Bewusstsein Gehirn reagiert im Wachkoma auf Worte

Wachkoma-Patienten nehmen nichts mehr von ihrer Umgebung wahr - glaubte man bisher. Doch die Zweifel werden immer größer. Jetzt haben Forscher bei einer Frau im Wachkoma festgestellt, dass ihr Gehirn auf gesprochene Worte genauso reagiert wie das von gesunden Menschen.

Von Andreas Kohler


Die junge Frau liegt nach einem schweren Verkehrsunfall im Wachkoma. Äußerlich ist sie unfähig, auf ihre Umgebung zu reagieren - sie kann weder sprechen noch sich gezielt bewegen. Und dennoch laufen in ihrem Gehirn komplexe Bewusstseinsprozesse ab, wie Forscher jetzt herausgefunden haben.

Das Team um den Neurowissenschaftler Adrian Owen vom britischen Medical Research Council in Cambridge untersuchte die Patientin mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomografie (fMRI). So machten die Forscher anhand von Veränderungen in der Blutzufuhr Prozesse im Gehirn der Frau sichtbar - und konnten zeigen, dass das Denkorgan der scheinbar geistig völlig abwesenden Frau genauso auf Sprache reagierte wie das Gehirn gesunder Menschen.

Im Wachkoma, auch "Apallisches Syndrom" genannt, liegen derzeit alleine in Deutschland nach Expertenschätzung bis zu 8000 Menschen. Die Betroffenen haben eine schwere Schädigung des Großhirns erlitten, während andere Hirnteile noch weitgehend intakt sein können. Dadurch wachen die Patienten zwar auf, können aber weder kommunizieren noch sind sie sich selbst oder ihrer Umwelt bewusst – das jedenfalls war bislang die Lehrmeinung.

Patientin verstand offenbar Worte

Die Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht wurde, beschreibt, dass die junge Frau bloßen Lärm von sinnvollen Wörtern unterschied. Wurden der Patientin Sätze mit einem doppeldeutigen Wort vorgesprochen, reagierten sogar ganz spezielle Hirnregionen, die für das Verstehen von Sprache verantwortlich sind.

Noch deutlichere Hinweise auf Bewusstseinprozesse erbrachte ein weiterer Test: Die Wissenschaftler baten die Wachkomapatientin zunächst, sich vorzustellen, sie spiele Tennis. Dann sollte sie in ihrer Vorstellung die Räume ihres eigenen Hauses durchlaufen. Bei beiden Versuchen gab es keinen nennenswerten Unterschied zwischen den Gehirnreaktionen der Frau im Koma und denen von gesunden Vergleichspersonen.

Spektakuläre Einzelstudie

Das bedeutet nach Meinung der Forscher: Obwohl die Frau alle Kriterien eines Wachkomas erfüllte, konnte sie gesprochene Worte ganz offensichtlich verstehen und darauf reagieren – nicht sprachlich oder mit Bewegungen, aber durch Gehirnaktivität. Zwar warnen die Forscher davor, den speziellen Fall der jungen Patientin zu verallgemeinern – zu unterschiedlich seien die Verletzungen und Krankengeschichten von Menschen im Wachkoma. Auch ist man sich in der Fachwelt nicht einig, wie genau "Bewusstsein" zu definieren ist.

Nicolas Schiff von der Columbia University bezeichnete die Resultate der Studie in einem ebenfalls in "Science" erschienenen Kommentar als spektakulär. Ende 2005 war bereits ein Forschungsprojekt in Oldenburg zu dem Ergebnis gekommen, dass Wachkoma-Patienten auf äußere Reize reagieren können.

Wachkoma-Patienten fördern und ernst nehmen

Für den Neurochirurgen Andreas Zieger bestätigen solche Forschungsergebnisse, dass selbst ein schwer geschädigtes Gehirn wieder aktivierbar sein kann, wenn man den Patienten ernst nimmt und entsprechend fördert. Zieger leitet die Abteilung Frührehabilitation für schwerst Schädel-Hirn-Geschädigte am evangelischen Krankenhaus Oldenburg. Die Meinung, dass Menschen im Wachkoma "keine seelenlosen Hüllen sind, in denen nichts Geistiges mehr abläuft", vertritt er seit vielen Jahren. Untersuchungen mit modernster Technik wie die der englischen Forschergruppe bestätigen ihn: "Jetzt ist es möglich, dynamische funktionelle Hirnsysteme darzustellen. Alte Theorien sind damit beweisbar".

Zieger vertritt die Methode der "Komastimulation durch körpernahen Dialogaufbau": Durch intensive Ansprache und auch körperliche Berührungen soll den Patienten damit der Weg zurück ins Bewusstsein geebnet werden. Viele andere Mediziner behandelten ihre Patienten immer noch nach dem Motto "einmal Wachkoma, immer Wachkoma – das wird sowieso nicht wieder", sagt Zieger. Er fordert dagegen, dass sich die Gesellschaft intensiv um diese Patienten kümmert und nimmt auch die Wissenschaft in die Pflicht: "In Deutschland wird die Komaforschung schwer vernachlässigt, der Versorgungsforschung für Wachkomapatienten fehlen die Mittel."

Testprogramme für Wachkoma-Patienten

Die Forscher der englischen Studie hoffen, ihre Untersuchungen weiter vorantreiben zu können und Komapatienten so irgendwann sogar Kommunikationshilfen zu bieten. Zumindest stellen sie sich vor, auf der Basis der fMRI-Darstellung ein regelrechtes Testprogramm aufzubauen, mit dem die Rehabilitation der Patienten überwacht und gezielt unterstützt werden könnte. Zieger sieht darin allerdings auch eine Gefahr: Wenn man Menschen im Wachkoma systematischen Tomografie-Tests unterziehe, könne das dazu führen, dass sie früh "sortiert" werden in rehabilitierbar und unheilbar. "Man sollte sich bei den Prognosen unbedingt zurückzuhalten und jeden Patienten so behandeln, dass er die Chance hat, sein volles Bewusstsein wiederzuerlangen."

Auch Walter Ullmer, stellvertretender Bundesvorsitzender des Vereins "Schädel-Hirnpatienten in Not", fühlt sich durch die englische Studie bestätigt. Aus den Ergebnissen neuerer Untersuchungen folge zwingend, dass man andere Umgangsformen mit Komapatienten werde finden müssen: "Es macht einen Unterschied, wie man am Krankenbett über den Menschen redet." Durchaus vorstellbar, dass eine junge Frau im Wachkoma, die sich ein Tennisspiel vorstellen kann, auch wahrnimmt, was in ihrer Gegenwart über ihre Genesungschancen gesprochen wird.



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