Bevölkerung Riesen-Städte wuchern rasant

Erstmals in der Geschichte wird 2007 jeder zweite Mensch in einer Stadt leben - und mehr als ein Drittel in Slums. Während aber die gigantischen Siedlungen in den armen Ländern immer rasanter wuchern, leert sich Europa.


Forscher der Vereinten Nationen mussten einen neuen Begriff erfinden, um der Zukunft gerecht zu werden: Über-Stadt, englisch "Metacity", lautet das neue Schlagwort für den häuslichen Trend der Menschheit. In den siebziger Jahren hatte die Uno den Begriff Megacity eingeführt. Zunächst stand er für Städte mit mehr als fünf, dann mehr als acht, heute über zehn Millionen Einwohnern. Als Metacity zählen indessen Städte mit mehr als 20 Millionen Einwohnern - das sind mehr als die Einwohner Dänemarks, Norwegens und Schwedens zusammen.

Die Stadt ist die Lebensform der Moderne. Landluft macht eigen, Stadtluft macht frei - bereits im europäischen Mittelalter waren die Zusammenballungen Keimzellen des Fortschritts. Hier sprossen Handel, Kultur und Technologie, hier emanzipierte sich das Bürgertum von der Unterdrückung durch Adel und Klerus. Gleichwohl blieb die Stadt als Siedlungsform bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein Minderheitenphänomen. Im Jahr 2007 werden nun - zum ersten Mal in der Geschichte - mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land, wie die Uno-Unterorganisation Habitat errechnet hat.

"Die Globalisierung macht aus dem 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Städte", sagte Habitat-Exekutivdirektorin Anna Tibaijuka. In dem frisch veröffentlichten Bericht "State of the Worlds Cities 2006/07" liefern Statistiker und Bevölkerungsforscher von Habitat Fakten für dieses Szenario.

Überraschend dabei: Landflucht und Verstädterung, die umwelt- wie entwicklungspolitisch lange als Wurzel allen Übels galten, werden nun wertfrei als unabwendbar hingenommen. Niemand spricht mehr davon, die Entwicklung zu stoppen oder gar umzukehren. Die Hochrechnungen von Habitat sprechen für sich: Bis zum Jahr 2050 werden schon über zwei Drittel der Menschheit - sechs Milliarden Erdbewohner - in Städten leben.

Bombays Slums haben mehr Bewohner als Norwegen

"Die Geschichte hat gezeigt, dass städtische Entwicklung eng mit der Industrialisierung der Landwirtschaft verbunden ist, was wiederum die Menschen vom Land treibt", sagte Anna Tibaijuka der britischen BBC. "In einer Demokratie kann man aber nicht ihre Bewegungsfreiheit einschränken." Nicht zu viele Menschen in Städten seien ein Problem, sagte Tibaijuka, sondern Städte für alle Einwohner lebenswert zu machen.

War bislang der Großraum Tokio mit seinen über 35 Millionen Einwohnern der Archetyp der Mega- und Metacity, sind es die Metropolen der "Dritten Welt" und der Schwellenländer, denen die Aufmerksamkeit der Uno-Experten heute gilt. Hier leben die meisten Stadtbewohner, und es werden mehr.

Mit 95 Prozent verteile sich der Großteil des globalen Bevölkerungswachstums in den nächsten zwei Jahrzehnten auf die Städte der Schwellenländer. Auf vier Milliarden Menschen werde sich bis 2030 die Stadtbevölkerung in den Schwellen- und Entwicklungsländern verdoppeln. Gerade die seien am wenigsten auf die rasche Urbanisierung vorbereitet, warnt Habitat.

Am brisantesten ist das Thema in Asien: Bombay und Dhaka werden schon in zehn Jahren zu den fünf größten Städten der Welt zählen - und als Metacitys jeweils über 20 Millionen Einwohner haben. Noch führen Tokio, New York, Mexiko-Stadt und Seoul die Liste der größten Städte vor Bombay an. Doch schon heute leben in den Armutsvierteln der indischen Metropole mehr Menschen als in ganz Norwegen. Die Slums am Rand der armen Riesenstädte werden künftig jede Dynamik in den reichen Ländern überflügeln, so das Szenario von Habitat.

