und sehr gepflegten Wohnungen zu finden", sagt Schmolz.

Nachdem die Tiere diesen Sommer sogar das Times Square Kino sowie mehrere gehobene Bekleidungsgeschäfte in New York besiedelten, startete die Stadt eine 500.000 US-Dollar teure Aufklärungskampagne zur Plage. Wichtig ist, Hotelzimmer vor dem Einchecken auf einen eventuellen Befall zu überprüfen. Die Wanzen verraten sich vor allem durch ihre Kotspuren, kleine schwarze Punkte auf Tapete und Bettrahmen. Haben sie bereits die eigene Wohnung erobert, hilft nur noch der Kammerjäger. Dann müssen Ritzen mit Silikon gestopft, Möbel auseinandergeschraubt und Matratzen ausgetauscht werden. Erst danach gibt es wieder Ruhe vor der Plage.

Mit Material von dpa

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