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Bevölkerungswachstum: Die Welt ist nicht genug

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Sieben Milliarden Menschen bevölkern die Erde - und alle wollen essen, trinken, einkaufen, in Wohlstand leben. Schon jetzt verbrauchen sie mehr, als der Planet langfristig bieten kann. Forscher wollen der verhängnisvollen Entwicklung mit neuen Technologien begegnen. Doch das allein reicht nicht.

Weltbevölkerung: Wie sieben Milliarden Menschen satt werden Fotos
REUTERS

Wer Jason Clay bei einem seiner Vorträge zuhört, kann es durchaus mit der Angst um die Menschheit zu tun bekommen. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir unseren Planeten im Jahr 2050 nicht mehr wiedererkennen", sagt der Wirtschaftsexperte der Umweltorganisation WWF. Die größte Bedrohung auf der Erde ist laut Clay nicht etwa ein Atomkrieg, eine Superseuche oder die drohende Klimakatastrophe - sondern die Landwirtschaft.

"Der Verlust an Lebensräumen und die Waldzerstörung gehen zum größten Teil auf die Landwirtschaft zurück", sagt Clay. Das mache sie nicht nur zur größten Quelle von Treibhausgasen. Sie verschlinge auch doppelt so viel Wasser wie alle anderen Aktivitäten des Menschen zusammengerechnet. "Es kostet heutzutage einen Liter Wasser, um eine Kalorie herzustellen", rechnet Clay vor. Ein Mann von 75 Kilo Körpergewicht braucht 3000 Kalorien pro Tag, und das schon bei mittelschwerer körperlicher Aktivität.

In den sechziger Jahren etwa war das noch kein größeres Problem. Für den Oldie-gewöhnten deutschen Radiohörer mag es überraschend sein, aber als die Beatles ihre größten Hits hatten, gab es auf der Erde etwa halb so viele Menschen wie heute. Am 31. Oktober 2011, so schätzen die Vereinten Nationen, werden es sieben Milliarden sein - und alle wollen essen, trinken, Kleidung kaufen, Kinder haben, in Wohlstand leben.

Um Christi Geburt gab es gerade einmal 300 Millionen Menschen. Bis zum Jahr 1804 dauerte es, um die Bevölkerung um weitere 700 Millionen auf eine Milliarde Menschen wachsen zu lassen. Dann setzte die Industrialisierung ein - und die Weltbevölkerung explodierte. Für die zweite Milliarde brauchte die Menschheit nur noch 123 weitere Jahre, für die dritte 32 und die vierte 15 Jahre. Die siebte und bisher letzte kam innerhalb von nur zwölf Jahren hinzu.

Sieben Milliarden Menschen hätten auf Mallorca Platz

Platz ist auf der Erde reichlich. Würden sich sieben Milliarden Menschen eng zusammenstellen - also etwa einen halben Quadratmeter pro Person einnehmen -, würden sie alle auf Mallorca passen. Doch entscheidend ist nicht, wie viele Menschen auf dem Planeten leben, sondern was sie verbrauchen. Und das ist schon heute zu viel.

Nach Berechnungen des Forscherverbands Global Footprint Network verbraucht die Menschheit derzeit eineinhalb mal so viele Ressourcen, wie die Erde bereithält. Allein der Wasserverbrauch demonstriert die Dimension des Problems. Laut einer Unesco-Studie vom Mai 2011 liegt der weltweite Pro-Kopf-Bedarf bei fast 1400 Kubikmetern pro Jahr - das sind 1,4 Millionen Liter. Und das ist wohlgemerkt nur der globale Durchschnitt. In den USA etwa ist der Pro-Kopf-Verbrauch mehr als doppelt so hoch.

Die rund zwei Liter, die ein Mensch täglich trinkt, fallen dabei kaum ins Gewicht. 92 Prozent des Wasserverbrauchs gehen laut Unesco auf das Konto der Landwirtschaft - was kaum verwundert angesichts der Tatsache, dass etwa die Herstellung eines einzigen Kilogramms Schweinefleisch rund 10.000 Liter verschlingt. Unter dem Strich steuert die Menschheit auf einen Gesamtbedarf von zehn Billionen Kubikmetern Wasser pro Jahr zu. Der Bodensee wäre bei diesem Verbrauch in weniger als zwei Tagen leer.

Von einer "untragbaren Last für die Erde" spricht John Sulston, Chef der Bevölkerungsarbeitsgruppe der britischen Royal Society, anlässlich der Vorstellung des Uno-Weltbevölkerungsberichts. "Wir müssen uns überlegen, wie die Erde so viele Individuen versorgen kann." Ähnlich äußert sich John Bongaarts von der New Yorker Denkfabrik Population Council. "Es gibt klare Zeichen, dass die Umwelt mit der jetzigen Einwohnerzahl überlastet ist", sagt der Forscher. "Wir könnten noch mehr Menschen ernähren, aber nur, wenn wir noch mehr Natur verbrauchen. Und das würde zwangsläufig in den Untergang führen."