Jährlich 27 Millionen Slum-Bewohner mehr

Seit den sechziger Jahren hat sich die Zahl der Slumbewohner weltweit mehr als verdreifacht. Eine Milliarde Menschen leben schon heute in den Elendsvierteln rund um die Millionenstädte der Schwellen- und Entwicklungsländer. Nach Schätzungen von Habitat landen jedes Jahr 27 Millionen Menschen neu in den Slums der Großstädte.

Der Ort der Armut verschiebt sich in die städtischen Gebiete. In einigen afrikanischen Ländern südlich der Sahara wie Tschad, Niger oder Sierra Leone sei die Not in der Stadt schon jetzt größer als auf dem Land. Das Gleiche gelte für Lateinamerika und die Karibik. "Wir sitzen auf einer sozialen Zeitbombe", warnt Habitat in dem Bericht und geht hart mit der bisherigen Entwicklungs- und Siedlungspolitik ins Gericht. "Nur wenige Maßnahmen hatten wirtschaftliche oder soziale Auswirkungen auf die arme städtische Bevölkerungen."

Während die Mehrheit der Weltbevölkerung künftig in Städten wachsen wird, schrumpfen zwei Inseln des Wohlstands - Japan und Europa. Nach Uno-Schätzungen wird die Bevölkerung Europas von derzeit rund 730 Millionen Menschen um rund 75 Millionen schrumpfen - mehr als ein Zehntel.

Rückgang im reichen Norden

"Europa und Japan stehen einem Bevölkerungsproblem gegenüber, das beispiellos in der Geschichte der Menschheit ist: Bevölkerungsrückgang bei gleichzeitig steigendem Alten-Anteil", sagte Bill Rutz, Präsident des Think Tanks Population Reference Bureau in Washington.

"Diese Daten müssen wir mit Ernst akzeptieren", sagte der japanische Premierminister Junichiro Koizumi, als bekannt wurde, dass Nippons Gesamtbevölkerung 2005 zum ersten Mal überhaupt geschrumpft war. Japans Bevölkerung ist heute die älteste der Welt, gefolgt von Italien.

In Europa - das in dieser Statistik bis zum Ural reicht - tragen besonders die Länder der früheren Sowjetunion zum enormen Rückgang bei. Bis Mitte des Jahrhunderts soll etwa die Ukraine rund 40 Prozent ihrer heutigen Bevölkerung verlieren und auf 26 Millionen Menschen schrumpfen. Eine Geburtenrate über zwei Kinder pro Frau hat nur noch ein einziges europäisches Land, Albanien.

Hierzulande ist der Bevölkerungsrückgang längst nicht mehr nur ein ostdeutsches Thema, wo ganze Landstriche zu veröden drohen. Auch vor westdeutschen Städten macht der demografische Wandel nicht halt. So zeigen die interaktiven Karten des "Wegweisers Demografie" der Bertelsmann-Stiftung, welche Städte sich bis 2020 auf Schrumpfung einstellen müssen. Nicht nur Bremerhaven, Wilhelmshaven oder Coburg tauchen da rot gefärbt mit der Prognose "stark abnehmend" auf. Vielerorts deutet der Trend in Mitteleuropa auf Mikro- statt Metacity.

So sagt der 15-Jahres-Ausblick auch Wuppertal, Duisburg und Gelsenkirchen einen Rückgang voraus. Alle drei zählen mit dem Ballungsgebiet Rhein-Ruhr noch zur einzigen deutschen Megacity. Weltweit übertreffen nur gut 20 urbane Zentren die zwölf Millionen Menschen an Rhein und Ruhr - noch.

stx/AP/dpa



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