Bewegungsforschung Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Zur Arbeit, nach Hause, zur Arbeit: Mit Hilfe von Mobiltelefondaten haben Wissenschaftler die menschliche Bewegung analysiert. Dabei haben sie herausgefunden, dass Routine unser tägliches Leben maßgeblich bestimmt - und auch unsere Bewegungsmuster.


Berlin - Handy-Nutzer sind wahre Datenschleudern. Unbemerkt vom Besitzer tritt das Taschentelefon regelmäßig in Kontakt mit dem nächstliegenden Funkmast des Handy-Betreibers. Penibel vermerkt das Netz dabei, welcher Kunde sich bewegt, also sich in das Gebiet eines anderen Sendemasts begibt. Das Netz muss schließlich immer wissen, wer sich wo befindet. Nur so können Gespräche korrekt durchgestellt werden.

Kardinal mit Mobiltelefon: Daten von 100.000 Menschen ein halbes Jahr lang ausgewertet
REUTERS

Kardinal mit Mobiltelefon: Daten von 100.000 Menschen ein halbes Jahr lang ausgewertet

Die Datenflut, die so entsteht, lässt sich auf vielfältige Weise nutzen. Wenn man ein Telekommunikationskonzern wäre, könnte man - ganz hypothetisch gesprochen - gezielt die Handys von Geheimnisträgern aus der eigenen Firma anpeilen, um so herauszufinden, ob sich diese mit Journalisten zu Plauderstündchen treffen. Kleiner Haken daran: Man bewegt sich juristisch auf sehr, sehr dünnem Eis.

Eine andere Möglichkeit wäre die Anonymisierung der Daten, so wie es ein Forscherteam um Albert-László Barabási von der Northeastern University in Boston getan hat. Die Wissenschaftler hatten mit statistischen Mitteln aus einer Grundmenge von sechs Millionen Handybesitzern eine Gruppe von 100.000 Menschen herausgesucht. Deren Bewegungsdaten wurden ein halbes Jahr lang anonym aufgezeichnet und später ausgewertet. Ihre Erkenntnisse haben die Forscher im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht.

Es ging um folgende Frage: Welchen Gesetzmäßigkeiten unterliegt die Bewegung eines modernen Menschen? Bisher dachte man immer, dass diese mit den Formeln des sogenannten Levy-Fluges beziehungsweise des Random Walks beschrieben werden kann. Das hatten Forscher aus der Beobachtung von Albatrossen, Affen und Raubfischen im Meer geschlossen. Auch mit der Nachverfolgung von Banknoten wollten Wissenschaftler dem Geheimnis der menschlichen Bewegungsmuster zu Leibe rücken.

Für den Levy-Flug sprach unter anderem, dass er verschieden große Distanzen umfasst: Meistens erfolgen die Bewegungen des betrachteten Subjekts auf kleinem Raum, dann und wann ist aber auch mal ein großer Sprung drin. Für uns Menschen klingt das vertraut. Normalerweise spielt sich das Leben im engen Kreis zwischen Arbeit, Supermarkt und Kita ab - aber dann und wann geht's eben auch nach Spanien, auf die Fidschi-Inseln oder zu Oma an die Ostsee.

So weit, so gut, doch nach Ansicht von Barabási beschreibt die Formel die menschliche Bewegung nur unzureichend, weil wir - wohl noch mehr als in der Levy-Theorie - Gewohnheitstiere sind. Im Gegensatz zu Tieren können wir uns eben nicht vollkommen frei von Zwängen bewegen: Zur Arbeit muss man jeden Tag, das hilft alles nichts.

Deswegen konnten die Forscher beobachten, dass einige Orte besonders häufig aufgesucht wurden: das eigene Zuhause und der Schreibtisch gehörten dazu. "Banknoten zerstreuen sich, Menschen nicht", so das Fazit der Forscher. Wichtig sind die Erkenntnisse zum Beispiel bei der Frage, wie sich Infektionskrankheiten ausbreiten. Die anonymisierten Bewegungsdaten von Mobiltelefonen und ihren Besitzern werden übrigens auch anderweitig genutzt, und zwar im Verkehrsmanagement. Denn wo sich ungewöhnlich viele Mobiltelefone beim Netz anmelden, da kann es gut sein, dass die Besitzer im Stau stehen.

chs



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.