Wird die Menschheit bald drei Erden brauchen?

In diesem Falle würde Thomas Malthus vielleicht doch noch recht behalten. 1798 stellte der britische Ökonom in seinem "Essay on the Principle of Population" seine Bevölkerungstheorie vor. Demnach kommt zwangsläufig der Moment, in dem die Nahrungsproduktion nicht mehr mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten kann. Kriege, Hungersnöte und Krankheiten würden die Bevölkerung dann wieder dezimieren. Die Fortschritte in Technologie, Landwirtschaft und Medizin haben Malthus bisher widerlegt - zumindest auf globaler Ebene. Ob das aber immer so bleiben wird, ist keinesfalls gesagt.

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1. Die folgenden Fehler traten bei der Verarbeitung auf:
Ingmar E. 27.10.2011
Es braucht nicht mehr Fläche, sondern Umstellung der Ernährungsgewohnheiten. Es braucht keine 2kg Fleisch die Woche, 300g reichen völlig aus. Man muss auch nicht doppelt soviel Nahrungsmittel kaufen, wie man verbraucht (wie in der westlichen Welt üblich). Umstellung auf weniger Fleischkonsum, besseres Einkaufsverhalten, und dann keine Flächen mehr für Energieproduktion nutzen. Von 17Mio Hektar Agrarfläche werden in Deutschland allein 2Mio Hektar für Energieproduktion genutzt. Wir schmeissen soviel Nahrungsmittel weg, und produzieren sinnlos riesige Mengen Fleisch, verschwenden Ackerfläche für Energiepflanzen. Die Welt könnte locker 10-12Mrd Menschen ernähren, aber nicht mit dem jetzigen westlichen Lebensstil. Nicht wenn unser Lebensstil Vorbild für die restliche Welt bleibt und alle uns nacheifern wollen.
2. am dt. wesen
saako 27.10.2011
auch hier könnte deutschland vorbild sein und, statt die einwanderung zu fördern, die bevölkerungsdichte sinken lassen
3. Was wir
Katzenfreund, 27.10.2011
Was wir dringend benötigen ist ein Stopp des Bevölkerungswachstums. Und zwar schnellst möglich. Alles andre ist Wunschdenken.
4. wenigstens
manque_pierda 27.10.2011
ist der Artikel folgenbewusst und nicht wie immer noch oft als Verheißung zum Weltbevölkerungswachstum geschrieben. Aber die Sprengkraft ist in Wissenschaftssprech noch immer verborgen und die ist für mich nicht primär in der Kannibalisierung der natürlichen Ressourcen zu suchen, sondern in der tatsächlichen Endlichkeit der Versorgungsfähigkeit dieser Weltbevölkerung und den Folgen, die früher Wikingerfahrt, Kreuzzüge, Maya-Bürgerkrieg auf Yucatán hießen oder aktuell islamischer Dschihad heißen. Selbstbeschränkung ist nicht nur in Ernährungsgewohnheiten zu suchen, sondern eben auch in der Reproduktion, egal wie moralisch oder ethisch zweifelhaft dies bewertet wird.
5. Reines Wunschdenken
Katzenfreund, 27.10.2011
Zitat von Ingmar E.Es braucht nicht mehr Fläche, sondern Umstellung der Ernährungsgewohnheiten. Es braucht keine 2kg Fleisch die Woche, 300g reichen völlig aus. Man muss auch nicht doppelt soviel Nahrungsmittel kaufen, wie man verbraucht (wie in der westlichen Welt üblich). Umstellung auf weniger Fleischkonsum, besseres Einkaufsverhalten, und dann keine Flächen mehr für Energieproduktion nutzen. Von 17Mio Hektar Agrarfläche werden in Deutschland allein 2Mio Hektar für Energieproduktion genutzt. Wir schmeissen soviel Nahrungsmittel weg, und produzieren sinnlos riesige Mengen Fleisch, verschwenden Ackerfläche für Energiepflanzen. Die Welt könnte locker 10-12Mrd Menschen ernähren, aber nicht mit dem jetzigen westlichen Lebensstil. Nicht wenn unser Lebensstil Vorbild für die restliche Welt bleibt und alle uns nacheifern wollen.
Fakt ist aber das der Rest der Weltbevölkerung genau nach dem westlichen Lebensstil strebt. Und wer will es ihnen verdenken.
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