Bewegungsdefizit Zwei Millionen Tote pro Jahr

Es ist offenbar nicht nur ein Problem der Industrienationen: Weltweit bewegen sich 80 Prozent der Erwachsenen nicht ausreichend. Uno-Generalsekretär Kofi Annan spricht von der "Epidemie eines ungesunden Lebensstils".


Genf - Überwiegend sitzende Tätigkeiten, ungesunde Lebensweise und das Rauchen trügen zu einer starken Ausbreitung von Krankheiten wie Diabetes oder Herz- und Gefäßleiden weltweit bei, sagte Annan am Sonntag anlässlich des Weltgesundheitstags.

Kofi Annan: "Epidemie eines ungesunden Lebensstils"
REUTERS

Kofi Annan: "Epidemie eines ungesunden Lebensstils"

Insbesondere die Menschen in den armen Ländern hätten vielfach gar nicht die Möglichkeit, gesund zu leben und sich so gegen Krankheiten zu schützen. "Armut, mangelnde Bildung und fehlende Gesundheitsdienste tragen ebenso zum Auftreten nicht übertragbarer Krankheiten bei wie zu Aids, Tuberkulose und Malaria", sagte Annan in einer Erklärung zum Jubiläum der Weltgesundheitsorganisation WHO, die am 7. April 1948 gegründet wurde.

"Wir schätzen, dass sich weltweit bis zu 80 Prozent der erwachsenen Menschen nicht ausreichend bewegen", hieß es bei der WHO in Genf. Schätzungen zufolge sterben jährlich rund zwei Millionen Menschen, weil sie ihrem Körper Zeit ihres Lebens keine ausreichende Bewegung gegönnt haben. Jeder dritte Krebsfall könne durch eine gesunde Ernährung, normales Körpergewicht und körperliche Aktivität verhindert werden, hieß es.

Noch trauriger ist die Bilanz bei Kindern, die infolge schlechten Wassers sterben. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt wies darauf hin, dass jährlich drei Millionen Kinder weltweit an Durchfall sterben, nachdem sie schlechtes Wasser zu sich genommen hatten.

In Deutschland leiden nach Angaben von Experten mindestens 40 Prozent aller Schulkinder an Haltungsschwächen, 20 bis 30 Prozent leiden an Übergewicht in Folge von Bewegungsmangel. Auch nahezu die Hälfte aller Rückenleiden wird nach Einschätzung des Jenaer Rheumatologen Gert Hein durch Bewegungsmangel verursacht. "Während erblich bedingte schwere Rückenleiden immer mehr zurückgehen, nimmt Rückenschmerz als Folge mangelnder körperlicher Bewegung deutlich zu", sagte der Mediziner der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

"Die Technik bringt es mit sich, dass schon Kinder lieber vor dem Computer sitzen als sich im Freien zu betätigen", sagte die Präsidentin der Sächsischen Landesvereinigung für Gesundheitsförderung, Christine Weber. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie in Berlin betonte: "Übergewicht führt auf Dauer zur Überbelastung der Wirbelsäule, Kreuzschmerzen und Bandscheibenschäden."

Nach Angaben des Geschäftsführers des Kreuzbundes in Hamm, Heinz-Josef Janßen, sind rund eine halbe Million Kinder und Jugendliche in Deutschland alkoholkrank oder -gefährdet. Ein früher Einstieg in den Alkoholkonsum erhöhe das Risiko einer späteren Abhängigkeit deutlich, betonte der Chef des größten deutschen Sucht-Selbsthilfeverbandes aus Anlass des Weltgesundheitstages. Im Jahr 2000 seien knapp 40.000 Alkoholkranke in Behandlung gewesen, sagte er.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.